Geschichte

Cornelius Wüllenkemper – Texte und Hörfunk

 

Das schwere Erbe der Stasi

Zwei Jahre nach dem Fall der Mauer wurde in Berlin die Stasi-Unterlagenbehörde eingerichtet. Die Akten des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit sind seither für jeden zugänglich, der wissen möchte, was der DDR-Geheimdienst über ihn gespeichert hat. Rund 5.000 Menschen monatlich machen nach wie vor von dieser Einrichtung Gebrauch. Nun wird debattiert, welcher Aufwand fast 30 Jahre nach dem Mauerfall noch gerechtfertigt ist. Wie geht es weiter mit den Stasi-Unterlagen? Darüber herrscht Uneinigkeit zwischen Historikern, Archivaren, Juristen und Zeitzeugen.

ORF, 26. März 2018

Orf, Journal Panorama, 26. März 2018

Stasi raus! Stasi raus! Stasi-raus!

In der Nacht des 15. Januar 1990 stürmte eine aufgebrachte Menge das Hauptquartier des Ministeriums für Staatssicherheit in Berlin-Lichtenberg. Die Hauptforderungen: die institutionelle Auflösung des MfS und die sofortige Beendigung der Aktenvernichtung. Seit Wochen bereits war man in der Stasi-Zentrale dazu übergegangen, Aufzeichnungen über die Geheimdienstarbeit der DDR in In- und Ausland zu zerstören, bevor sie in falsche Hände geraten würden. Neben 111 erhaltenen Aktenkilometern lagern bis heute rund 15 000 Säcke mit per Hand zerrissenen Akten in den Archiven.

Nie wieder Stasi, nie wieder Stasi!

Mit 189 000 hauptamtlichen und 91 000 inoffiziellen Mitarbeitern war die Staatssicherheit ein Geheimdienst, der Regimekritiker oder auch unbescholtene DDR-Bürger flächendeckend überwachte, schikanierte und misshandelte. Die Stasi kontrollierte ganze Biographien und zerstörte Existenzen. Das Ausmaß der historischen Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels des Arbeiter- und Bauernstaats gilt heute im In- und Ausland als einzigartig. Zwei Jahre nach dem Mauerfall wurde unter der Ägide des damaligen Bürgerrechtlers und späteren Bundespräsidenten Joachim Gauck die Bundesbehörde für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes gegründet. Die Behörde ermöglicht bis heute sowohl Forschern als auch Opfern einen tiefen Einblick in die Funktionsweise des Unrechts-Regimes der DDR.

Ein Vernehmerzimmer, unschwer zu erkennen. Der Vernehmer, Leutnant-Dienstgrad, der saß dort auf dem Sessel, und ich saß hier auf dem Stuhl, und ich war der Beschuldigte Körner, nur den Nachnamen hat er genannt.

Einer der vielen, die völlig schuldlos in die Fänge der Stasi gerieten, ist Friedemann Körner. Heute führt der 1945 in Dresden geborene ausgebildete Tenor-Sänger Besuchergruppen durch das berüchtigte Stasi-Gefängnis in Berlin Hohenschönhausen. Mehr als 440 000 Besucher jährlich zählt die heutige Gedenkstätte, in der Zeitzeugen über ihre Erfahrungen mit dem Ministerium für Staatsicherheit berichten. Als 1974 die Flucht eines Freundes aus der DDR misslang, beschuldigte die Stasi Friedemann Körner der Mitwisserschaft.

Die Untersuchungsführer kamen hier rein und schrien mich an, ich soll es dem Leutnant nicht so schwer machen. Ich soll geständig werden. Wir wissen alles, aber wir wollen es von ihnen noch hören, der Leutnant muss das protokollieren. Wir haben hier schon jeden kleingekriegt, Körner. Sie kriegen wir auch klein, was meinen Sie denn, wer Sie sind? Sänger sind Sie? Meinen Sie! Wir sagen, Sie waren Sänger. Denn wir schaffen es, das Sie nie wieder singen können.

Die Anschuldigungen gegen Friedemann Körner, der damals als Tenor in der Solistenvereinigung im DDR-Rundfunk sang, reichten von „staatsfeindlicher Verbindung“ über „staatsfeindlichen Menschenhandel“ bis hin zum Drogenhandel. Wieso er trotz der völlig haltlosen Beschuldigungen schließlich zu fünf Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt wurde, sollte Friedemann Körner erst zwei Jahrzehnte später entdecken.

1994 hatte ich Akteneinsicht. Und in den Akten erst fand ich den wahren Grund, warum die mich hier so hart zur Seite genommen hatten. Eine abschreckende Maßnahme. Nun war ich hier, und eine abschreckende Maßnahme erfordert natürlich viele Haftjahre. Und die wurden hier erzielt.

Körners willkürliche Inhaftierung sollte andere Musiker des DDR-Rundfunks davon abhalten, sich bei Konzertreisen ins Ausland abzusetzen, oder überhaupt mit dem Gedanken zu spielen. Friedemann Körner ist eines von hunderttausenden Opfern staatlicher Willkür, die erst durch Öffnung der Geheimdienst-Archive Gewissheit darüber erlangen konnten, wie und wieso genau die Stasi sie ins Visier nahm. Auch 28 Jahre nach dem Mauerfall dauert die Erschließung und Rekonstruktion der Akten über die Operationen der Staatsicherheit an. Welcher Aufwand ist fast drei Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch der DDR gerechtfertigt, um die Stasi-Akten und Archivmaterialien zu erschließen und vor dem Verfall zu retten? Und welche Bedeutung hat die Stasi-Vergangenheit heute noch im öffentlichen Leben der Bundesrepublik? Wie geht es weiter mit der Stasi-Unterlagenbehörde, die bis heute einen jährlichen Haushalt von rund 100 Millionen Euro hat und an 14 Standorten 1600 Mitarbeiter beschäftigt?

Jeden Monat werden 5000 Anträge von persönlich Betroffenen gestellt, von Bürgern, in deren Leben die Staatssicherheit eingegriffen hat. Diese 5000 Anträge machen deutlich, dass es wichtig ist, dass die Akten weiter geöffnet sind und den Menschen zur Verfügung stehen.

Roland Jahn, ehemaliger DDR-Bürgerrechtler und Journalist, wurde 1983 aus der DDR ausgebürgert. 2011 wählte der Deutsche Bundestag ihn zum neuen Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde. Neben den privaten Anträgen auf Akteneinsicht bearbeitet sein Haus auch Anträge von Journalisten und Historikern, gibt Auskunft über Personen in hohen öffentlichen Ämtern oder etwa bei Ordensverleihungen, um sicherzustellen, ob deren Empfänger ihrer würdig sind.

Wir sind ein Dienstleister für die Gesellschaft, und man muss entscheiden, wo ist der Bedarf und welche Aufgaben müssen erfüllt werden? Der Deutsche Bundestag hat klar beschlossen, der Gesamtbestand des Stasi-Unterlagenarchivs soll erhalten bleiben und der Gesellschaft zur Verfügung gestellt werden. Und um so wichtiger ist es, zukunftsfähige Strukturen zu haben, die sicherstellen, dass eine archivgerechte Lagerung dieser Stasi-Akten stattfindet. Das Papier wird ja nicht besser. Wir brauchen klima-gerechte Magazine, wir brauchen eine Digitalisierung, wir brauchen technische Investitionen, damit die Akten zeitgemäß modern angeboten werden können.

Die Digitalisierung der Stasi-Akten wird ein Projekt von erheblichem Ausmaß sein, das bis heute kaum abzuschätzen ist. Dessen ungeachtet wurde zuletzt Kritik am Kostenapparat der archivalischen Arbeit geübt. Der Bundesrechnungshof etwa monierte in seinem Jahresbericht 2016 die Kosten der Rekonstruktion zerrissener Stasi-Akten – 15 000 Säcke mit Aktenmaterial, das MfS-Mitarbeiter bis zur Erstürmung der Stasi-Zentrale im Januar 1990 zerrissen hatten. Ein aufwendiges Forschungsprojekt mit Hochleistungsscannern und Spezialsoftware, die die Akten-Schnipsel digital zusammensetzen sollten, zeitigte nicht die gewünschten Ergebnisse: nur 23 der 15 000 Säcke konnten zunächst erschlossen werden. Die manuelle Rekonstruktion wiederrum würde mehrere hundert Jahre in Anspruch nehmen. Trotz aller Schwierigkeiten sei das Ziel klar, betont der Bundesbeauftragte Roland Jahn:

Mir ist es wichtig, dass nicht die Stasi bestimmt, was wir lesen dürfen und was nicht. Da muss man natürlich immer prüfen, was ist verhältnismäßig auch im Aufwand. Aber das Ziel ist es hier, durchaus zielgerichtet einige Säcke von den 15 000 Säcken zu rekonstruieren, dass sie sowohl für die persönliche Akteneinsicht als auch für die Forschung zur Verfügung stehen.

Nachdem der Bundesrechnungshof 2016 beanstandete, dass die 14 Millionen Euro zur Rekonstruktion der Aktenschnipsel aufgewendet wurden, „ohne dass absehbar war, wann und wie eine relevant höhere Zahl von Säcken bearbeitet werden könnte“, will die Stasi-Unterlagenbehörde nun mit dem Fraunhofer Forschungsinstitut ein optimiertes Verfahren entwickeln. Lohnt sich der Aufwand? Welche Rolle bei der Rekonstruktion die Abwägung von Kosten und Nutzen spielt, macht vor allem ein Umstand deutlich, meint Jochen Staadt, Projektleiter des Forschungsverbundes SED-Staat der Freien Universität Berlin.

Zunächst hatten wir immer gedacht, es handelt sich um hochbrisantes Material, diese Säcke, die dann zusammengesetzt werden. Da gab es sehr interessante Akten, […] aber es gibt auch sehr viel Leerlauf-Befehle und dieses übliche bürokratische Material, was die Stasi für hochinteressant und wichtig hielt. Wenn man es aber liest, muss man sagen, es ist zu Teil dieses Bürokratenschriftgut, was uns nicht viel lehrt für die Aufarbeitung.

Nicht nur die Rekonstruktion und der Erhalt der Papier-Akten sind zentrale Herausforderungen für die Archivare und Historiker. Im Digitalisierungsstudio in der ehemaligen Stasi-Zentrale in Lichtenberg kämpft man gegen den Verfall des Ton-, Bild- und Videomaterials.

Wir haben viele Aufzeichnungen vom Alexanderplatz zum Beispiel, also, wo Plätze überwacht wurden.

Meint Christian Appel, Leiter des Digitalisierungsstudios der Stasi-Archive.

Wir haben Aufzeichnungen von IM-Treffen, die heimlich auf Video festgehalten wurden, meist in sehr schlechter Qualität, und es ist nur schematisch zu erkennen. Wir haben Schulungsmaterial, Verhöre, und Gerichtsverhandlungen sind noch dokumentiert, und ansonsten auch mal eine Überwachung von Personen, wo dann teilweise versteckt aus einer Überwachungswohnung heraus Personen gefilmt wurden.

Hier ist es dunkel im Hintergrund, der sieht uns nicht, sei nicht so ängstlich! Genug gegafft, oder? Wie spät ist es? Neun Uhr zehn? Der sieht so richtig aus wie die Kapitalisten. Ein richtig fetter Unternehmer.

Der Überwachungsfilm der Staatssicherheit zeigt einen vollschlanken Herrn, der sich neben seiner Oberklasse-Limousine mit zwei weiteren Personen unterhält. Die Gesichter und KFZ-Kennzeichen sind unkenntlich gemacht, betont Studioleiter Christian Appel. Die Anonymisierung aller bei einer Überwachung erhobenen personenbezogenen Daten über Dritte sieht das Stasi-Unterlagengesetz seit 1991 vor. Eine Praxis, die unter Historikern und Juristen fast drei Jahrzehnte nach der Öffnung der Stasi-Archive kontrovers diskutiert wird. Ein lautstarker Kritiker ist Jochen Staadt vom Forschungsverbund SED-Staat. Er meint, den rund 400 Sachbearbeitern im Stasi-Archiv fehle es nicht selten an historischem Einschätzungsvermögen, um Akten sinnvoll zu anonymisieren.

Das ist einfach unerträglich 28 Jahre nach der Wiedervereinigung, wenn Sie bedenken, dass sie im Bundesarchiv die Parallelakten, beispielsweise aus dem Auswärtigen Ministerium der DDR, ungeschwärzt bekommen. Da wird ein Diplomat, sagen wir aus Österreich, geschwärzt in den Stasi-Unterlagen. Schauen sie im Bundesarchiv in die Unterlagen des Zentralkomitees der SED, wo diese Vorgänge sich auch finden – Besuch eines Diplomaten, Beispielsweise Botschafter Bauer aus Österreich, mit dem wir zusammengearbeitet haben – dann ist es ungeschwärzt.

Friedrich Bauer war der einzige Botschafter Österreichs, der bis 1977 in Ost-Berlin und dann bis 1990 auch in Bonn tätig war. Bauer gilt bis heute als kenntnisreicher Fachmann der deutsch-deutschen Geschichte. Der SED-Forschungsverband der Freien Universität Berlin brachte gemeinsam mit Bauer neue Erkenntnisse über den Staatsbesuch von Bundeskanzler Bruno Kreisky in Ost-Berlin 1978 zutage. Kreisky, so steht es in den alten Akten der SED, sollte bei den Gesprächen in Ost-Berlin „umfassend agitiert werden“, um die „Zusammenarbeit mit Österreich auf politischem, ökonomischem und vertraglichem Gebiet […] zu intensivieren […]“. Als Kreisky auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld mit militärischen Ehren durch die Nationale Volksarmee empfangen wurde, murmelte er beim Blick durchs Fenster: Das fängt ja gut an, wie bei den Nazis!

Die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit behält nicht nur eine historische und politische Relevanz, sondern berührt auch persönliche Lebenswelten in der Gegenwart – das wird bei einem Besuch in Ost-Berlin bei dem Regime-Kritiker und Historiker Rainer Eckert deutlich. Eckert gilt als einer der profiliertesten DDR-Historiker und ist zugleich ein wichtiger Zeitzeuge des Lebens unter der Sozialistischen Einheitspartei SED. Der gebürtige Potsdamer wurde 1972 wegen regimekritischer Äußerungen von der Humboldt-Universität zu Berlin verwiesen und erhielt Berlin-Verbot. Neben dem rein administrativen Vorgang der Universitätsverwaltung setze das Ministerium für Staatssicherheit – kurz MfS – mehrere inoffizielle Mitarbeiter – so genannte IMs – auf Eckert an.

Ich saß in unserem Stammcafé in Potsdam, Café Haider, legendär damals, eines der wichtigsten oppositionellen Cafés in der DDR, und habe mich, wie es eigentlich typisch für mich war, offen geäußert. Und das hat eine inoffizielle Mitarbeiterin dem MfS gemeldet. Und so beginnt dann dieser Prozess. Ich werde immer mehr mit IMs umgeben, die versuchen, mich auszuhorchen und Material zusammenzustellen wegen staatsfeindlicher Hetze und staatsfeindlicher Gruppenbildung.

Nicht weniger als 24 verschiedene Stasi-Zuträger umgaben den oppositionellen Historiker, der mittlerweile ohne Studienplatz und arbeitslos die Härte des SED-Regimes voll zu spüren bekam Eines Tages wandet sich die Stasi gar direkt an Eckert, um ihn zur Mitarbeit zu zwingen.

…und zwar mit der Drohung, drei Jahre Zuchthaus, das würde schon feststehen. Ich bekomme drei Jahre Zuchthaus wegen Spionage, wenn ich nicht für das MfS arbeite. Das nannte sich nicht inoffizielle Mitarbeit, sondern Wiedergutmachung. Und wenn ich das machen würde, dann hätte ich natürlich alle beruflichen Chancen, könnte bald wieder studieren […]. Das war schon eine Situation, wo man Mut haben musste, sich zu entscheiden. Und ich habe das abgelehnt, und das Schriftstück ist erhalten in den Akten: „Ich lehne aus moralischen Gründen ab, mit dem Ministerium für Staatssicherheit zusammenzuarbeiten.“

Zwar landete Eckert nicht wie angedroht im Zuchthaus, allerdings machte die Staatssicherheit ihre Drohung war, dass er als Historiker in der DDR nie wieder einen Fuß auf den Boden bekommen würde. Drei Jahre lang arbeitete Rainer Eckert als Hilfskraft in einem Baukombinat, immer unter der Ägide der Staatssicherheit, die so eine „weitere Radikalisierung“ verhindern wollte. Nur durch einen glücklichen Zufall und private Förderer konnte Eckert später ein Fernstudium und schließlich die Promotion und Habilitierung als Historiker abschließen, wurde 1997 Direktor des Zeitgeschichtlichen Forums in Leipzig. Die enge Zusammenarbeit zwischen Universitätsverwaltung und Staatsicherheit, das engmaschige Netz von Stasi-Zuträgern im Freundeskreis und Arbeitsumfeld, deckte Rainer Eckert nach dem Fall der Mauer nach intensiver Recherche in seinen Stasi-Akten auf. Schließlich gelang es Eckert, die Klarnamen seiner Beschatter zu entschlüsseln. Auf Initiative eines Psychologen stattete er einer inoffiziellen Mitarbeiterin der Stasi nach dem Mauerfall einen Besuch ab.

Wir haben uns also mit dieser Frau in einer Wohnung getroffen in Berlin. Erst hat sie alles abgestritten. Dann haben wir ihr die Kopien gezeigt. Dann hat sie gesagt, ja, das stimmt, das hat sie gemacht. Ich war Sozialistin und ihr wart Feinde des Sozialismus. […] Dann hat sie als nächstes gesagt, der Führungsoffizier war so nett gewesen. Ich hatte keinen Mantel im Winter, hab immer gefroren, das hat er gesehen, dann hat er gesagt, Mädchen, ich hab dir einen Mantel mitgebracht. Und als letztes kam, da sie ein lockeres Sexualleben führte, ist sie bedroht worden, eine Sache, die gibt’s heute gar nicht mehr: häufig wechselnder Geschlechtsverkehr, [lacht] HVG – da konnte man also kriminalisiert werden als Asoziale, und das sei ihr angedroht worden, und da hätte sie ihr Kind – sie war nicht verheiratet – ins Heim geben müssen. Und aus diesem Grund hat sie für die Staatssicherheit gearbeitet.

Rainer Eckerts Erkenntnisse über seine eigene Biographie im Schatten der Stasi ist eines der anschaulichen Beispiele, wie die Staatssicherheit der DDR mit perfiden Methoden der Einschüchterung ein System der Angst und Abhängigkeit schuf. Die Bitte der ehemaligen Stasi-Zuträgerin, ihre Tätigkeit als Denunziantin nicht öffentlich zu machen, kam Rainer Eckert nach – wohl wissend, dass sie als Mitarbeiterin des Öffentlichen Dienstes früher oder später Gefahr laufen würde, bei einer Überprüfung anhand der Stasi-Unterlagen aufzufliegen. Auch wenn die systematische Recherche im Stasi-Archiv nach der Vorgeschichte von Trägern öffentlicher Ämter nicht mehr praktiziert wird, wiegt die Belastung als ehemaliger Mitarbeiter des DDR-Geheimdienstes schwer.

Musik: Wolf Biermann – Die Stasi-Ballade

Die Vereine ehemaliger hochrangiger Stasi-Mitarbeiter, die es bis heute gibt, schirmen sich konsequent von der Öffentlichkeit ab. Im System der Bundesrepublik, so heißt es, werde die Geschichte falsch erzählt. Presseanfragen werden unter wüsten Beschimpfungen abgelehnt.

Zuletzt hat in der Debatte um eine angemessene Erinnerung an die DDR-Vergangenheit der Fall Andrej Holm für Aufsehen gesorgt. Der Staatssekretär in der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen – das war er von Anfang Dezember 2016 bis zum 16. Januar 2017 – hatte im September 1989, also zwei Monate vor dem Mauerfall, eine Ausbildung als Offiziersschüler beim Ministerium für Staatsicherheit begonnen. Neben einer sechswöchigen militärischen Grundausbildung verpflichtete er sich, im Auftrag der Stasi Journalismus zu studieren. Bereits 2007 hatte Holm seine Tätigkeit bei einem Wachregiment der Staatsicherheit offengelegt, dabei aber verschwiegen, dass er hauptamtlich für den DDR-Geheimdienst tätig war. Bei einer tumultösen Diskussionsveranstaltung in Berlin unter dem Titel „Einmal Stasi, immer Stasi?“ machte Holm Anfang 2017 den zweifelhaften Versuch, seine Falschangabe zu relativieren. Die Treffen mit Stasi-Führungsoffizieren habe er schlicht vergessen.

Ich kann mich an diese Treffen nicht erinnern. Und auch in den Akten, die uns jetzt zur Verfügung stehen, steht drin, dass aktenkundig nur zwei Treffen stattgefunden haben in diesem angeblich engmaschige Netz von Betreuung durch Führungsoffiziere oder durch Kaderoffiziere.

Holms Beteuerung, sich nicht zu erinnern, erschien vielen Beobachtern als unglaubwürdig. Nicht nur weil bereits sein Vater langjähriger Mitarbeiter beim MfS war. Sondern auch, weil der Verdienst als hauptamtlicher Stasi-Mitarbeiter so deutlich über dem DDR-Durchschnitt lag, dass ein schlichtes Vergessen nicht nachvollziehbar erschien. Erst als das Berliner Boulevard Blatt „BZ“ Ausschnitte aus Holms Personalakte bei der Staatssicherheit veröffentlichte, wurde einer breiten Öffentlichkeit bekannt, dass der amtierende Staatssekretär in seinem Lebenslauf falsche Angaben gemacht hatte. Das Kreuz in einem Bewerbungsbogen, mit dem er verneinte, jemals hauptamtlicher Stasi-Mitarbeiter gewesen zu sein, versuchte Holm kleinzureden, seine hauptamtliche Mitarbeit beim MfS tat er als Jugendsünde ab.

Sohn ist heute 14, der isst viel Fleisch. Es kann sein, dass der mal Fleischer wird oder in der Schlachterei arbeitet. Wenn der mit 30 Vegetarier wird, ist der dann ein glaubwürdiger Vegetarier oder nicht?

Wenn du, der sich als Historiker damit beschäftigt, sagst, am wichtigsten ist das richtige Kreuz, das ist wichtiger als die Auseinandersetzung mit der konkreten Geschichte… [Zwischenrufe, Gepöbel] ….doch darum geht’s. Dass Problem ist das falsche Kreuz und das Problem ist nicht die Stasi-Zugehörigkeit.

Mein Name ist Stefan Lauter, ich bin ehemaliger politischer Häftling der DDR. Zum einen, Herr Holm, oder ick sach lieber Holm, du hast immer davon gesprochen, über das MfS muss gesprochen werden. Ich möchte hier ganz klar feststellen, du warst Mitglied in dieser Verbrecherorganisation.

Wenige Tage nach der Diskussion in Berlin trat Andrej Holm als Staatssekretär für Stadtentwicklung und Wohnen zurück, auch sein Vertrag als Dozent an der Humboldt-Universität wurde ausgesetzt. Zwar war die konkrete Tätigkeit für die Staatsicherheit nur minimal, dennoch hat Andrej Holms Umgang mit der eigenen Vergangenheit die Debatte um das DDR-Unrecht erneut befeuert, meint Jochen Staadt von der Freien Universität Berlin.

Man muss eben bedenken, dass die Leute, die vom Staatssicherheitsdienst kujoniert wurden, weil sie geringe oppositionelle Regungen oder dissidente Regungen gezeigt haben, noch in der Zeit als Holm sich entschlossen hat, Hauptamtlicher zu werden, einige schwere Folgen auf sich nehmen mussten, für das, was sie taten. Denken Sie an die damals jungen Leute, die auf der Rosa-Luxemburg Demonstration 1988 für die Freiheit der Andersdenkenden eingetreten sind. Die kamen ins Gefängnis, die wurden zwangsausgewiesen aus der DDR. Wenn man in dieser Zeit in diesen Dienst eintritt, dann ist das auch eine Entscheidung. Aber man muss verstehen, dass die Leute, die von diesem Dienst gequält und aus ihren Zusammenhängen gerissen, eingesperrt wurden – in dieser Zeit noch – dass die sehr empfindlich sind, wenn eine solche Person Staatsekretär wird.

Laut der Neufassung des Stasi-Unterlagengesetztes besteht eine Möglichkeit zur Prüfung der Stasi-Vergangenheit von bestimmten Personengruppen, etwa Regierungsmitglieder, Abgeordnete, leitende Soldaten oder höhere Angestellte im Öffentlichen Dienst. Eine systematische Überprüfung findet nicht mehr statt.

27 Jahre nach dem Ende der DDR ist die Erinnerung an den Unrechts-Staat noch sehr präsent, doch langsam zeichnen sich Verschiebungen in der persönlichen und institutionellen Erinnerung ab. Wie geht es weiter mit der Stasi-Unterlagenbehörde, die mit ihren 1600 Mitarbeitern mehr als doppelt so viele Beschäftigte hat wie das gesamte Bundesarchiv? Der Abschlussbericht der Expertenkommission des Bundestages zur Zukunft der Stasi-Unterlagen-Behörde von 2016 betont ausdrücklich:

International ist die Behörde zum Vorbild für einen geordneten und zukunftsweisenden Umgang mit diktatorischer Vergangenheit geworden. […] Die Arbeit des BStU ist für die demokratische und rechtsstaatliche Aufarbeitung der SED-Diktatur von hoher Bedeutung[…].

Zugleich empfiehlt die Kommission die Reduzierung der 12 Außenstellen der Behörde. Außerdem soll das Stasi-Archiv auf Dauer ins Bundesarchiv integriert werden, das das Archivgut der Deutschen Geschichte vom Heiligen Römischen Reich bis heute sammelt. Im Bundesarchiv lagern bereits heute die Akten der DDR-Einheitspartei SED. Die Besonderheit der Stasi-Unterlagen liegt nun darin, dass der MfS die Daten rechtswidrig sammelte und die betroffenen Personen zum Großteil heute noch am Leben sind. Das Verfahren der Akteneinsicht und die Datenschutzregelungen beider Archive unterscheiden sich sehr. Eine Umsetzung der geplanten Zusammenführung bis zum Ende der nächsten Legislaturperiode in vier Jahren gilt daher derzeit als wenig wahrscheinlich. Welche Daten das Stasi-Archiv zukünftig für jeden Antragsteller freigeben soll, darüber wird zwischen Juristen, Datenschützern und Historikern zu streiten sein. Nicht zuletzt geht es auch um eine Neuausrichtung der Erinnerungskultur.

Auch in der Diktatur scheint die Sonne. Die Menschen haben ja nicht nur Schwarz-Weiß-Bilder vor sich, sondern sie haben auch viele schöne Erlebnisse, die sie in ihrer Heimat doch nicht vergessen haben. Das ist etwas, wo wir die Menschen auch abholen müssen. Wo es aber auch durchaus möglich ist klarzumachen, dass diese schönen Erlebnisse nicht wegen des Staates, sondern trotz des Staates möglich waren.

Meint der Bundesbeauftragte der Stasi-Unterlagenbehörde Roland Jahn. Neben der Funktionsweise der alleinherrschenden SED-Staatspartei, müsse man vor allem auch den Alltag der Menschen mehr in den Blick nehmen, ist Jahn überzeugt. Die Zusammenlegung der Archive, so viel steht fest, würde einen weiteren Blick auf die Lebensrealität im DDR-Staat ermöglichen und es Wissenschaftlern erleichtern, parallel geführte Vorgänge und innere Zusammenhänge der Diktatur-Administration zu verstehen.

In dieser Hinsicht ist es mir auch wichtig, wenn wir über die Zukunft der Stasi-Unterlagenbehörde reden, dass wir wegkommen von der Wahrnehmung des Amtes für absolute Wahrheit, dass wir wegkommen von der Wahrnehmung als General-Aufarbeitungs-Behörde. Es ist hilfreich, wenn wir uns als Stasi-Unterlagenarchiv verstehen, als Teil des Gedächtnisses der Nation unter dem Dach des Bundesarchivs, deutlich machen: hier ist ein Angebot an Quellen, mit dem man arbeiten kann, wo man sich sein eigenes Bild machen kann, über das, was die DDR war, über das, was die Diktatur war.

Die zukünftige Erinnerung und Aufarbeitung der DDR-Geschichte steht also vor der Herausforderung, individuelle Biographien zu respektieren und in die Zeitumstände einzuordnen, und zugleich das geschehene Unrecht der Diktatur deutlich zu benennen, Täter und Opfer zu identifizieren und dabei auch Grautöne zuzulassen. Der ehemalige Bürgerrechtler und Historiker Rainer Eckert, dessen Biographie die Stasi entscheidend mitprägte, betont, dass er sich selbst nie als Opfer des Regimes gesehen habe.

Ich war gegen die Diktatur, und die Diktatur ist dann gegen mich vorgegangen. Finde ich erstmal einen relativ normalen Vorgang. Das hat sehr stark mein Leben beeinträchtigt. Aber ich war gegen das System, ich habe mich dagegen gestellt, und ich definiere mich als jemand, der Wiederstand geleistet hat. Nicht als jemand, der Opfer geworden ist. Was wirklich fehlt, ist der Revolutionsstolz. Kann man heute bedauern, fast 30 Jahre danach, wird sich nicht mehr ändern lassen. Aber da ist etwas verloren gegangen. Aber wenn es gelungen wäre, diesen Revolutionsstolz wirklich festzumachen als Teil unseres demokratischen Selbstverständnisses, dann hätten wir heute auch mehr Möglichkeiten, gegen rechtsradikale und linksradikale Verführer zu argumentieren.

„Wir sind das Volk“, mit diesem Slogan brachten die Demonstranten in Leipzig im Oktober 1989 die Friedliche Revolution ins Rollen. 29 Jahre später erschallt auf den gleichen Straßen dieser Slogan erneut. Man marschiert jetzt gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung, gegen „die da oben“ und die angebliche „Lügenpresse“ eines Systems, in dem so mancher sich offenbar noch immer nicht zu Hause fühlt. Die Aufarbeitung der deutschen Teilungsgeschichte ist noch nicht zu Ende.

“Noch immer herrscht absolute Straflosigkeit”

Vor sechzig Jahren begann in Haiti die Herrschaft der Duvaliers, unter deren Regime zehntausende Menschen starben und verschwanden. Die Brutalität, mit der die Miliz der Tonton Macoute gegen jeden Verdächtigen vorging, war skrupellos. Diese Zeit ist kaum aufgearbeitet, kein Täter bestraft, Schulbücher schweigen darüber. Mittlerweile sehnen sich nicht wenige Haitianer sogar nach einer “starken Hand” zurück. Ein Besuch bei den Aktivisten der Erinnerung in Port-au-Prince.

Deutschlandfunk, 4. November 2017

Deutschlandfunk, Eine Welt – Auslandskorrespondenten berichten, 4. November 2017

Zögerlich zieht Jacqueline Edline Benoît ein vergilbtes Fotoalbum aus dem Regal. Die pensionierte Lehrerin lebt allein in einem einfachen Bungalow in einem Vorort von Port-au-Prince, der Hauptstadt Haitis Ihre gesamte Familie habe sie verloren, so erzählt die kleine Frau mit erstickender Stimme, während sie mit Tränen in den Augen die Fotos betrachtet. Kurz bevor François Duvalier sich zum Präsidenten auf Lebenszeit machte, wurden aufgrund vermeintlicher Umsturzpläne wahllos Militärangehörige und Zivilisten entführt, gefoltert und ermordet.

“Zuerst traf es meinen Vater. Die Tonton Macoutes pferchten ihn am 26. April 1963 in einen Kofferraum und verschleppten ihn. Dann wurde mein Bruder Claude verhaftet. Der Bürgermeister von Saltrou hatte ihn beschuldigt, Teil der Rebellentruppen zu sein.”

Menschen verschwanden spurlos, allein der Verdacht auf oppositionelle Umtriebe genügte, um ganze Familien auszulöschen. Jacqueline Edeline Benoît:

“Meine Schwiegereltern haben sie getötet, als sie von der Messe kamen. Ihre Leichen haben sie verbrannt. Die Luft war zum Ersticken. Der Macoute-Offizier Max Dominique, der Schwiegersohn Duvaliers, schnappte sich unseren 18 Monate alten Sohn, stieg in seinen Jeep und fuhr davon. Das war das letzte Mal, dass ich meinen Sohn gesehen habe. Wenn man jemanden beerdigt, weiß man, dass er tot ist. Aber ohne Beerdigung bleibt immer diese schmerzliche Hoffnung.”
“Unsere Devise lautet: Schneidet ihnen die Köpfe ab”

Sechzig Jahre nach dem Machtantritt François Duvaliers ist die Erinnerung an die grausamen Verbrechen noch sehr präsent. Auch Jean-Claude Duvalier, der seinem Vater 1971 als Minderjähriger ins Amt folgte, bediente sich blutiger Gewalt, um seine Macht zu sichern.

“Seit Jean-Claude Duvalier an der Macht ist, herrscht Frieden und Einigkeit im Lande. Und falls es doch mal was gibt, schlagen wir los. Wir sind bis zu den Zähnen bewaffnet. Außerdem haben wir viele Einheiten mit Macheten. Unsere Devise lautet: Schneidet ihnen die Köpfe ab und brennt ihre Häuser nieder! (lacht)”, berichtete damals ein hochrangiger Tonton Macoute stolz einem belgischen Reporter.

Bis zu 60.000 Menschen sollen umgekommen sein, die genaue Zahl kennt niemand. Seit Duvalier 1986 abgesetzt wurde, ist nicht ein einziger Täter zur Rechenschaft gezogen worden. Zunächst verweigerte Frankreich die Auslieferung. Als der Ex-Diktator dann 2011 nach Haiti zurückkehrte, strengte ein “Komitee gegen die Straffreiheit” einen Prozess gegen ihn und seine engsten Mitarbeiter an. Doch das Verfahren verlief im Sande, bis Duvalier 2014 starb.
Regimeangehöriger beriet Regierung bis 2016

Rony Gilot gehörte zum Regime, auch er wurde angeklagt. Vor wenigen Tagen, am 60. Jahrestag der Machtübernahme der Duvaliers bekannte er:

“François Duvalier hatte einen Plan, Gutes für unser Land zu tun. Und genauso hatte er einen Plan, wie er seine Macht sichern kann. Er und sein Sohn haben das Land 29 Jahre lang regiert, länger als jede andere Regierung Haitis. Um in unserem Land an der Macht zu bleiben, muss man auf Mittel zurückgreifen, die, sagen wir, etwas unorthodox sind. Und Duvalier hat diese Mittel genutzt.”

Der haitianische Präsident und Diktator Jean-Claude Duvalier, genannt “Baby Doc”, aufgenommen 1982. Jean-Claude Duvalier trat 19-jährig im April 1971 die Nachfolge seines Vaters Francois Duvalier an, der sich 1964 zum Präsidenten auf Lebenszeit erklärt hatte. Nach schweren, zum Teil blutigen Unruhen und anhaltenden Streiks verließ “Baby Doc” am 7. Februar 1986 das Land und ging nach Frankreich. | (B0001_AFP)Jean-Claude Duvalier, 1971 bis 1986 Präsident auf Haiti (B0001_AFP)Bis zum vergangenen Jahr hat Rony Gilot die Regierung noch beraten, trotz seiner dunklen Vergangenheit. Das ist kein Widerspruch, denn der Neo-Duvalierismus ist längst salonfähig geworden in Haiti. Die Frustration über den ineffizienten Staatsapparat, eine galoppierende Arbeitslosigkeit, Korruption und bittere Armut lassen die Rufe nach einer “starken Hand” lauter werden – ein Schlag ins Gesicht der Opfer des Regimes Duvalier.
“Wir leben im Duvalierismus ohne Duvalier”

“Duvalier ist noch unter uns! Wir leben im Duvalierismus ohne Duvalier. Die gleiche Unberechenbarkeit, die gleiche Angst, die gleiche Arroganz der Macht. Das Schweigen über die Verbrechen spielt den Verbrechern in die Hände und lässt sie glauben, dass die Diktatur zurückkehren wird”, meint etwa Marie Marguerite Clérié.

Mit dem “Komitee gegen Straffreiheit” strengte sie 2011 den Prozess gegen Jean-Claude Duvalier an. Auch nach dem Tod des Diktators setzt sich das Komitee für die rechtliche Aufarbeitung der Verbrechen ein, lädt Zeitzeugen und Hinterbliebene zu Treffen ein, so Clerié:

“Das Einzige, was wir in Haiti errungen haben, ist die Meinungsfreiheit. Immerhin werden sie uns nicht mehr das Wort verbieten. Wir haben uns die Redefreiheit erkämpft, die Erinnerung dringt ins Bewusstsein, und das ist eine Errungenschaft, die uns bleibt. Daran glaube ich, und dafür werde ich kämpfen.”
Kein Schulbuch, Museum, Denkmal erinnert an die Gräuel

Doch die alten Seilschaften bestimmen bis heute die haitianische Politik. Davon ist der Historiker und Filmemacher Arnold Antonin überzeugt:

“Noch immer herrscht eine absolute Straflosigkeit, was die Verbrechen des Duvalier-Clans angeht. Alle haben alle Angst davor, die Verantwortlichen zu benennen, weil man die heutigen Politiker dann ebenfalls für ihre Taten zur Rechenschaft ziehen würde.”

Die Jugend Haitis weiß über die Verbrechen der Vergangenheit so gut wie nichts. Das marode Bildungssystem, so Arnold Antonin, gehöre zum Erbe der Duvaliers. Denn unwissende Volksmassen könne man besser kontrollieren. Kein Schulbuch, kein Museum, keine einzige Gedenkstätte erinnert an die Gräueltaten.

Solange die Verantwortlichen nicht zur Rechenschaft gezogen werden, steht es schlecht um die Entwicklung eines demokratischen Rechtsstaats in Haiti und um die Hoffnung auf eine späte Versöhnung der Gesellschaft.

Verstecktes Relikt – Die ehemalige KGB-Zentrale im lettischen Riga

Seit Beginn der Ukraine-Krise wächst in vielen Staaten Osteuropas eine traumatische Erinnerung an die sowjetische Vergangenheit. Welche Bedeutung die Vergangenheit in diesen Staaten noch heute hat, lässt sich eindrücklich in der ehemaligen KGB-Zentrale im lettischen Riga erleben.

WDR Europamagazin, 9. Mai 2017

Ein großbürgerliches Wohnhaus an einer belebten Straßenecke im Norden der lettischen Hauptstadt Riga. Ausgerechnet auf der heutigen “Straße der Freiheit” schlummert hinter der schneeweiß sanierten Fassade im Art-Deco Stil fast unberührt ein dunkles Kapitel der lettischen Vergangenheit. Nur ein kurzer Text auf einem verrosteten Eisentor weist darauf hin, dass der russische Geheimdienst KGB hier fast 50 Jahre lang zu seine Zentrale unterhielt.

Dies hier war ein Verhörraum. Die Verhöre fanden normalerweise nachts statt, weil es einfacher ist, eine Person seelisch zu brechen, wenn sie müde ist. Hier wurden ausschließlich politische Gefangene inhaftiert, die aufgrund des Artikels 58 des Strafgesetzbuches der Sowjetunion verhaftet worden sind.

Erklärt Agate Mežule, hochgewachsen, blonde Zöpfe, ernster Blick, knallrote Lippen. Die 25-jährige Anthropologie-Studentin steht vor einer Besuchergruppe in einem dunklen Raum im Inneren des Eckhauses. Ein Schreibtisch und zwei Stühle, an den Wänden sind Reste von zerbröselndem Dämmmaterial zu entdecken. Durch die verspiegelte Scheibe einer Trennwand konnten die Verhöre beobachtet werden.

Man tat alles, was nötig war, um ein Geständnis zu kriegen. Anfangs wurden einem zum Beispiel mit der Schreibtischschublade oder der Tür die Finger gebrochen, egal ob man jung, alt, Mann oder Frau, schwanger war oder nicht. Wenn sie einem die Fingernägel herausreißen oder einen mit Elektroschocks traktieren wollten, taten sie es. Viele kehrten in ihre Zellen zurück mit ausgeschlagenen Zähnen oder gebrochenen Rippen, mit schweren Kopfverletzungen, unter denen sie noch Jahre später litten. Manche sind auch einfach verrückt geworden.

Erschrecken steht den Besuchern ins Gesicht geschrieben.

Durch schmale Gänge geht es weiter zu winzigen Einzel-Stehzellen, einem vergitterten Außengehege, vorbei an fensterlosen Gruppenzellen zum Küchentrakt im Keller. Putz platzt überall von den Wänden, die karge Einrichtung, Aktenschränke, Pritschen und Stühle wirken wie stumme Zeugen der Vergangenheit. Allein an zwei Tagen im Juni 1941 deportierten die Sowjets über 15 000 Letten, die sie zu Feinden der Sowjetunion erklärt hatten. Agate Mežule kennt diese Geschichte aus der eigenen Familie. Ihr Großvater wurde aufgrund gänzlich haltloser Anschuldigungen der Konspiration 1940 in einem Viehwagon nach Sibirien entführt und zur Arbeit in einer Kohlemine gezwungen. Agates Großmutter erfuhr bis zu ihrem Tod nichts über den Verbleib ihres Mannes, es herrschte Kontaktverbot.

Alles, was sich gegen den sowjetischen Machtapparat richten könnte, konnte Anlass für eine Verhaftung sein. Man wurde sogar für Dinge eingesperrt, die man vor der Okkupation getan hatte. Wenn man zum Beispiel in den 1920er oder 1930er Jahren in der lettischen Armee gedient hatte oder Teil einer patriotischen Studentenbruderschaft gewesen war. Es genügte, ein britisches Lexikon zu besitzen, in dem stand, dass der Einmarsch der Sowjets eine Okkupation gewesen sei. Denn das stimmte ja nicht, die Sowjets hatten Lettland ja „befreit!“

Agate Mezule ist Teil derjenigen, die das KGB Gefängnis in ein staatliches Museum umwandeln wollen. Solange dies aus Mangel an Geld oder auch aufgrund der russischen Strippenzieher in der lettischen Politik nicht passiert, ist die Erinnerung an Gewalt und Verfolgung durch den KGB Sache einiger Freiwilliger.

Im Innenhof des Hauses sind Tafeln über das Schicksal einzelner Häftlinge aufgestellt. Neben einem großen Holztor weist eine Tafel drauf hin, dass im Raum hinter dieser Wand die Exekutionen ausgeführt wurden. Hunderte von Projektilen hat man aus Decke und Wänden geborgen, die die Körper der Todeskandidaten durchbohrt hatten.

Mit Bick in den Himmel erklärt Agate Mezule, warum die Fenster der oberen Stockwerke vergittert sind: Hier waren weitere Verhörräume untergebracht, aus denen sich wiederholt Häftlinge bei Verhören in den Tod gestürzt hatten.

Manche kommen hier her, um ihren Kindern und Enkelkindern zu zeigen, was passiert ist. Aber es gibt auch Skeptiker, die behaupten, wir hätten das alles erfunden, um anderen zu schaden. Oft wissen sie einfach nicht viel über diese Zeit. Sogar Touristen aus Russland besuchen uns. Im letzten Jahr hatten wir Besucher aus Sankt Petersburg, die uns im Gästebuch gedankt haben, weil sie solche Dinge in ihrer Heimat Russland niemals erfahren hätten.

Agate Mezule ist überzeugt von ihrer Arbeit im ehemaligen KGB-Knast. Gerade angesichts der gegenwärtigen Drohgebärden Russlands gegen seine Nachbarn drängt die Geschichte des Hauses an der „Straße der Freiheit“ in Riga erneut ins Bewusstsein. Für die hier begangenen Verbrechen ist niemand zur Verantwortung gezogen worden. Agate Mezule und ihre Mitstreiter hoffen, dass die Erinnerung an die sowjetische Besetzung die Menschen wachsam hält.

Deutsche Kolonien – Wahrheiten eines “Wahngebildes”

Bismarck sprach vom “Kolonialschwindel”: Ein neuer Sammelband beleuchtet die deutsche Kolonialgeschichte differenziert – bis hin zu den Verbrechen.

Süddeutsche Zeitung, 12. April 2017

War der deutsche Kolonialismus ein von systemischem Rassismus geprägter Überfall auf Länder in Übersee? Spielte das Profitstreben einzelner Unternehmer die ausschlaggebende Rolle, ging es um politisches Machtkalkül, oder glaubte man wirklich an eine “zivilisatorische Mission”?

In ihrer Aufsatzsammlung über die deutschen Kolonien zeigen die Historiker Horst Gründer und Hermann Hiery, dass das koloniale Abenteuer, von dem sich der populäre Theologe Friedrich Fabri 1879 “Massenauswanderung als Folge der wachsenden Bevölkerung”, Zugang zu Rohstoffen und eine offensive “deutsche Kulturmission” versprach, auf große politische Widerstände traf.

Während Kaiser Wilhelm über das “Wahngebilde eines afrikanischen Kolonialreichs” schimpfte, waren es private Handelsfirmen und nationalistische Agitationsvereine, die von der Regierung den Ausbau der Reichsflotte für die Erschließung eines deutschen Kolonialreichs forderten. Wieso aber billigte Reichskanzler Bismarck den von ihm offen verhassten “Kolonialschwindel” schließlich doch?

Winfried Baumgart präsentiert im Abschnitt über den “langen Weg zum Kolonialreich” eine neue Antwort auf diese alte Frage. Anhand eindeutiger Quellen zeigt er, dass Bismarck vor allem einen potenziellen Grund für Streitigkeiten mit England suchte, um den wachsenden Einfluss einer parlamentarischen Demokratie nach englischem Vorbild einzudämmen und so den “Untergang des Deutschen Reichs” abzuwenden.

Das eigentliche Desinteresse des Reichskanzlers am Kolonialismus zeigte sich später unter anderem in der Tatsache, dass er die Verwaltung der Überseeterritorien zunächst privaten Handelsgesellschaften überließ, denen man nur pro forma den “Schutz” des Kaiserreichs versicherte und ihnen – oft zum Leidwesen der einheimischen Bevölkerung – sonst freie Hand ließ. Erst 1907 wurde in Berlin ein zentrales “Reichskolonialamt” geschaffen, das die chaotischen Zustände innerhalb der Kolonialverwaltung beenden sollte.

Die geografischen und zeitlichen Unterschiede der kolonialen Realität in Handels-, Plantagen- und Siedlungskolonien mit direkter Territorialherrschaft, indirekten Herrschaft oder bloßer Residentur macht das Kapitel “Über das deutsche Kolonialreich” deutlich.

In der Pachtkolonie Tsingtau in China und in der Südsee etwa errichtete man Handelsstützpunkte, die allein aufgrund der enormen Entfernung kaum auf Unterstützung aus der Heimat rechnen konnten und, so bemerkt Hermann Hiery spitz, “Hochstapler, Deserteure aller Art … und Psychopathen” anzog. In sogenannten “Schutzverträgen” versicherte man lokalen Potentaten als Gegenleistung für die Inbesitznahme des Landes nicht selten die Verteidigung gegen innere und äußere Feinde, wobei die deutschen Siedler in den meisten Fällen keineswegs über die dafür notwendigen militärischen Mittel verfügten.

Im Abschnitt über den “Kolonialismus im Alltag” legen die Autoren gut nachvollziehbar dar, inwiefern sich Verwaltung, Gerichtsbarkeit, Rolle und Präsenz der Militärs, das Missionierungsbestreben und die koloniale Gewalt zum Teil eklatant unterschieden.

Winfried Speitkamp zeigt in seinem Text über “Die deutschen Kolonien in Afrika”, wie eine in hohem Maße inkompetente Kolonialverwaltung, offener Betrug und eine ausbeuterische Steuerpolitik in die Aufstände und schließlich blutigen Kolonialkriege in Ost- und Westafrika mündeten und führt damit einmal mehr die Pflicht zu einer umfänglichen Aufarbeitung der deutschen Kolonialverbrechen vor Augen.

Was die Kriege zwischen Einheimischen und Kolonialherren, aber auch die Konflikte zwischen Bevölkerungsgruppen innerhalb der kolonisierten Gebiete angeht, hinterfragt er den Antagonismus zwischen Kolonisierern und Kolonisierten, denn nicht selten arbeitete die Kolonialmacht auch mit einheimischen Kriegern zusammen.

Speitkamps Behauptung, die Kooperation des deutschen Residenten Richard Kandt mit der Volksgruppe der Tutsi in Ruanda habe deren Herrschaftsanspruch untermauert und somit letztlich den Völkermord von 1994 befördert, zeigt ex negativo den bestehenden Forschungsbedarf.

Nach Auffassung ruandischer Historiker passte sich Kandt vielmehr an das seit Jahrhunderten bestehende Herrschaftsgefälle zwischen Tutsi und Hutu an, während sich erst nach Einmarsch der Belgier 1916 das vor allem auf den Besitzstand aufbauende soziale Machtgefüge per Passstempel in ein System der pseudo-ethnischen Segregation wandelte.

Bemerkenswert ist an dieser ansonsten ausgewogenen Aufsatzsammlung, dass nicht ein einziger afrikanischer Historiker zu Wort kommt, obwohl doch gerade im wissenschaftlichen Dialog die große Chance der gegenwärtigen Aufarbeitungsdebatte liegt.

In seinem Aufsatz über das “schwierige Erinnern” schreibt Joachim Zeller einerseits von der schleppenden Anerkennung der Kolonialverbrechen in Deutschland seitens der Bundesregierung aber auch im kollektiven Bewusstsein. Andererseits erwähnt er die “europäische Verantwortung” für “das koloniale Projekt” und lässt damit ungesagt, dass es den einen europäischen Kolonialismus eben nicht gab. Seine Kritik am “protzigen Unabhängigkeitsmuseum” im heutigen Namibia, das “die Geschichte zur Magd der Politik degradiert”, wirft dagegen die Frage auf, welche Rolle Europa heute in der afrikanischen Aufarbeitung zu spielen hat.

Das zeigt aktuell auch die Auseinandersetzung über die Frage nach möglichen Formen der Wiedergutmachung angesichts des Völkermordes, den Lothar von Trotha in Namibia befehligte. Es sind gerade diese diskussionswürdigen Perspektiven, die die Differenzierung in der historiografischen Aufarbeitung der verschiedenen Kolonialismen vor Augen führen. Dieses Buch gibt dazu einen wertvollen Anstoß.

Horst Gründer, Hermann Hiery (Hg.): Die Deutschen und ihre Kolonien. Ein Überblick. be.bra Verlag, Berlin 2017, 352 Seiten. 24 Euro.

Gigantische gläserne Startrampe in die Zukunft

In Tartu eröffnet auf dem Gelände des ehemaligen sowjetischen Militärflughafens das neue Estnische Nationalmuseum

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11. Oktober 2016

„Wie machen wir den besten Gebrauch von unserer wertvollen Freiheit?“ Als der Wissenschaftler und Theologe Jakob Hurt 1869 beim ersten estnischen Singfest in Tartu seinen Landsleuten diese Frage stellte, ahnte er nicht, was sie für die folgenden hundertdreißig Jahre estnischer Geschichte bedeuten würde. Hurt war die Leitfigur der Emanzipationsbewegung sowohl gegenüber den Deutschbalten als auch dem Zarenreich. Noch bevor 1918 die erste unabhängige Republik Estland gegründet wurde, begründete Hurt bereits 1909 das Estnische Nationalmuseum mit einer umfangreichen Sammlung zur estnischen Volkskultur. Wenn Estlands Präsident Toomas Hendrik Ilves jetzt anlässlich der Eröffnung des neuen „Eesti Rahva Muuseumi“ an Hurts Worte erinnerte, betrachtete er die Landes- und Museumsgeschichte auch als Spiegelbild der Entstehung des modernen Europas.

Der Ort im Tartuer Ortsteil Raadi, an dem das architektonisch höchst ehrgeizige neue Nationalmuseum wie eine futuristische Startrampe aus dem Boden ragt, ist an Symbolik kaum zu überbieten. Anfang des 20. Jahrhunderts hatte hier die deutschbaltische Kaufmannsfamilie Liphart Teile ihres Anwesens zur Unterbringung von Hurts Sammlung zur Verfügung gestellt. Ein Sohn der Lipharts, ein Flugzeugingenieur, ebnete in unmittelbarer Nähe eine Landebahn für seine Testflüge. Nachdem Hitler und Stalin das Baltikum 1939 der Sowjetunion zuschlugen, 1941 die Nationalsozialisten und 1944 erneut die Sowjets einmarschierten, richtete die Rote Armee auf Lipharts Landebahn eine der größten sowjetischen Militärbasen in Osteuropa ein. An ihren Sperrmauern marschierten die Esten während der „Singenden Revolution“ 1989 entlang, um mit estnischen Volksliedern gegen die sowjetischen Invasoren zu protestieren.

Auf der ehemaligen Landebahn für sowjetische Kampfjäger erhebt sich 25 Jahre nach der Unabhängigkeit das neue Estnische Nationalmuseum wie eine 355 Meter lange, fünfzehn Meter hohe Flugzeuggarage aus Glas. Gigantomanisch für ein Land mit nur 1,3 Millionen Einwohnern, meinen die einen, atemberaubend schön, finden die anderen. Das Pariser Architektentrio DGT hatte sich vor zehn Jahren mit dem irreal anmutenden Entwurf durchgesetzt, was im Land eine Debatte über den Umgang mit der Geschichte auslöste. „Fünfzig Jahre lang lebten die Menschen in Raadi mit dem Lärm startender Militärflugzeuge. Wir wollten mit dem Museum auf der ehemaligen Landebahn geschichtliche Kontinuität herstellen und der negativen Erinnerung eine positive Zukunft entgegenstellen“, sagt Tsuyoshi Tane von DGT. Tatsächlich wirkt der 65 Millionen Euro teure Glasbau, für den die EU-Kommission Hilfsgelder verweigerte, weil er „zu groß“ für Estland sei, wie ein wahrgewordener Traum.

In die Ausstellung gelangt man über einen von einem gläsernen Keil überdachten Vorplatz und eine gigantische Eingangshalle. Von der Steinzeit über die ersten christlichen Siedler im 12. Jahrhundert bis zum Leben hinter dem Eisernen Vorhang und zur „Zeit der Freiheit“ durchläuft man die estnische Geschichte wie auf einem Zeitstrahl. Neben einer begehbaren Landschaft der finnougrischen Stammesgeschichte im Untergeschoss sind nationales Liedgut zu bewundern, traditionelle Teppichund Textilherstellung sowie bäuerliches Kunsthandwerk. Viele Objekte stammen aus der Sammlung des alten Liphart-Hauses, das Ende des Zweiten Weltkrieges schwer beschädigt wurde und später als sowjetisches Chemielager diente. Beispielsweise dreitausend Fotografien des estnischen Fotografen und Filmemachers Johannes Pääsuke vom Leben auf dem Lande um 1900, die auf einem hochauflösenden Großbildschirm einzeln anwählbar sind.

T-Shirts, mit denen die estnische Jugend 1987 im sogenannten „Phosphorkrieg“ gegen den geplanten Phosphorab-bau durch die Russen demonstrierte, gemahnen an die Anfänge der Unabhängigkeitsbewegung. Neben dem Bürostuhl von Ahti Heinla, dem estnischen Erfinder der Kommunikationsplattform Skype, erklären auf einem Bildschirm Zeitzeugen, was für sie Freiheit bedeutet. Neben den emotionalen Erinnerungen an die Befreiung von den Sowjets kommen auch Menschen zu Wort, die nach der jahrhundertelangen Okkupationsgeschichte nicht mehr an Freiheit glauben, aber auch solche, für die Freiheit Verantwortung bedeutet. Angesichts der russischen Krim-Annexion vor zwei Jahren und der gegenwärtigen Vorgänge an Estlands Grenze zu Russland ist das äußerst aktuell.

Dennoch ist das „Eesti Rahva Muuseumi“ ein ethnologisches Museum, das den Menschen in den Mittelpunkt stellt und politische Urteile möglichst umschifft. Das gilt auch für die sensible Periode der sowjetischen Besatzung. Die Schau „Parallele Welten, parallele Leben“ schildert nicht den sowjetischen Unterdrückungsapparat, sondern Einzelschicksale – von Menschen, die im Rahmen der Zwangsrussifizierung nach Sibirien deportiert oder auch gegen ihren Willen in Estland angesiedelt wurden, von Heimkehrern nach Estland und dagebliebenen Russen.

Die große russische Minderheit des Landes ist dank vergleichsweise moderater Gesetze in Estland besser integriert als anderswo im Baltikum. Aber sie bleibt ein heikles Thema. „Wir wollen eine Diskussionsplattform sein“, betont die Kuratorin Agnes Aljas. Künftig will man die Ausstellung nicht nur estnisch, sondern auch englisch und russisch beschriften. „Natürlich wollen wir auch die russischstämmigen Esten ins Haus holen. Wir verkünden keine Wahrheiten und bieten keine Sicherheiten wie in einer Kirche. Wir haben es mit unterschiedlichen Lebensstilen, Kulturen, Generationen zu tun, die wir beachten müssen. Dieses Gebäude an diesem Ort wird uns dabei helfen.“

We will forget soon

Zwei italienische Fotografen haben sich auf die Spuren der russischen Militärpräsenz in Deutschland begeben. Das Ergebnis ihrer Rundreise über 8000 Kilometer ist ein Teil europäischer Vergangenheit, der bisher nicht zur offiziellen Erinnerungskultur gehörte.

Deutschlandfunk, 27. Mai 2015

Deutschlandfunk, Kultur Heute, 27. Mai 2015

 

Nie in der Geschichte hat eine Besatzungsmacht ein größeres Truppenkontingent über einen so langen Zeitraum im Ausland unterhalten: über 40 Jahre lang bevölkerten mehr als eine halbe Million sowjetischer Soldaten und ihre Familien 276 Militärstandorte auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. Der hochgerüstete Brückenkopf eines Krieges, der nie ausbrechen sollte. Aus den streng abgeschirmten sowjetischen Kasernen, die sich größtenteils am Stadtrand oder im Wald befanden, drangen nur wenige Lebenszeichen nach außen, wie die Historikerin Silke Satjukow in ihrem Begleittext zur Ausstellung „We will forget soon“ schreibt: der Geruch nach Schweiß, Schmiere und Öl, nach Kohl und Knoblauch, nach billiger Seife und beißend süßen Papirossa-Zigaretten, die sonntäglichen Appelle mit Marschmusik, das Befehlsgeschrei und die „Urra“-Rufe oder das Geklapper des Aluminiumgeschirrs. Die italienischen Fotografen Dario-Jacopo Laganà und Stefano Corso haben sich 20 Jahre danach auf die Spuren der Sowjetarmee begeben und die Überreste der Kasernen, Übungsplätze, Krankenhäuser, Offizierskasinos und zivilen Stadtanlagen fotografisch dokumentiert. Der Blick der Italiener auf die deutsch-sowjetische Vergangenheit ist dabei erstaunlich unpolitisch.

Ein kollektives Gedächtnis entsteht dadurch, dass Menschen eine Entscheidung darüber treffen, an was sie sich erinnern wollen. Dafür müssen sie aber erstmal eine Wahl haben. Unser Projekt ist dafür ein Ausgangspunkt. Wir zeigen unsere Ausstellung nicht nur in Ost-Deutschland, sondern auch in Westdeutschland und in ganz Europa, das ist uns wichtig. Das begleitende Buch wird dokumentarischer sein, so dass man die Geschichte jedes einzelnen Ortes nachvollziehen kann. So hat jeder Betrachter die Wahl, ob diese Vergangenheit endgültig vorbei ist, oder ob er sich an sie erinnern möchte. Unsere Fotos bieten den Ausgangspunkt für eine mögliche Erinnerung.

Dario-Jacopo Laganà und Stefano Corso schaffen mit ihren rund 300 aus über 10000 ausgewählten Fotografien den ästhetischen Grundstein für eine sehr persönliche Erinnerung. In ihren Bildern thematisieren sie einerseits verlassene Militäranlagen, die sich die Natur wiederaneignet und so einen auch ästhetisch spektakulären Beweis der vergangenen Zeit liefert. Hier überzeugt nicht nur die unaufdringlich in Szene gesetzte Schönheit der Vergänglichkeit, sondern auch Laganà und Corsos geometrische Experimentierlust. Das Treppenhaus einer alten Kaserne wird vor ihrer Linse zum surrealistischen Formenspiel. Zugleich bekommen wir in dieser kontrastreichen Ausstellung Aufnahmen restaurierter Bauten zu sehen, Krankenhäuser, Wohnblöcke oder Freizeitparks, aus denen die militärische Vergangenheit restlos heraussaniert wurde. Auch die Leere ist in der Schau unter dem Titel „We will forget soon“ angemessen inszeniert: auf dem Gelände einer abgerissenen Kaserne mitten im Wald zeugt allein eine riesige liegende Lenin-Statur von der Geschichte des Ortes. Die meisten außerstädtischen Anlagen sind 20 Jahre nach dem Abzug der Sowjets sich selbst überlassen worden. Weil es schlicht an Investoren fehlte, die die großräumigen Militärstädtchen sanierten, wurden sie zu Orten außerhalb der Zeit. Allein versteckte Dachkammern, in denen sich russische Militärs einen privaten Rückzugsraum geschaffen hatten, oder kyrillische Schriftzeichen an der Wand belegen, dass hier einmal Menschen gelebt haben. Dario-Jacopo Laganà:

Deutschland hat viel dafür getan, die verschiedenen Gesichter der Geschichte aufzuzeigen. Die Militärpräsenz der Sowjets macht es uns allerdings ein wenig komplizierter, denn dieser Teil der Geschichte spielte sich im Schatten der Mauer ab. Viel der Orte, Wandmalereien und Gegenstände, die wir fotografiert haben, existieren bereits jetzt nicht mehr. Auch wenn nicht alle unsere Motive künstlerisch reizvoll waren, wollten wir sie auf jeden Fall fotografieren. Das sind die zwei Seiten unseres Projekts: wir verfolgen einen künstlerischen Ansatz für unsere Fotos, die zugleich einen dokumentarischen Wert für die Betrachter haben sollen.

Die Ausstellung „We will forget soon“ ist nicht nur künstlerisch äußerst sehenswert. Hier wird zugleich ein neues Element der innerdeutschen Erinnerungsbrüche aufgerufen. Begrüßenswert ist deshalb, dass die Schau auch durch Westdeutschland und später durch ganz Europa tourt. Denn die Überreste der sowjetischen Militärpräsenz in Deutschland sind ein Symbol für die friedliche Koexistenz ehemaliger Feinde und für das Ausbleiben kriegerischer Eskalation im Wettstreit der Systeme. Der neutrale Blick der beiden italienischen Fotografen hält sich heraus aus der Diskussion über Gräueltaten der sowjetischen Siegerarmee gegen die deutsche Zivilbevölkerung unmittelbar nach Kriegsende und die ideologische und realpolitische Bevormundung des moskautreuen Satelitenstaates DDR. Laganàs und Corsos Bilder belegen, wie weit die Epoche der europäischen Teilung aus unserem Alltag verschwunden ist und überlassen sie damit zugleich der persönlichen Erinnerung.



Die Aufteilung Afrikas: 130 Jahre Berliner Kongo-Konferenz

Durch die 1885 in Berlin unterzeichnete “Kongo-Akte” nahm die Inbesitznahme Afrikas durch die Europäer ihren Anfang. Anders als andere Kapitel der deutschen Geschichte spielt die blutige Seite der Kolonisierung bis heute im Geschichtsbild kaum eine Rolle. Eine Konferenz zum 130. Jahrestag der “Kongo-Akte” an der Berliner Volksbühne.

Deutschlandfunk, 01.03.2015


Deutschlandfunk, Information & Musik 01.03.2015

Um eine fünf Meter hohe Wandkarte scharten sich von November 1884 bis Februar 1885 im Berliner Reichskanzlerpalais 14 Regierungschefs, um die Kolonisierung des afrikanischen Kontinents in geordnete Bahnen zu lenken. Gut fünf Meter hoch war gestern in der Berliner Volksbühne auch die Projektion einer Landkarte des schwedischen Künstlers Nikolaj Cyon, die hypothetische Grenzverläufe in einem Afrika ohne  Kolonialgeschichte abbildete. Nach afrikanischer Tradition stand Cyons Karte auf dem Kopf, zeigte Afrika also im Norden und das vergleichsweise winzig erscheinende Europa im Süden, und bildete Jahrtausende alte Seehandelsrouten zwischen Afrika und China ab. Die Afrika-Konferenz der Volksbühne wollte nicht nur gängige Klischees über das Afrika vor der Kolonisierung auf den Kopf stellen. Es ging ebenso um eine Neuverortung der Kolonialbewegung im europäischen Geschichtsverständnis.

Wie kann es sein, dass die Europäer immer wieder aus ihrem Kontinent ausreißen, um andere Völker, die Europa keinen Krieg erklärt haben, bei sich zu Hause anzugreifen, auszuplündern, bekehren und belehren zu wollen? Als hätten diese Völker seit Jahrtausenden nur auf das Heil Europas gewartet. Ein machthungriger Islam mit weltweitem Sendungsauftrag ruf zum heiligen Dschihad auf. Wie viel Zeit bleibt uns noch, um den Wettkampf des Herrschens über andere einzudämmen und den Frieden zu retten?

Der Politikwissenschaftler und Germanist Prinz Kum’a Ndumbe III, ein Enkel des von deutschen Kolonialisten beraubten und vertriebenen Königs von Kamerun, führte die gewaltsame Inbesitznahme des schwarzen Kontinents auf die christliche Lehre zurück. Die Menschen, die sich die Erde zum Untertan machen, sind weiß und stammen aus dem abendländischen Kulturkreis. Der ghanaische Performance Künstler Bernard Akoi Jackson thematisierte die Schnittmengen zwischen Kolonisierung und christlicher Missionierung differenzierter: in seinem Programm inszenierte er die Kongo-Konferenz als christliche Messe. Afrikas Reichtümer bildete Jackson als Schokolade ab, die gewalttätige Aufteilung des Kontinents inszenierte er mithilfe einer Säge.

Die gleichen Leute, die den Glauben eingeführt haben, haben auch den Alkohol und die Versklavung eingeführt. Und damit spiele ich. Die süße Schokolade, die zugleich ein Produkt des Kolonialismus ist. Und dann die Säge, wie eine Spur der Gewalt, die unseren Kontinent erschüttert. Der Belgische König Leopold II hat im Kongo grausame Gewalt ausgeübt, und das hat sich in das Gedächtnis vieler Menschen eingebrannt. Wenn sie heute gegeneinander zu den Waffen greifen, dann geschieht das auf dem Hintergrund von dem, was früher passiert ist.

Der Gedanke, dass die Kolonisierung eine Einübung der europäischen Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts war, leitet fast alle Beiträge der Afrika Konferenz. Die kolumbianisch-stämmige Publizistin Rosa Amelia Plumelle-Uribe führte den nationalsozialistischen Rassenwahn in direkter Ableitung auf den Kolonialismus seit Columbus und den Sklavenhandel zwischen Afrika und Süd-Amerika zurück.

Wenn der Nazismus sich durchsetzen konnte, dann deswegen, weil er hinter sich viereinhalb Jahrhunderte von Grausamkeit und vor allem der ideologischen Vorbereitung und Konditionierung der Europäer hatte. Sie hat den Europäern einerseits beigebracht, dass es höherwertige und minderwertige Rassen gebe, und anderseits, dass die minderwertigen Rassen auszulöschen seien, eben weil sie minderwertig seien.    

Ein bedenkenswerter Ansatz. Plumelle-Uribes Ausführungen darüber, dass die Gewaltgeschichte der letzten 150 Jahre allein auf die Erfahrung des Kolonialismus zurückgeht, klang auf dem Podium der Volksbühne allerdings weniger nach anthropologischer Kolonialismusforschung als nach einer politischen Propaganda-Rede. Ob und inwiefern die willkürliche Grenzziehung als entscheidende Ursache für Konflikte im heutigen Afrika zu sehen ist, ist im aktuelle Forschungsstand wesentlich umstrittener als landläufig angenommen. Ausschlaggebender als nationale Grenzen ist vermutlich die Unterteilung von ethnischen Gruppen durch die Kolonialherren. Zu diesen und anderen Fragen hätten man in der Volksbühne gerne mehr gehört. Doch die Diskussion über die koloniale Vergangenheit verläuft noch immer schleppend

Deutschland oder bestimmte Kreise in Deutschland tun sich schwer mit der Anerkennung kolonialer Verbrechen und kolonialem Unrecht, da die Debatte um das Wesen des Kolonialismus zum einen eine Debatte um die Entstehung der modernen Welt ist, von der wir sehr viel profitiert haben und immer noch profitieren, und wir wollen weiterhin profitieren und wir wollen das mit gutem Gewissen tun. Es gibt noch einen anderen Grund. Ich nenne sie die Tendenz und den Wunsch in der deutschen Mehrheitsgesellschaft, endlich wieder stolz auf die eigene Geschichte sein zu können.

So der Hamburger Historiker und Afrikawissenschaftler Jürgen Zimmerer. Die Afrika-Konferenz der Volksbühne ließ zum Teil genau die Meinungsvielfalt vermissen, die man auf dem Podium ständig einforderte. Was angesichts der 30 Jahre andauernden, aber darum nicht weniger schuldbeladenen deutschen Kolonialgesichte fehlt, ist eine breite öffentliche Auseinandersetzung, gerade in einem Land, zu dessen Selbstverständnis die Aufarbeitung der eigenen Geschichte zählt.

Kigali zwischen Vergangenheit und Gegenwart

Das Königreich Ruanda gehörte zwischen 1885 und 1916 zu Deutsch-Ostafrika, und die Hauptstadt Kigali wurde einst von einem deutschen Psychiater gegründet. Die Kolonialzeit und der blutige Bürgerkrieg prägen das Land bis heute – doch der kleine Staat und seine Hauptstadt haben einen enormen Entwicklungssprung gemacht.

Deutschlandfunk, 23.11.2014

 

Deutschlandfunk, Sonntagsspaziergang, 23.11.2014

 

Aus dem undurchdringlichen Verkehr auf Kigalis Haupteinkaufsstraße mit ihren unzähligen kleinen Geschäften, in denen Händler alles von Kunsthaar bis Baumaschinen anbieten, erhebt sich ein gigantischer Turm aus Glas und Beton. Im „Kigali City Tower“ findet Ruandas neue Upper-Class neben Mode-Boutiquen, einer weitläufigen Shopping-Mal und schicken Cafés das Multiplex Cinema Center, das einzige Kino im ganzen Land. Ruanda, und insbesondere die Hauptstadt Kigali, haben zwei Jahrzehnte nach dem Bürgerkrieg unter Präsident Paul Kagamé einen enormen Entwicklungssprung gemacht. Die Stadt wächst in atemberaubendem Tempo, die Bauwirtschaft boomt, immer neue Prachthotels, Bürotürme oder Apartmenthäuser, ja ganze Stadtviertel schießen aus dem Boden.

Motorradtaxis rasen in halsbrecherischer Geschwindigkeit über die zahllosen Hügel von Kigali. Nur wenige Minuten vom City Tower im Zentrum entfernt findet man den Ort, an dem die Geschichte der 1,2 Millionen Stadt vor gerade einmal 106 Jahren begann.

Von der Terrasse des Richard Kandt Hauses bietet sich ein traumhafter Blick über die Stadt auf den 1850 Meter hohen Mount Kigali. Der deutsche Psychiater, Afrika-Forscher und Ethnologe Richard Kandt wählte 1907 exakt die geografische Mitte des Landes, um die erste deutsche Residentur in Ruanda zu errichten. Von hier aus sollte er im Reich der Tutsi-Könige die Direktiven des kaiserlichen Gouverneurs von Deutsch-Ost-Afrika aus dem 1150 Kilometer entfernten Daressalam im heutigen Tansania durchsetzen. Ruanda war auf der legendären Berliner Kongo-Konferenz 1885 durch reinen Zufall per Federstrich auf der Landkarte an Deutschland gefallen.

Ein Jahrhunderte, womöglich Jahrtausende altes Königreich, das sich bis dato in einer schwer zugänglichen Gebirgslandschaft von der Außenwelt abgeschottet hatte. 1898 traf Richard Kandt auf der ersten wissenschaftlichen Expedition nach Ruanda nicht nur als erster Weißer den Tutsi-König Musinga, sondern entdeckte im heutigen Nationalpark Nyungwe auch die Quellen des Nil.

Hier sind wir im ehemaligen Büro von Richard Kandt, dies hier war sein Schreibtisch. Diese Aufnahme zeigt Richard Kandt im Westen Ruandas, in Cyangugu. Nachdem er die Quellen des Nil entdeckt hatte, hat er dort einige Zeit gewohnt. In einer traditionellen Hütte, so wie alle anderen Ruander zu der Zeit.

Heute ist in der ehemaligen deutschen Residentur das Natur- und Heimatkundemuseum Ruandas untergebracht. Die Kolonialgeschichte, die im Richard Kandt Haus erzählt wird, hat nichts mit den rassistischen Exzessen des berüchtigten Carl Peters zu tun, einem der  Gründer der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft. Richard Kandt war dazu der Gegenpol. Während seiner Zeit als offizieller Vertreter des deutschen Kaiserreichs in Ruanda von 1907 bis 1913 zeigte er sich keineswegs als rücksichtsloser Kolonialist, sondern agierte zurückhaltend im Einklang mit dem Tutsi-König, dessen Machtstatus erhalten blieb. König Musinga wiederrum ließ sich von den Deutschen gegen aufständische Hutus und verfeindete Clans schützen.

Sicher, für uns ist Richard Kandt eine positive Figur. Er hat vieles nach Ruanda gebracht, den Tee- und Kaffeeanbau, die Versorgung mit fließendem Wasser und vieles mehr. Er hat mit den Ruandern zusammengearbeitet. Er fühlte sich selbst wie einer von uns.

Kandt wollte, wie er selbst schrieb, nicht Opfer von „weit vorbei greifenden Urteilen über Neger und Afrika“ werden, sondern hatte vor allem ein ethnologisch-wissenschaftliches Interesse. Auf Siedler wurde in Ruanda ebenso verzichtet wie auf wirtschaftliche Ausbeutung. Dass Richard Kandt durch die enge Zusammenarbeit mit dem Tutsi-König die Jahrhunderte alten Spannungen zwischen den unterprivilegierten Hutus und den herrschenden Tutsis nur verstärkte, stellte sich erst knapp 100 Jahre später als verheerend heraus. In den 1930er Jahren führten dann die Belgier die soziale Distinktion zwischen Hutus und Tutsis als offizielle ethnische Kategorie ein und bereiteten damit den Boden für den furchtbaren Völkermord von 1994.

Richard Kandt, der Gründer von Kigali und das gleichnamige Museum sind nicht die einzigen sichtbaren Spuren der kurzen deutschen Präsenz in Ruanda. Auch das muslimische Viertel Nyamirambo, entstand als Folge der deutschen Residentur. Die deutschen Kolonialbeamten benötigten Übersetzer für die bis dato völlig unbekannte ruandische Landessprache Kinyarwanda. Die Übersetzer holten sich die Beamten aus einer anderen Region des deutschen Kolonialgebiets, aus dem heutigen Tansania.

Die meisten dieser Übersetzer waren Muslime. Als sie nach Ruanda kamen, wusste man zunächst nicht, wo man sie unterbringen sollte. Die Deutschen beschlossen, ihnen einen Platz innerhalb der Stadt zuzuweisen, wo sie ihre Häuser bauen konnten. Diese Orte nannte man damals „Ort andersartiger Sitten“. Nyamirambo war einer von ihnen.

Erklärt die 20jährige Béatrice, die sich als Fremdenführerin ein paar Ruanda Francs verdient. Die Jüngste von sieben Geschwistern ist ein paar Straßen weiter geboren und kennt Nyamirambo wie ihre Westentasche. Sie selbst in Christin, die meisten ihrer Geschwister sind muslimisch konvertiert.

Vor dem Völkermord lebten nur sieben Prozent Muslime in Ruanda. Man behandelte sie wie Ausländer. Sie hatten kein Recht, zur Schule zu gehen, sie durften auch keine Dorfchefs stellen. Deswegen haben sie auch beim Völkermord so gut wie kein Rolle gespielt. Heute hat sich die Anzahl der Muslime verdoppelt, viele Ruander sind konvertiert. Denn viele haben das Morden nur überlebt, weil sie sich in einer Moschee versteckt hielten.

Nyamirambo ist heute das bunteste, lebendigste Viertel der ansonsten äußerst aufgeräumten, sauberen Hauptstadt. Boutiquen, Friseursalons, Schneiderstuben aber auch die traditionellen Milchbars, in denen man aus riesigen Stahlbehältern frische Buttermilch in Halblitergläsern serviert bekommt, prägen das Straßenbild. Und immer wieder kleine Stände, an denen Früchte, Maiskolben oder die typischen kleinen Pfannkuchen angeboten werden.

Versuchen Sie mal die Chapatti, die sind köstlich. Das essen die Leute hier aus der Gegend, oft zum Frühstück. Öl, Mehl, Wasser, ein bisschen Salz und ein bisschen Zucker, das ist alles! Auch das haben die Muslime aus Tansania hier damals eingeführt.

Mit einem Schluck schwarzen Tee ist der zarte Teig der Chapatti mit dem leicht süßen Aroma ein echter Gaumenschmaus. Bezeichnend für das betriebsame Leben in Nyamirambo ist auch der Wochenmarkt, auf dem man alles bekommt, was für den ruandischen Alltag nötig ist.

Der Markt ist eigentlich Sache der Frauen. Dahinten ist der Fleischer, der einzige Mann  hier. Da kriegt man vor allem Ziegen- und Rindfleisch. Natürlich kein Schweinefleisch, immerhin ist das hier ein muslimischer Markt!

Das Ziegenfleisch isst man vor allem an den Brochettes, also an Spießen. Ziegenmilch dagegen trinken wir nur bei Mangelernährung. Ruander trinken Kuhmilch. Und hier kommen wir zum Gemüse. Das hier ist Dodo, so nennen wir Amarant-Blätter. Die isst hier jeder. Wächst überall, ist preiswert und außerdem äußerst nahrhaft.

Mit mächtigen Macheten-Hieben zerlegt ein Fleischer eine Ziege in ihre Einzelteile. Frauen mit bunten Gewändern und kunstvoll verzierten Kopftüchern warten, bis sie an der Reihe sind. Und schon geht es weiter zum nächsten Stand.

Dies hier sind Maniok-Blätter. Daraus macht man „Sombe“. Hier entlang!

Vorbei an einem Stand mit traditionellen kleinen Kole-Öfen aus Ton, auf denen die Ruander seit Jahrhunderten ihr Gemüse und Getreide kochen, nähern wir uns einer Gruppe älterer Frauen. Mit schweren Holstangen zerstampfen sie Maniokblätter in
Holzbottichen zu einem grünen Brei. Gleich daneben brummt ein Trockengebläse. Auf dem Boden rollt sich ein lächelndes Baby, ein Huhn ergreift die Flucht unter einen der Stände.

Es dauert etwa 30 Minuten, um den Sombe Brei herzustellen. Das machen diese Frauen von Morgen bis Abends, jeden Tag. Es werden Zwiebeln und Knoblauch dazugegeben, oder was immer der Kunde möchte. Gerade für junge Mütter ist der Maniokbrei gut, denn er enthält viel Eisen.

Die offenen Hallen des Nyamirambo-Marktes halten immer neue Entdeckungen bereit. Anstelle von Gebets-Teppichen werden hier einfache Tücher verkauft. Bestickt sind sie mit Koran-Zitaten auf Swahili und erinnern so an die tansanischen Übersetzer der deutschen Kolonialbeamten, die das Stadtviertel vor gut hundert Jahren gründeten. Ein paar Meter weiter verlassen wir den Markt, durchqueren die engen Straßen eines Armenviertels: Strom haben hier die wenigstens, und auch das Wasser wird oft noch in Kanistern nach Hause transportiert. Als wir auf einer Erhöhung ankommen, werfen wir einen letzten Blick auf die Keimzelle der deutschen Stadtgründung im Stadtteil Nyarugenge. Laut dem „Kigali Masterplan“ sollen hier bald die einfachen Lehmbauten Platz machen für gläsern blitzende Wolkenkratzer, dem „Manhattan am Nil“. In der Stadt der Tausend Hügel löst die Zukunft gerade die Vergangenheit ab.

 

Nur Helden bitte, keine Opfer

Geschichtspolitik einer Diktatur: In Weißrussland ist die „richtige Erinnerung“ an den Zweiten Weltkrieg Staatsraison und stützt so Regime und Machtapparat des Präsidenten.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21. Oktober 2014

Wollen Sie mich ins Gefängnis bringen?“, antwortet Regina Lawrowitsch, Vorsitzende des Vereins für ehemals minderjährige Zwangsarbeiter im Minsker Stadtteil Partisansky, spöttisch auf die Frage nach der Erinnerungspolitik in Weißrussland. „Jeder hat seine eigene Wahrheit“. sagt die betagte, doch energische Frau. Sie habe aber das Gefühl, jemand wolle die Vergangenheit schönreden und das Schreckliche verdrängen. Lawrowitschs Verein namens „Dolja“ (Schicksal) ist einer der wenigen privaten Treffpunkte für die vergessenen Opfer des Krieges. „Als ich vor Jahren unseren Verein anmelden wollte, sagte man mir beim Amt, die Kategorie ‚minderjährige Zwangsarbeiter‘ gebe es nicht. Es gebe nur ‚Kriegsopfer‘.“

Kein Land hat im Kampf gegen die nationalsozialistische Vernichtungspolitik gemessen an der Bevölkerung höhere Verluste erlitten als Weißrussland. Ein Viertel der zehn Millionen Weißrussen kamen im „Großen Vaterländischen Krieg“ um. Eine halbe Million sogenannter Ostarbeiter wurde in deutsche Industriebetriebe und Arbeitslager verschleppt. Diejenigen, die das Kriegsende erlebten, galten nach ihrer Rückkehr in die Heimat als „Verräter“, weil sie in der Rüstungsindustrie des Feindes gearbeitet hatten. In KGB-Akten wurde vermerkt, wer damals „freiwillig“ nach Deutschland gegangen war, darunter auch Kinder wie Regina Lawrowitsch.

„Als ich zwölf war, versteckten wir uns bei den Partisanen im Wald vor den Deutschen“, erzählt Lawrowitsch. „Im Winter 1943 jagten sie auf dem Rückzug von der Front am Dnepr weißrussische Partisanen. Wir mussten unsere Erdhöhlen verlassen, mit meinen Eltern und meinen Schwestern lief ich der Wehrmacht in die Arme.“ Das Mädchen wurde von seiner Familie getrennt und in einem Viehwaggon in eine Rüstungsfabrik nach Süddeutschland verschleppt. Nach ihrer Rückkehr verschwieg sie fünfundzwanzig Jahre lang selbst ihrem Ehemann ihre Vergangenheit als Zwangsarbeiterin in Deutschland. Im sowjetischen Geschichtsbild, das nur siegreiche Frontsoldaten und mutige Partisanenkämpfer kennt, hatten Schicksale wie ihres keinen Platz. Sie störten die große Erzählung.

Weißrussland löst sich nur widerwillig vom sowjetischen Geschichtsbild. Kriegsüberlebende, die nicht an Kämpfen beteiligt waren, werden nur dann als Kriegsopfer anerkannt, wenn das politisch und mit Blick auf die Staatskasse opportun erscheint. Geschichtsvereine wie der von Regina Lawrowitsch entstehen fast ausschließlich dank finanzieller und logistischer Hilfe aus Deutschland. So engagiert sich die Bundesstiftung „Vergangenheit, Verantwortung, Zukunft“ seit einem Jahrzehnt für die zivilgesellschaftliche Aufarbeitung des Krieges und seine Lehren für die europäische Gegenwart. „Der weißrussische Staat unterstützte uns nie. Wir mussten um unsere Anerkennung kämpfen“, bezeugt Regina Lawrowitsch. „Es hieß, die Deutschen hätten die Verbrechen begangen, deswegen seien sie auch verantwortlich für die Aufarbeitung.“

Eine Mischung aus postsowjetischer Ideologie und politischem Machtdenken tabuisiert in Weißrussland noch immer die Erinnerung an menschliches Leid. Nach der Unabhängigkeit 1991 erhielten zwar immerhin auch ehemalige KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter einige Privilegien von Kriegsveteranen: Sie konnten sich gratis ärztlich behandeln lassen, kostenlos öffentliche Verkehrsmittel benutzen, bekamen höhere Monatsrenten. Das wurde 2007 von Präsident Lukaschenka aber wieder rückgängig gemacht, gerade als der Staatshaushalt wegen eines Energiekonflikts mit Moskau wieder einmal kurz vor dem Bankrott stand. Nur den gut zwei Millionen offiziellen Kriegsveteranen, fast ein Viertel der weißrussischen Bevölkerung und Lukaschenkas treueste Klientel, stehen die staatlichen Wohltaten weiterhin zu.

Eine Studie über die Arbeit der Bundesstiftung, die bis zum Jahr 2006 Entschädigungen von insgesamt 345 Millionen Euro an 129 000 Geschädigte in Weißrussland ausgezahlt hat – davon achtzig Prozent an ehemalige Zwangsarbeiter –, zeigt, dass die Zahlungen die Lage vieler Überlebender deutlich verbesserten. Zugleich stabilisierte das Entschädigungsprogramm aber auch das marode weißrussische Gesundheits- und Rentensystem und subventionierte mittelbar auch den Machtapparat Lukaschenkas. Die Entschädigung der Opfer der einen, vergangenen, Diktatur hilft der anderen, gegenwärtigen.

Erinnerung wird in Weißrussland nicht nur politisch genutzt, sondern auch streng kontrolliert. Das merkt man in Borissow, siebzig Kilometer nördlich von Minsk, wo 1941 siebentausend weißrussische Juden ermordet wurden, 1944 dann aber die Truppen der 3. Weißrussischen Front einen wichtigen Sieg errangen. Eduard Gedroiz überlebte damals als Kleinkind das deutsche Todeslager. Heute leitet er eine private Organisation von ehemals minderjährigen Opfern des Faschismus. Im Keller einer heruntergekommenen Plattenbausiedlung organisiert Gedroiz gemeinsam mit älteren Mitstreitern gesellige Abende und Fahrten zu nahegelegenen Friedhöfen und Gedenkstätten. Man müsse über die verdrängte Vergangenheit reden und so der sozialen Isolation entkommen, erklärt Gedroiz gütig lächelnd.

Doch plötzlich betritt eine Dame mit strenger Miene und ebenso strenger Hochfrisur den Kellerraum. Die Vereinsmitglieder erstarren und verstummen. Alla Lenkina ist die Abgesandte des Exekutivkomitees von Borissow, zuständig für Ideologie und Propaganda. Sie bittet, ihr unverzüglich in die Zentralbibliothek zu folgen. Ihr Ton schließt Widerspruch aus. In der Bibliothek erwarten uns ausgesuchte Zeitzeugen. Sie preisen die „weise Politik unseres großen Führers Lukaschenka“. Beim Rundgang über die Gedenkstätte des ehemaligen deutschen Todeslagers begleiten uns junge Männer mit Bürstenschnitt und dunklen Anzügen, die sich widerstrebend als „Mitarbeiter des Innenministeriums“ vorstellen. Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg ist ein Nervenpunkt der jungen nationalen Identität Weißrusslands, auf den Präsident Lukaschenka seine Hand hält.

In Berlin erklärt Ralf Possekel, Programmleiter der Bundesstiftung, deren Arbeit. „Unsere Projekte zur Aufarbeitung der Geschichte und ihrer Opfer sollen auch zur Anerkennung der Zivilgesellschaft im Land beitragen. Vielleicht nicht bis zur Regierungsspitze, aber zumindest bei den Lokalverwaltungen“, so Possekel. Aufarbeitungs- und Bildungsprogramme für Jugendliche würden in der Ukraine und sogar Russland gut aufgenommen, nicht jedoch in Weißrussland. Obwohl gerade das Auszahlungsprogramm von der weißrussischen Partnerorganisation weitaus transparenter und effizienter abgewickelt wurde, als dies anderswo in Osteuropa der Fall war. Allerdings wüssten die Weißrussen immer sehr genau, wo die Freiräume für die Zusammenarbeit enden. Opferhilfe-Organisationen, die jugendliche Freiwillige aus Deutschland für die soziale Betreuung von Kriegsopfern oder für Aufarbeitungsprojekte nach Weißrussland vermitteln, berichten von Repressionen. Zwei deutsche Zivildienstleistende wurden des Landes verwiesen, nachdem sie in einem Schulseminar über die Diskriminierung in der Vergangenheit auch über die gegenwärtige Politik Lukaschenkas reden wollten.

In Minsk betreibt das Internationale Bildungs- und Begegnungswerk Dortmund mit lokalen Partnern eine „Geschichtswerkstatt“ auf dem Gelände des früheren jüdischen Gettos. Mehr als hunderttausend Juden aus Weißrussland, aber auch aus Westeuropa, waren während der deutschen Besetzung hier eingepfercht, bevor man sie ins Konzentrationslager Trostenez am Minsker Stadtrand verfrachtete und umbrachte.

„Wir wollten einen authentischen Ort der Erinnerung und der geschichtlichen Aufarbeitung schaffen, um das Gedenken an die vergessenen Opfer auch für die kommende Generation zu bewahren“, erklärt der weißrussische Leiter der Geschichtswerkstatt, Viktor Balakirjew. Eine instandgesetzte Baracke des früheren Gettos bespielt Balakirjew mit Ausstellungen und Konferenzen zu Tabu-Themen wie Frauen und Kinder im Krieg oder über Kollaboration oder aber über den oft wenig heldenhaften Alltag an der Front. Das Gedenken an die hunderttausend in Trostenez getöteten Juden sei lange nicht bloß unerwünscht, sondern offen unterdrückt worden. „Man darf die Frontkämpfer und Partisanen nie aussparen. Da gibt es harte ideologische Kämpfe!“

Nach finanziellen Zusagen aus Deutschland hat Weißrussland einer Gedenkstätte von „gesamtnationalem Charakter“ am Ort des ehemaligen Todeslagers zugestimmt. Die Grundsteinlegung fand wenige Monate nach Beginn der Majdan-Revolution in der Ukraine statt. Präsident Lukaschenka lieferte auch den Grund für diese Entscheidung: „Heute erhebt der Faschismus wieder sein Haupt!“ Diese Erinnerungspolitik empfinden Holocaust-Überlebende als Schlag ins Gesicht. Frida Reismann, die als junges Mädchen das Getto überlebte und heute dem jüdischen Gedenkverein vorsitzt, ist empört, wie die Vergangenheit noch immer verschwiegen oder verfälscht wird. Unlängst brachte Frau Reismann eine umfangreiche Publikation über die Verfolgung der Juden in Minsk heraus. „Warum müssen das die Gettohäftlinge selber tun?“, entrüstet sie sich.

Fahren Sie doch einfach los!

Rebellen vom Prenzlauer Berg: Wie zwei junge Ostberliner über Ulan Bator nach Peking reisten

Süddeutsche Zeitung, 26. Mai 2014

Fünfundzwanzig Jahre nach dem Mauerfall blühen bunte Erinnerungslandschaften über der DDR-Vergangenheit. Peter Wensierski, der ab 1979 für den Spiegel als Korrespondent aus Ost-Berlin berichtete, zeigt mit seiner Nacherzählung der illegalen Reise zweier junger DDR-Bürger von Berlin nach Peking eine weitere Erinnerungsperspektive auf die Lebensrealität im Arbeiter- und Bauernstaat: Wer eine Lücke im System suchte, wurde fündig, ein halbwegs richtiges Leben im Falschen war durchaus möglich. Jens und Marie, 23 und 24 Jahre alt, lernen sich in der Dunkelkammer der Kunsthochschule in Weißensee kennen. Der Biologiestudent Jens entwickelt Abzüge von seiner unerlaubten privaten Studienreise in den Kaukasus, die Szenenbildnerin Marie bearbeitet Bilder von ihrer Tramptour zu den Wildpferden Bulgariens. Durch den grauen Ostberliner Schnee stapfen sie zu Jens’ Einzimmerwohnung, stehlen auf dem Weg ein paar Kohlen für den Kachelofen, der Mokka dampft, und im Regal stehen Tesla-Tonbandspuren von Pink Floyd und Leonard Cohen. Reisen in den Kaukasus für DDR-Bürger? „Man kommt immer nur so weit, wie man im Kopf auch ist“, gibt Jens zu bedenken. Nach der ersten gemeinsamen Nacht weiß Marie, dass sie genau so leben will.

Peter Wensierski lebte in den Achtzigerjahren in ebendiesem Ostberliner Kiez rund um den Wasserturm im Prenzlauer Berg, dort wo heute hochpreisige Altbauten vermietet werden. Damals, so erinnert sich Wensierski, „sahen die Fassaden zwar nach außen grau und trostlos aus, doch in den Wohnungen spielte sich ein buntes Leben ab.“ Leer stehende Wohnungen wurden besetzt, indem man der zuständigen Verwaltungsstelle einfach 15 Ostmark Miete überwies. Modische Kleidung wurde selbst genäht und eingefärbt, Umweltschützer und Systemkritiker diskutierten bei reichlich Wein mit westdeutschen Studenten über die Zukunft – die Hausdächer boten bot genug Platz zum Träumen. Die erste Hälfte seiner Nacherzählung von Jens’ und Maries „Geschichte einer abenteuerlichen Flucht“ widmet Wensierski dem damaligen Lebensgefühl. Der Prenzlauer Berg, so schreibt der gebürtige Nordrheinwestfale, war so wie Dresden-Neustadt oder Leipzig-Connewitz ein „Freiraum für junge Leute, der so von der Staatsführung nie gewollt war“. Man muss nicht lange suche, um Künstler und Systemaussteiger von damals zu finden, die diese Geschichte anders erzählen. Allein Uwe Tellkamps „Der Turm“, Ingo Schulzes „Adam und Evelyn“ oder Hermann Zschoches DDR-Roadmovie „Und nächstes Jahr am Balaton“ zeigen, wie unterschiedlich das Lebens- und Freiheitsgefühl in der Endphase der DDR sein konnte.

Dabei gibt es auch in Wensierskis Version von Rebellions- und Freiheitsmöglichkeiten in der DDR gute Gründe zur Republikflucht. Jens wird aufgrund seiner „völlig unzureichenden Studiendisziplin“ nach ein paar verpassten Russischkursen exmatrikuliert und zur „feindlich-negativen Person“ erklärt. Erstaunten DDR-Bürgern hatte er bei Diavorträgen über seine unerlaubten Reisen in sozialistische Bruderländer vom sowjetischen Polarkreis bis zum Baikalsee geraten: Fahren Sie einfach los! Als die Stasi dann eine US-amerikanische Fliegerkarte der Mongolei bei ihm findet, verliert er kurz darauf auch seine einzige Einkommensquelle. Dort, wo Wensierski die alten Stasiakten zur Hand nimmt und Berichte wie beispielsweise über die „Maßnahme einer Beschaffung einer Eintrittskarte“ für Jens’ subversive Diavorträge zitiert, kommt man dem kleinlichen-engen Überwachungssystem besonders nah.

Jens und Marie, das ist der Kern ihrer Geschichte, lassen sich nicht einschüchtern und finden die Lücke im System. Ein offizieller Ausreiseantrag hätte für sie und ihr Umfeld eine jahrelange gesellschaftliche Isolierung bedeutet. Stattdessen treten die beiden Naturliebhaber in den sozialistischen Bergsteigerverband ein und fälschen die Einladung eines Bruderverbands aus Tadschikistan zum Besuch auf dem „Pik Kommunismus“ im Pamir-Gebirge. Bei der Passstelle für Olympiakader macht die exotische Urkunde offenbar Eindruck. Das Kontrollsystem der Stasi versagt: Mit Russland-Visum im Reisepass, selbst genähten Rucksäcken, alten Gardinen als Mückenschutz und einem Adressbuch voller Reisebekanntschaften machen Jens und Marie sich wenig später auf den Weg in die Mongolei.

Wensierski schildert ihre Reise als sowjetischen Roadtrip über Warschau und Moskau bis nach Ulan Bator. Mit klapprigen Versorgungsflugzeugen überfliegen sie die Wüste Gobi und erleben am menschenverlassenen See Chöwsgöl Nuur ein bisher ungeahntes Gefühl der Freiheit. In den Jurten der mongolischen Nomaden erfahren sie, wie die Volksgemeinschaft sich gegen die Regelungswut der sowjetischen Inspektoren verteidigt, lernen Ziegenaugen als kulinarische Spezialität kennen und passieren auf Lkws, unter Planen versteckt, unzählige Kontrollposten. Nach fast 11 000 Kilometern und einer atemberaubend spannenden Reise stehen Jens und Marie schließlich vor der Botschaft der BRD in Peking und damit vor der Tür in den Westen.

„Die verbotene Reise“ erzählt von zwei mutigen Menschen, die genug davon hatten, dass eine Riege alter Herren für Zwanzigjährige entschied, wie deren Zukunft auszusehen hatte. Peter Wensierski hat seine Protagonisten, die 25 Jahre nach ihrem Abenteuer getrennt voneinander in Brandenburg leben, ausfindig gemacht und ihre Erinnerungen veröffentlicht. Damit macht er sich zweifelsfrei um die Aufarbeitung der verschiedenen Lebensrealitäten in der DDR verdient. Fragwürdig ist dabei Wensierskis Rede von „einer anderen Art Mensch“, die, so der gut vernehmbare Unterton seiner Nacherzählung, heute nicht mehr existiere. Die Migranten aus Afrika, die sich dieser Tage unter Lebensgefahr auf den Weg zu den Küsten Südeuropas machen, beweisen das Gegenteil.

Die Dialoge und Gedanken von Wensierskis Helden angesichts der Abenteuer und Gefahren, die Reflexionen über das Leben in der DDR und über den Traum von Freiheit wirken oft genug aufgesetzt, so als seien Jens und Marie nur Statisten ihrer eigenen Geschichte. Vor der Chinesischen Mauer fragt sich Marie, ob „unsere Mauer daheim auch einmal so sinnlos sein wird.“ Am Ende, als sich das Liebespaar unter den politischen Zwängen doch trennt, erscheint die Einsicht, „dass jeder wohl seinen eigenen Weg gehen muss“, seltsam lakonisch und blutleer. Es drängt sich der Eindruck auf, dass sich Wensierski nicht wirklich für die Gefühlswelt seiner Protagonisten interessiert, sondern eher seiner Zeit im „wilden Osten“ und einem individuellen Lebensgefühl jenseits der westlich-kapitalistischen Welt nachhängt. Die Geschichte von Rebellion und Widerstand in der DDR werde zu wenig erzählt, meint Wensierski. Das mag richtig sein. Mutige Menschen, die bedingungslos für ihre persönliche Freiheit kämpfen, gibt es aber überall und zu jeder Zeit.

Friedrich Engels’ Versprechen

In Berlin Prenzlauer Berg wird ein Plattenbau unter Denkmalschutz gestellt. Während das Viertel um sie herum gentrifiziert wird, leben die Einwohner der ehemaligen DDR- Vorzeige-Siedlung „wie auf einer Insel.”

Deutschlandfunk, 10.3.2014

Deutschlandfunk, Deutschland Heute, 10.3.2014

 

Das war genau an dem Tag, als Erich Honecker hier den Thälmann Park einweihte, nämlich die Decke vom Denkmal zog. Und danach hat er noch irgendwo eine Wohnung besucht. Hat da mit den Leuten noch eine Tasse Kaffee getrunken, ich glaub mit seiner Margot zusammen.

Wolfram Langguth ist ein gepflegter Herr, ’41er Jahrgang. 1986 ist er mit seiner Frau und drei Kindern in den Neubau im Ernst Thälmann Park gezogen. Drei 18-geschossige Wohntürme und zwei 12 geschossige Wohnriegel dazu 11 Hektar Parkanlagen, Kinderkrippe, Schwimmhalle, Schule, Milchbar, Kulturzentrum Bierstube und ein Supermarkt  – das Neubaudorf war ein politisch äußerst wichtiges Prestige-Projekt für die DDR. In die Modell-Siedlung durfte nur einziehen, wer sich um Staat und Partei besonders verdient gemacht hatte. Namensgeber Ernst Thälmann, dem von den Nazis ermordeten DKP-Chef, wurde eigens ein 13 Meter hohes und 50 Tonnen schweres Denkmal gewidmet.

Es wird ja oft von Insel und vom Dornrößchenschlaf gesprochen. Wir haben ja hier von den ganzen Veränderungen und Umwälzungen, wenn ich mal von der politisch-gesellschaftlichen Umwälzung, Wende und die nachfolgenden Jahre absehe – aber von dem Bevölkerungsumschichtungsprozess und von der Gentrifizierung haben wir hier eigentlich sehr unbeschadet gelebt.

Meint Wolfram Langguth. Mit seiner seine Frau bewohnt er HEUTE eine knapp 70 Quadratmeter große Dreizimmerwohnung, für gerade einmal 420 Euro warm. Wer heute eine sanierte Wohnung im Prenzlauer Berg beziehen möchte, zahlt schnell das Doppelte oder mehr.

Längst hat die Immobilienwirtschaft auch den Thälmann Park entdeckt. Neben die grauen Wohntürme aus DDR Zeiten werden helle Appartementhäuser mit Privatgarten gebaut, zu verkaufen für 4000 Euro pro Quadratmeter. Seit letztem Jahr  warnt eine Anwohnerinitiative vor der anstehenden Sanierung der Plattenbauten und steigenden Mieten wie im übrigen Kiez. Vor kurzem kam die Entwarnung: Das graue Ensemble aus Beton wurde vom Landesamt unter Denkmalschutz gestellt. Jens Holger Kirchner, Baustadtrat der Grünen, möchte dennoch sanieren, um so die Wohnhäuser und das anliegende Kulturzentrum in einen – so wörtlich -„für Deutschland im 21. Jahrhundert angemessenen Zustand zu bringen“.

Einige sagen: Denkmalschutz, jetzt darf da überhaupt nichts mehr passieren. Das ist ein Irrtum! Es wird da keine Aufmärsche mehr geben mit Pioniertuch oder mit roten Fahnen. Das könnte man ja verwechseln mit Denkmalschutz. Sondern die Auseinandersetzung mit diesem Areal wird nur unter Denkmalschutzaspekten zusätzlich geführt.

Die Debatte um den Thälmann Park ist ideologisch aufgeladen. Der heutige Baustadtrat Kirchner demonstrierte Anfang der 1980er Jahre in der DDR gegen die Neubebauung des Geländes. Erstbezieher wie Wolfram Langguth dagegen sind bis heute stolz auf die Errungenschaften der DDR-Bauwirtschaft. Während der Ortsverein der Jungen Liberalen das Thälmann-Denkmal im letzten Sommer sprengen wollte, engagieren sich Anwohner für die Pflege des Kolosses und organisieren Gedenkveranstaltungen. Das neue Denkmalschutzgutachten erinnert auf geradezu schaurige Weise an Erich Honeckers Eröffnungsrede des Areals: mit der Siedlung sei das “Versprechen Friedrich Engels’ umgesetzt” worden, nach dem “die Lösung der Wohnungsfrage nur unter sozialistischen Verhältnissen möglich” sei, so steht es im Gutachten von Anfang 2014. Tempi passati, befürchtet Erstmieter Wolfram Langguth:

Das Problem ist eigentlich: Hier ist eine sehr breite soziale Mischung da, und die ist eigentlich auch noch immer da. Die gab es schon zu DDR-Zeiten. Da hat unter Umständen ein Professor der Humboldt-Universität neben einem Metallarbeiter gewohnt. Und beide haben sich gut verstanden. Das kann ja dadurch schon in Schieflage geraten – was hier gebaut wird, sind ja nun Wohnungen im sehr hochpreisigen Segment.

Die Befürchtungen der Anwohner, dass durch die Neubebauung des Geländes und die Sanierung der Wohntürme die Mieten steigen, sind weitgehend unbegründet. Ein Großteil der fast 1400 Wohnungen sind Eigentum der städtischen Wohnungsbaugesellschaft Gewobag, die Erfahrungen hat mit mieterfreundlichen Sanierungen. Über den Denkmalschutz können zudem Fördergelder für die Sanierung der Wohn- und Parkanlagen generiert werden. Im Ernst Thälmann Park scheint es wohl doch um ein Stück aus der DDR-Vergangenheit zu gehen, das im schicken Prenzlauer Berg wie ein gallisches Dorf bewahrt werden soll. Markus Seng, gebürtiger Badener, der seit drei Jahren im Thälmann Park wohnt und einer der Gründer der Anwohnerinitiative ist, zeigt sich zufrieden: ” Wir leben jetzt in einem Denkmal. Damit ist auch die ideologische Debatte beendet.”

Können Nationen voneinander lernen?

Deutschland hat im 20. Jahrhundert zwei Diktaturen erlebt und gilt heute vielen Staaten – von Ruanda bis Rumänien – als Vorbild der Aufarbeitung. Ein neuer Exportschlager?

Deutschlandfunk, 16.5.2013

Deutschlandfunk, Hintergrund, 16.5.2013

 

März 1994 im ostafrikanischen Kleinstaat Ruanda. Im populären Radiosender Radio Télévison libre des Mille Collines wird gegen die Volksgruppe der Tutsis agitiert.

Einen Monat bevor der grausame Völkermord an den Tutsis losbrach hatte ein katholischer Priester begonnen, seine Übersetzung von Hitlers „Mein Kampf“ ins ruandische Kinyarwanda zu verbreiten. Bevor die Volksgruppe der Hutus in nur 100 Tagen 800 000 Tutsis liquidierte, hatten die Initiatoren des Genozids im Radio eine Propagandaoffensive gestartet. Explizit orientiert sich das Programm an den Hetz-Techniken der deutschen Nationalsozialisten. Zwischen Wettermeldungen, Ratespielen und dem nächsten Schlager, wird die Volksgemeinschaft beschworen, die Tutsis als Kakerlaken verschmäht, und so der Genozid vorbereitet.

Nur ein echter Ruander verteidigt sein Vaterland! Nur ein Hutu ist ein echter Ruander! Tutsis sind unser Unglück! Jeder Hutu hat die Pflicht, Tutsis zu töten!

Eine Rassenpolitik nach pseudo-physiognomischen Kriterien, detaillierte Todeslisten, die den Schlächtern ihre nächsten Opfer anzeigen. Ein geplanter Völkermord, der in fataler Weise an den Holocaust erinnert.

Drei Monate später erobert schließlich die „Ruandische Patriotische Front” unter dem heutigen Präsidenten Paul Kagamé die Macht im Land zurück. Die neue Regierung macht sich die Aussöhnung zwischen den Volksgruppen und den moralischen Wiederaufbau des Landes zur wichtigsten Aufgabe.

Wir haben auch schnell nach Deutschland geschaut, weil wir gedacht haben, sie haben auch einen Genozid erlebt. Wie gehen die damit um?

Christine Nkulikiyinka ist die Botschafterin Ruandas in Berlin. Wohl kaum eine andere Nation hat sich so intensiv wie Deutschland historisch, gesellschaftlich und juristisch mit der eigenen Diktaturgeschichte auseinandergesetzt. Wo Völkermord und Unrechtsregime aufzuarbeiten sind, gilt Deutschland heute für andere Staaten oft als Orientierung.  Aber können Nationen wirklich voneinander lernen? Gibt es so etwas wie ein deutsches Modell der Vergangenheitsverarbeitung, das sich auf andere Länder übertragen lässt?
Bereits ein Jahr nach dem Völkermord  reisten Delegationen aus Ruanda nach Deutschland, besuchten Gedenkstätten des Nationalsozialismus, trafen Antisemitismusforscher, besichtigten Archive und Museen der deutschen Diktaturgeschichte.

’95, ’96 sind schon die ersten hierhingekommen, weil Ruanda auch versucht hat, einen Weg zu finden, wie man das aufarbeiten kann. Ich vermute, weil Deutschland auch wusste, mehr als andere, was das bedeutet und natürlich auch direkt mit Ruanda in Dialog stand. Wie können wir helfen, juristische Aufarbeitung, wie geht das?

Gerd Hankel vom Hamburger Institut für Sozialforschung war Berater für den juristischen und zivilgesellschaftlichen Wiederaufbau in Ruanda. Zum Erfolg der deutschen Aufbauhilfe in dem afrikanischen Kleinstaat hat er eine ambivalente Meinung.

Es ist von deutscher Seite reichlich Geld geflossen, um Menschen vor Ort auszubilden, die aktiv werden können in  der Aufdeckung der Völkermordverbrechen, um Archive zu erstellen, damit man einfacher herausfinden kann, was damals geschehen ist. Das ist die deutsche Rolle. Dass wir daneben aufgrund von unserer eigenen Geschichte auch als Experten in Sachen Völkermordaufarbeitung gelten – das kann man schon sagen. Aber das hat sich dann nach einiger Zeit gelegt, weil dann die ruandische Spezifizität in der Aufarbeitung dessen, was geschehen ist, stärker geworden ist.

Deutschland als Blaupause für Aufarbeitung von Völkermord und demokratischen Wiederaufbau nach der Diktatur? Wohl kaum. Ruanda, ein Land mit gerade einmal 11 Millionen Einwohnern, von denen 800 000 getötet, 2 Millionen geflüchtet und die übrig gebliebenen verängstigt sind. Staatliche Strukturen sind praktisch nicht mehr existent, geschweige denn ein funktionierendes Justizsystem.

Die Hauptverantwortlichen des Genozids wurden noch 1994 dem Internationalen Sondertribunal in Arusha überstellt. Fast 2 Millionen Angeklagte mussten sich dagegen wegen Organisation des Genozids, Gewaltverbrechen oder Plünderung vor 13 000 Gacaca Dorfgerichten verantworten. Ein Heer von 260 000 Laienrichtern vollzog hier nach öffentlicher Anhörung Schnell-Verfahren auf dem Dorfplatz.

Ruander sind verpflichtet, sich vor den Gacaca Gerichten zu verantworten. Gegen jeden, der die Aussage verweigert oder falsch aussagt, werden diese Gerichte ermitteln. Aussageverweigerung wird mit Gefängnisstrafe zwischen einem und sechs Monaten bestraft. Versteht Ihr? Ich will, dass wir zusammenarbeiten, und dass niemand von Euch in Schwierigkeiten gerät, für das, was er hier aussagt. Ein Gesetz, das ist kein Lied, sondern ein Gesetz!

In Ruanda steht die Relativierung des Genozids unter Strafe, ungeachtet der späteren Bürgerkriegswirren, in denen auch Opfergruppen zu Tätern wurden. Es ist das, was Gerd Hankel als die „pragmatische Lösung“ bezeichnet. Das Land will schnellstmöglich die blutige Vergangenheit hinter sich lassen, die nationale Einheit wiederherstellen und den wirtschaftlichen Wiederaufbau beschleunigen.

Wenn ich das als Kriterium nehme, dann muss ich sagen, dass der deutsche Versuch, dort mit Kenntnissen etwas zu bewirken im Land, dass das gescheitert ist, und dass die Ruander das auf ihre eigenen Art machen, und zwar die Fragwürdigkeit dessen, was in Ruanda geschehen ist, einfach ausblenden.

Die Kritik des Juristen Hankel ist bekannt – und umstritten. Ist es realistisch, die deutsche Erfahrung mit der Aufarbeitung des Holocaust, das deutsche Rechtsempfinden in einen afrikanischen Kleinstaat übertragen zu wollen?

Eine anmaßende Vorstellung, meint der Hamburger Anwalt und Ruanda-Berater Dieter Magsam. Deutschland spiele eine wichtige Rolle im Aufbau eines funktionierenden Justizsystems, freilich nach ruandischem Modell. Am Lac Kivu hat man währenddessen längst eine eigene Form des Gedenkens gefunden, meint Botschafterin Christine Nkulikiyinka.

Es war auch klar: wir werden das nicht so machen, wie es hier gemacht wird. Wir haben unsere Besonderheit und die müssen wir berücksichtigen. Das haben wir festgestellt bei verschiedenen Besuchern, die auch die Gedenkstätten hier besucht haben, die aber die Art und Weise, wie das hier gemacht ist, nicht sehr persönlich fanden. Das ist ein bisschen zu wissenschaftlich, und es fehlt diese menschliche Komponente, was natürlich auch sehr wichtig ist bei der Aufarbeitung.

Schauplatzwechsel: Tunis, am 14. Januar 2011. Nach der öffentlichen Selbstverbrennung des Straßenhändlers Mohamed Bouazizi demonstrieren zehntausende Tunesier vor dem Innenministerium des Regimes unter Ben Ali. Der Diktator flieht überstürzt aus dem Land, das Militär übernimmt provisorisch die Macht. Auch hier sind der Zusammenbruch der Staatsstruktur, des Polizei- und Justizwesens die Folge. Bürgerinitiativen und Menschrechtsgruppen fordern die Aufdeckung von Folter und Verbrechen der brutal agierenden Geheimpolizei, wollen die Bestrafung der Täter und Gerechtigkeit für die Opfer. Nur wenige Wochen nach dem Sturz Ben Alis besucht Tunesiens Interims-Innenminister die Gedenkstätte im ehemaligen Stasi-Untersuchungsgefängnis in Berlin-Hohenschönhausen.

Jährlich fast 350 000 Besucher aus aller Welt lassen sich durch die Gedenkstätte führen, in den nun offenstehenden  Zellen  versuchen sie,  die Realität der SED-Diktatur nachzufühlen. Hubertus Knabe, Direktor der Stiftung Hohenschönhausen, ist mit seinen Mitarbeitern wiederholt nach Tunis gereist und traf dort zahlreiche Vertreter von Gedenkinitiativen sowie Beamte des Innenministeriums.

Wir hatten angeboten, ein Konzept für eine Denkstätte zu machen, welche Funktion muss die erfüllen, was heißt das baulich und personell und finanziell. Das stieß auch auf Interesse. Aber insgesamt würde ich bilanzieren, dass die Transformationspartnerschaft im Bereich der Aufarbeitung ein bisschen schleppend vorangeht und schon mehr konkrete Früchte tragen sollte.

Eine institutionalisierte, von Politik, Zivilgesellschaft und Geschichtsschreibung getragene Erinnerungskultur ist in Tunesien bisher nicht vorstellbar. Bisher wird die tunesische Realität von der politischen und strukturellen Instabilität und von der akuten Unterversorgung breiter Bevölkerungsteile bestimmt. Während Hubertus Knabe dafür wirbt, Zeugnisse der Brutalität der Ben Ali Diktatur zu erhalten, regiert in Tunis längst die Macht der Gegenwart. Knabes Bemühungen, die Folterzellen im Untersuchungsgefängnis des tunesischen Innenministeriums in einer Gedenkausstellung zugänglich zu machen, liefen ins Leere.

Was mich dann doch ziemlich schockiert hat war, dass das Innenministerium eine Woche später eine Schulklasse einlud in dieses Gefängnis und diese Schulklasse mit Pinseln und Farben ausstattete, und diese Schulklasse dann das gesamte Gefängnis mit Blumen und Sonnen und ähnlichem bemalt als vermeintlichen Akt der Umwidmung, tatsächlich aber als Akt der Zerstörung. Ich habe dann dem Innenminister nochmal geschrieben, dass gerade die Authentizität bei solchen Orten entscheidend ist für die Glaubwürdigkeit langfristig.

Dennoch: das deutsche Modell gilt bei der Aufarbeitung der Diktatur in Tunesien als Vorbild an Transparenz, betont Farah Hached, Präsidentin vom „Labo démocratique“, einer der wichtigsten Organisationen für Demokratieaufbau in Tunesien.

Als wir vom Labo démocratique unsere Arbeit aufgenommen haben, war die deutsche Stasiunterlagenbehörde für uns ein Vorbild. Mittlerweile steht fest, dass wir das – jedenfalls heute – in Tunesien nicht umsetzen können. Diese Behörde setzt ein Budget voraus, das wir einfach nicht aufbringen können, und das wir lieber für das Gesundheitswesen und Schulen ausgeben.

Für die Aktivistin Farah Hached spielt Deutschland bei der Bewältigung der Diktatur in Tunesien eine wichtige, aber eher indirekte Rolle. So bot das „Festival der Erinnerung“, das die Gedenkstätte Hohenschönhausen Ende des vergangenen Jahres zusammen mit dem Labo démocratique in Tunis veranstaltete, Vertretern verschiedener politischer und religiöser Anschauungen ein offenes Gesprächsforum.

Deutschland spielt für uns eine wichtige Rolle in der Zusammenarbeit und der Expertise – in mancher Hinsicht eine wichtigere als Frankreich. Wir haben das Gefühl, dass es bei dieser Hilfe um eine Begleitung unserer Suche nach der für uns passenden Demokratieform geht. Und dies, ohne jegliche Vorurteile. Es gibt bisher keinen Hinweis dafür, dass man sich auf deutscher Seite weigert, mit einer bestimmten politischen oder ideologischen Gesinnung auseinanderzusetzen. Das wird auch in Tunesien als sehr positiv angesehen.

In Hohenschönhausen arbeitet man derzeit an einem Handbuch der Aufarbeitung für Tunesien. Es geht um Modelle der Beweissicherung, des Elitenwechsels und der Opferentschädigung. Ob und in welcher Form ein Handbuch die tunesische Realität konkret beeinflussen kann, bleibt fraglich.

Wer Beispiele der konkreten, pragmatischen Rolle Deutschlands bei der Aufarbeitung von Diktaturen und Menschenrechtsverletzungen sucht, findet diese am ehesten bei der Stasi-Unterlagenbehörde in Berlin. 2008 initiierte die BStU ein europaweites Netzwerk von Institutionen, die an der Erschließung der Archive kommunistischer Geheimdienste arbeiten. Die Entwicklung von Computer-Software zur Rekonstruktion zerstörter Aktenarchive  stößt in den neueren EU-Beitrittsländern auf großes Interesse. Regierungsdelegationen aus Osteuropa, besonders aus Bulgarien und Rumänien, gehören zu den regelmäßigen Gästen der BStU. Es geht um die historische Bedeutung der Aufarbeitung alter Aktenbestände, aber auch um konkrete Fragen zur Archivtechnik und Aufbereitung, erklärt Hans Altendorf, Direktor der Stasiunterlagen-Behörde.

Was hat Deutschland bewogen dazu, die Geheimpolizeiakten für so wichtig zu halten, dass man für den Zugang zu ihnen eine besondere Institution einrichtet? Warum bedurfte es besonderer Schutzvorschriften zum Zugang zu diesen Unterlagen? War das auch wirklich ein wichtiger Beitrag für die Rückkehr  zur Demokratie? Wie sah denn diese Überlieferung aus, in welchem Zustand habt ihr das übernommen? Wie kommen die Bürger an die Unterlagen ran, und wie lange dauert das? Und all diese ganz konkreten Fragen.

Das Interesse am deutschen Modell der Bewältigung ist ebenso groß wie international. Das Stasi-Unterlagengesetz ist mittlerweile nicht nur in viele Sprachen Osteuropas, sondern auch ins Arabische übersetzt. Sogar aus Süd-Korea besuchen seit vielen Jahren Delegationen aus dem Ministerium für Wiedervereinigung und Vertreter von Menschenrechtsorganisationen die Stasiunterlagen-Behörde.

Prof. Dr. Eun-Jeung Lee leitet das Institut für Koreastudien der Freien Universität Berlin. Die Lehren aus  der gewaltfreien Revolution im sozialistischen Ostdeutschland und der friedlichen Wiedervereinigung seien für Korea äußerst wertvoll, sowohl im negativen als auch im positiven Sinne. Ebenso die dominante Rolle Westdeutschlands oder auch Misserfolge der Wirtschaftspolitik in den neuen Bundesländern und Erkenntnisse über Kontakte zwischen den Regimen.

Wir versuchen ein Handbuch für die koreanische Regierung, vor allem für das koreanische Ministerium für Wiedervereinigung zu entwickeln. Und gleichzeitig gucken wir, wie es möglich ist, eine politische Erfahrung in einen anderen kulturellen Kontext zu übertragen. Und da gucken wir: welche Wirtschaftsförderungsmaßnahmen sind erfolgreich? Oder beim Elitenwandel: wie gibt man der Bevölkerung politische Bildung, damit sie dann auch aktiv an der Politik partizipieren können? Innere Einheit, und dann auch Alltagskultur und Generationenkonflikte.

Nicht nur bei der zivilgesellschaftlichen Aussöhnung, auch was die juristische Aufarbeitung von Diktaturen angeht, fällt Deutschland eine historische  Rolle  zu. Die Nürnberger Prozesse gegen  Nazi-Täter waren die Wegbereiter für die UN-Kriegsverbrechertribunale und den Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag. Die Aufarbeitung der NS-Verbrechen gilt noch heute als Musterbeispiel der Täterverfolgung, auch in Kambodscha. Deutsche Juristen, so heißt es, genießen aufgrund der deutschen Diktaturgeschichte an internationalen Gerichtshöfen eine hohe Glaubwürdigkeit. Der Hamburger Staatsanwalt Jürgen Aßmann verbrachte zweieinhalb Jahre als Berater am UN-Sondertribunal in Phnom Penh, um dort die Gräueltaten aufzuarbeiten, die die Roten Khmer unter Pol Pot in den 70er Jahren verübten.

Deutschland hat versucht, auch durch die Entsendung von Experten aus der deutschen Praxis, den Prozess der Aufarbeitung der Roten Khmer Verbrechen zu befördern.  Aber die Verfolgung höchstrangiger Täter kann es allein nicht bringen. Sondern es ist nötig, dass auch andere Mechanismen gefunden werden, die zur Wahrheitsfindung und später dann zur Versöhnung führen können. Die große Sorge, die einen umtreiben muss, ist, dass es nicht zur Schaffung dieser Instrumentarien gekommen ist in Kambodscha, aufgrund der politischen Konstellation.

Tatsächlich muss man sich die Frage stellen, inwiefern der kambodschanischen Gesellschaft, deren Durchschnittsalter bei Anfang 20 liegt, mit der Anwendung von Verfahrensrechten, die in den Nürnberger Prozessen entwickelt wurden, überhaupt gedient ist.

Haben Sie dank, geehrter Zeuge. In Antwort auf die Frage nach ihrer militärischen Funktion zwischen 1970 und 1975 haben Sie im Januar ausgesagt, Sie seien der militärische Anführer der Soldaten im Schlachtfeld gewesen. Können Sie das bitte weiter ausführen?

Vorrangig sei beim Tribunal nicht die rechtliche Verurteilung sondern die historische Aufarbeitung der Geschehnisse im Rahmen der Zeugenbefragung, meint Immanuel Gebhardt von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit. So rege das Sondertribunal in seinen Stellungnahmen auch die Schaffung von Gedenkstätten und die Erinnerung an den Genozid unter dem Regime der Roten Khmer in Geschichts- und Schulbüchern an. Mitarbeiter der GIZ erklären der Öffentlichkeit gemeinsam mit kambodschanischen NGOs die Arbeit des Gerichts und setzen sich für die Schaffung von Gedenkstätten und Gesprächen zur Diktaturgeschichte ein.

Ich glaube, dass unsere Erfahrungen eher auf der psychologischen Seite helfen. Ich glaube weniger, dass sie in concreto helfen. Wie man in unsere Kultur ein Trauma verarbeitet, ist sicher anders, als das in der asiatischen und kambodschanischen der Fall ist. Es würde jetzt keinen Sinn machen, eine deutsche Gedenkstätte oder ein deutsches Archiv als Muster zu nehmen. Aber eben unsere Erfahrung, dass man damit umgeht, und auch wie man damit umgeht, zum Beispiel, dass Gedenkstätten der richtige Weg sind. Aber wie die Gedenkstätten dann aussehen, wie die ausgestaltet sind, das sind dann alles Fragen, die dort interkulturell anders zu behandeln sind.

Inwiefern Nationen bei der Aufarbeitung von Diktatur und Verbrechen voneinander lernen können, hängt vor allem von historischen, kulturellen, politischen sowie gesellschaftlichen Prägungen und nicht zuletzt auch von ökonomischen Zwängen ab. Deutschland kann nach zwei Diktaturerfahrungen und Jahrzehnten eines wendungsreichen Aufarbeitungsprozesses immerhin als Beispiel dafür dienen, dass auch nach den schlimmsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit Aufarbeitung, Aussöhnung und Stabilität eine Perspektive sind.

Labyrinth der EU-Integration

Was hat die Institution EU mit der Idee Europa zu tun? Wann und wieso ist ein Staat eigentlich reif für die Union? Und was verbindet ein ehemaliger Soldat aus dem Kosovo-Krieg mit dem Brüssler Vertragskonvolut? Fühlt er sich europäisch, nur weil er mit dem Euro zahlt? Europa und der Traum von der EU.

Deutschlandfunk, 20.1.2014

 

Deutschlandfunk, “Hintergrund”, 20.1.2014

 

Ich mag diesen Job, denn ich mag Bücher. Ich habe kein Geld, um mir Bücher zu kaufen. Also lese ich die Bücher, die ich an meinem Stand verkaufe. Das ist gut für mich, und auch für meine Familie.

Florim Beqiri, 40 Jahre alt, blaue Augen, grauer Bart und wirres Haar, das er unter einer großen Kapuze versteckt, steht hinter seinem Verkaufstisch. Hier, auf dem Mutter-Theresia-Boulevard, der Haupteinkaufsstraße in Priština, der Hauptstadt Kosovos,  hat er einen guten Platz erwischt, direkt vor dem Entwicklungsministerium.

Ich stehe hier jeden Tag, auch im Winter, wenn es kalt ist, wie heute. Wir fangen um 10 Uhr Morgens an und stehen hier bis Abends, 19, 20 Uhr. Und das seit 1999. Als der Krieg vorbei war, habe ich meinen Job verloren und begonnen, hier Bücher zu verkaufen. Ich wollte eigentlich eine andere Arbeit finden. Aber es gibt hier keine guten Jobs. Deswegen stehe ich heute noch hier.

Florim geht es besser als vielen seiner Landsleute. Über die Hälfte der 1,8 Millionen Einwohner Kosovos ist arbeitslos. Florims Frau unterrichtet in der Amerikanischen Schule in Priština. Zusammen verdienen sie genug, um sich und ihren beiden Schulkindern ein auskömmliches Leben zu sichern. Seine Bücher kauft und verkauft Florim mit dem Euro. Der wurde 2002 zusammen mit der EU-Währungsreform in Kosovo als Fremdwährung eingeführt. Im Laufe dieses Jahres soll Kosovo nun ein Stabilitäts- und Assoziierungsabkommen mit der EU unterzeichnen. Ein erster kleiner Schritt in Richtung einer möglichen EU-Mitgliedschaft in unbestimmter Zukunft.

Allein am Euro können wir doch schon erkennen, dass wir zu Europa gehören. In anderen Bereichen sind wir nicht Teil der Europäischen Union. Wir können zum Beispiel nicht in die EU reisen, dafür wir brauchen ein Visum. Viele meiner Kunden suchen Bücher auf Deutsch oder Französisch. Aber leider kann ich nicht in diese Länder reisen, um dort gebrauchte Bücher zu kaufen.

Die Europäische Union ist auf dem westlichen Balkan vor allem ein großes Versprechen: das Versprechen einer stabilen Währung, Sicherheit für Investoren, Anerkennung der teils noch ungefestigten Staatsgrenzen der Länder Ex-Jugoslawiens, ein Versprechen von Freiheit und Sicherheit. Kroatien ist seit Juli 2013 EU-Mitglied, Serbien nimmt nun endlich nach langen Vorverhandlungen, die Beitrittsgespräche auf. Vieles ist dabei noch unklar: wie ernsthaft ist die Absicht der Union, nach den Erfahrungen mit den wirtschaftlich und politisch von Krisen geschüttelten Staaten im Süden der EU, weitere Länder aufzunehmen? Wird Serbien Kosovo als autonome Republik anerkennen, um der EU beitreten zu können? Und: wie kann die EU das Assoziierungsbakommen mit Kosovo unterzeichnen, wenn die 2008 gegründete Republik bis heute von den Vereinte Nationen und von fünf EU-Mitgliedern nicht anerkannt wird?

Früher mussten Assoziierungsabkommen von allen Mitgliedsstaaten unterzeichnet werden. Seit dem Vertrag von Lissabon von 2009 müssen diese Abkommen aber nur noch von Europäischen Parlament  ratifiziert werden und nicht von den nationalen Parlamenten. Das macht es den nationalen Regierungen einfacher. Das ist eine der „kreativen Lösungen“, die uns vorangebracht haben. Und ich bin sicher, dass wir auch für die nächsten Schritte mit dem Kosovo solche Lösungen finden werden.  

Samuel Žgobar ist der Sondergesandte der Europäischen Kommission in Kosovo. Nur wenige hundert Meter vom Verkaufstisch des Bücherhändlers Florim entfernt, sitzt er im oberen Stockwerk eines gut gesicherten Büroturms. Früher war er Außenminister von Slowenien. Das wirtschaftlich stärkste Land der ex-jugoslawischen Teilrepubliken ist bereits 2004 der EU beigetreten, der Euro wurde 2007 eingeführt. Žgobar kennt die komplexe Gemengelage auf dem Balkan, kennt beide Seiten, die des beitrittswilligen Kleinstaates und die der Union, die Fehler der Vergangenheit vermeiden will.

Eine Lehre, die wir aus der Aufnahme Zyperns gelernt haben, ist, dass wir keine Staaten mit ungeklärten Grenzsituationen integrieren sollten. Wir haben die Verhandlungen mit Serbien nur aufgenommen, weil parallel dazu ein Dialog mit dem Kosovo begonnen wurde. Kosovo und Serbien müssen ihre Beziehungen normalisieren, bevor Serbien in die EU aufgenommen wird. Ich glaube, dass die Erfahrung mit Zypern Kosovo eher hilft, denn es hat die EU auf den Plan gerufen sich in die Normalisierung der Beziehungen einzuschalten.

Anders sieht das Gëzim Kasapolli, beigeordneter Minister für die EU-Integration Kosovos. Der 37jährige mit Goldrandbrille und schickem Anzug gehört zu den aufstrebenden, gut ausgebildeten jungen Leute in Kosovo. Für sie ist der Beitritt zur Europäischen Union, Stabilität und wachsender Wohlstand, eine nationale Pflicht, aber auch ein Anspruch gegenüber Europa. Der Traum von der EU sei seit den Verhandlungen über das Assoziierungsabkommen zu einem Plan geworden, nämlich dem für eine Vollmitgliedschaft.

Die Europäische Union muss kreative Lösungen finden, wie sie Kosovo nicht auf dem Weg in die Gemeinschaft behindert. Andererseits lernt die EU von ihren Fehlern. Man will Erfahrungen aus der Vergangenheit absolut vermeiden, zum Beispiel mit Zypern und anderen Staaten, die aufgenommen wurden, ohne dafür vorbereitet zu sein. Die schlechte Sache daran ist, dass wir den Eindruck haben, für die Fehler der EU verantwortlich gemacht zu werden.

Einem potentiellen Kandidaten die Aussicht auf eine EU-Mitgliedschaft zu eröffnen, der nicht völkerrechtlich anerkannt ist, in dem Rechtstaatsstrukturen bisher nur durch die EU-Mission EULEX gefestigt werden können, in dem wirtschaftliche Potentiale wenn überhaupt erst über Jahrzehnte entwickelt werden müssen: darin steckt ein Sprengstoff, der die Europäische Union vor eine grundsätzliche Frage nach ihrer eigenen Identität stellt. Was hält die EU zusammen? Reisefreiheit, Euro oder Binnenmarkt, Rechtsstaat, Minderheitenschutz oder Infrastruktur?

Die Vielfalt an Integrationsebenen zwischen Heranführung und Mitgliedschaft, die zahlreichen Sonderregelungen und Ausnahmefälle für Mikrostaaten wie Andorra, Monaco oder Territorien wie etwa Gibraltar verwischen die Vorstellung davon, was die Europäische Union eigentlich ausmacht. Allein zehn verschiedene Strategien verfolgt die EU offiziell in ihren Außenbeziehungen, weitere zehn unterschiedliche Integrationsstrukturen existieren auf dem Kontinent. Heilsame Vielfalt, oder heilloses Chaos?

Ortswechsel: Eine Nachrichtensendung vor wenigen Tagen in Gibraltar an der Südspitze Spaniens: die Top News berichten über die neuerliche Debatte im Britischen Unterhaus über die Wiedereinführung von Grenzkontrollen zwischen Spanien und Gibraltar. Zugleich betont EU-Kommissionpräsident Barroso, die Bewegungsfreiheit sei eines der wichtigsten Grundrechte innerhalb der EU. Seit 1713 gehört der gerade einmal sechseinhalb Quadratkilometer große Landzipfel zwischen Spanien und Nordafrika zum British Empire. Großbritannien unterhält hier einen strategisch wichtigen Militärstützpunkt. Wirtschaftlich hat Gibraltar neben dem Fischfang jetzt den Sektor des Online-Pokers für sich entdeckt. Mit seinen knapp 30 000 Einwohnern hat es eine eigene Regierung, Verfassung und Währung. Vor wenigen Monaten hat die spanische Regierung, die seit Jahrzehnten im Streit mit Großbritannien über diverse Hoheitsrechte liegt, wieder verschärfte Grenzkontrollen eingeführt.

Wir haben es hier mit einem sehr speziellen Territorium der EU zu tun. EU Recht ist hier zwar anwendbar, allerdings gibt es äußerst viele Ausnahmen. Zum Beispiel was die Landwirtschaftspolitik angeht, die Mehrwertsteuer und andere fiskalische Regelungen. Gibraltar wendet auch den Schengen-Vertrag nicht an. Es existieren zahlreiche Sonderregelungen, die das Verhältnis zu anderen Staaten der EU sehr kompliziert machen.

Meint Alejandro Del Valle Gálvez, Professor für Völkerrecht an der Universität im südspanischen Cádiz. Der Status eines autonomen Mikrostaates innerhalb der EU wie etwa Monaco oder Liechtenstein werde von einem Großteil der Bevölkerung Gibraltars nicht angestrebt. Man profitiere lieber von der Autonomie innerhalb des British Empire, der zugleich Sicherheit und Freiheit biete.

Gibraltar ist bei weitem nicht das einzige Territorium auf dem europäischen Kontinent, das ein äußerst ambivalentes Verhältnis zur Gemeinschaft pflegt. Grönland beispielsweise, die autonome Provinz Dänemarks vor der Küste Kanadas, ist bereits 1985 per Referendum aus der EU ausgetreten, vor allem um die Autonomie über die eigene Fischerei wiederzuerlangen.

Ein exotischer Einzelfall, denn die Bewohner Grönlands sind weiterhin Bürger der Union, das Schengen-Abkommen wird hier de facto angewandt. Grönland arbeitet im Rahmen des Europäischen Wirtschaftsraums eng mit der Union zusammen, bezieht EU-Fördergelder zum Ausbau des Bildungssektors und kooperiert im Bereich Rohstoffe und seltene Erden.

Für Grönland wäre der EU-Beitritt der schnellste Weg zur Unabhängigkeit von Dänemark. Allerdings wäre ein Beitritt mit großen infrastrukturellen Herausforderungen verbunden, was die Umsetzung von EU-Recht und die Übersetzung der Gesetzestexte ins Grönländische angeht. Andererseits hätte Grönland mit seinen geographischen und wirtschaftlichen Besonderheiten so ein Sicherheitsnetz. Das wäre ein Anreiz, in die EU zurückzukehren.

Sagt Damien Degeorges, der Europa-Beauftragte des „Arctic Consensus“, einer unlängst gegründeten Interessengemeinschaft der arktischen Staaten. Grönland habe beim letzten Jahreswechsel erstmals in seiner Geschichte einen offiziellen Empfang in Brüssel ausgerichtet. Das sei durchaus als Symbol zu werten, meint Degeorges lächelnd. Die Europäische Union scheint für die Staaten, die es sich dank ihres wirtschaftlichen oder strategischen Gewichts leisten können, mehr und mehr zu einer Art Wunschkonzert zu werden, in dem jeder gerade soweit mitspielt, wie es ihm gefällt und wie es den eigenen Interessen zuträglich ist. Sind die individuellen Lösungen à la carte wie für Grönland, Monaco oder Liechtenstein, auch eine Option für die Neuzugänge wie etwa im westlichen Balkan?

Ich glaube es gibt in keinem Fall eine Blaupause für einen anderen Fall, dass man einfach sagen kann, jetzt machen wir’s im Kosovo so wie in Grönland, oder wie im Verhältnis zu den Mikrostaaten oder wie auch immer. Ich denke die Betrachtung der unterschiedlichen Formen der Verbindung miteinander dient vor allem dazu, Fantasie zu erzeugen, die man dann nutzen kann zur Lösung von Problemen.

Eckart Stratenschulte ist Leiter der Europäischen Akademie in Berlin, ein Think-Tank zu Erweiterungsszenarien der EU. Auf einer Konferenz zur Thema „Heilsame Vielfalt“ diskutierten in der Europäischen Akademie unlängst Praktiker und Wissenschaftler darüber, inwiefern die Europäische Union Gefahr läuft, ihre Identität zu verlieren. Lange Zeit gab es nur drei Integrationsebenen: die Europäische Union mit einem von allen Mitgliedern angewandten Rechtekatalog, den Europarat mit der Europäischen Menschenrechtskonvention sowie die eigentlich zu nichts verpflichtende Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa OSZE. Heute gibt es dagegen nicht nur “verschiedene Geschwindigkeiten“, sondern auch dauerhaft unterschiedliche Integrationstiefen.

Ich fürchte, dass die schon durch die OSZE, den Europarat und die Europäische Union geleistete Integration teilweise unterlaufen wird und erschwert wird, durch andere Zusammenschlüsse, die durch unterschiedliche Zusammensetzung die europäischen Staaten vereinigen – Ausfransen von Europa, Europa mehrerer Geschwindigkeiten – , dass das Bild von Europa immer unschärfer, immer dissonanter wird. Europa hat wahrlich kein Nachholbedürfnis an Vielfalt und Besonderheit.

Otto Luchterhandt, Völkerrechtler an die Universität Hamburg, warnt gar davor, dass bei den Europawahlen im kommenden Mai wegen der Verwirrung um die Ziele der Einigung die Rechtspopulisten enorme Erfolge feiern werden. Widerspricht die Vielfalt der europäischen Integrationsformen der Grundidee von der Einigung des Kontinents? Oder bieten flexible Lösungen die Möglichkeit, auch solche Staaten zu integrieren und damit zu stabilisieren, die die Aufnahmekriterien für eine Vollmitgliedschaft formal nicht erfüllen? EU-Anwärter können nur dann zum stimmberechtigten Mitglied werden, wenn sie den gesamten Katalog an Rechten und Pflichten umsetzen. Ein Europa à la carte wie im Fall Großbritannien, mit Autonomie in zentralen Politikbereichen wie Währung, Justiz sowie Außen- und Sicherheitspolitik, gibt es für sie nicht. Ist die so genannte „Mitgliedschaft Minus“ wie etwa der Europäische Wirtschaftsraum mit Island, Lichtenstein und Norwegen, für neue Anwärter eine Alternative zur vollen Integration?
Barbara Lippert, Wissenschaftlerin bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, ist geteilter Meinung.

Die Ausfransung ist für die EU eine riesige Problematik. Insbesondere die Länder, die wirtschaftlich schwächer sind und die politisch instabil sind, brauchen einen festen Anker. Das heißt eine dynamische Europäische Union, von der sie profitieren können. Und ich kann mir sehr viel außerhalb der Europäischen Union vorstellen, so dass man sagt: politikfeldweise wird man integriert, wie man das eben mit dem EWR getan hat. Die Kehrseite ist: all diese Länder wollen eben auch mitentscheiden.  

Die Anwärterländer gerade aus dem westlichen Balkan beharren derweil geschlossen auf einer Vollmitgliedschaft. Der Beitritt zum Europäischen Wirtschaftsraum EWR, für den immerhin nur ein Teil der Kriterien wie etwa im Bereich Wirtschafts-, Sozial- und Umweltpolitik erfüllt werden müsste, ist für sie keine Option. Die Freizügigkeit von Arbeitnehmern, Kapital, Waren und Dienstleistungen und Waren innerhalb für EWR-Staaten ändert daran nichts. Die EU steht damit vor der Entscheidung: flexible Anpassung der Aufnahmekriterien für eine Mitgliedschaft nach Maß, oder Verzicht auf eine schnelle Erweiterung zur Stabilisierung schwacher Staaten. Barbara Lippert:

Denn diese Länder sind zwar sicher auch sehr souveränitätsorientiert. Aber sie verbinden mit der Mitgliedschaft in der EU wohl nicht nur die wirtschaftlichen Vorteile, sondern suchen auch die Zugehörigkeit zu einer politischen Gemeinschaft. Und das haben sie mit dem EWR nicht. Sie haben mit dem EWR auch nicht die schöne Situation, dass sich dann der Geldhahn öffnet und über Struktur- und Kohäsionsmittel das heimische Budget aufgefüllt wird.

Wenn zu viele individuell ausgehandelte Integrationsformen das Bild von Europa verwaschen und eine Vollmitgliedschaft für viele wirtschaftlich und politisch schwache Anwärter in weite Ferne rückt, was hält dann Europa zusammen? Kann der Euro als gemeinsame Währung von immerhin heute 18 der 28 EU-Staaten ein Symbol der Einigkeit sein? Zwar sei die Währungsunion derzeit die Spitze der Integration, so meint Andreas Maurer, Politikprofessor an der Universität Innsbruck. Die Behauptung, Europa stehe und falle mit der gemeinsamen Währung, wie man es nicht zuletzt von deutscher Seite gehört hat, sei dennoch unhaltbar. Maurer ist allerdings davon überzeugt, dass die Übernahme des Euros als Fremdwährung wie in Kosovo und Montenegro durchaus zumindest ein sinnvolles Integrationssymbol für EU-Anwärter sein kann.

Ich gehe mal davon aus, dass jemand, der mit dem Euro arbeiten kann in Kosovo, eben auch Entscheidungen darüber fällt, wie er sein Geld in Euro anlegt und sich dann natürlich intensiver auf eine mögliche Mitgliedschaft seines Landes in die EU und in die Eurozone vorbereitet. Insofern hat das einen symbolischen Wert, ja!

Neben dem Kosovo hat auch Montenegro 2002 den Euro als Fremdwährung eingeführt. Seit Ende 2010 ist das Land ein neuer Beitrittskandidat der Europäischen Union. Montenegros Finanzminister Radoje Zugic rühmt die Vorzüge der Fremdwährung für die Entwicklung seines Landes in Richtung EU.

Ganz sicher haben wir mit der Einführung des Euro dafür gesorgt, Haushaltsstabilität und Preisstabilität zu erreichen. Wir haben Anreize für Investoren geschaffen und vor allem eine glaubwürdige Währungspolitik. Das gilt auch für den Mann auf der Straße. Denn der Euro symbolisiert für uns die Zugehörigkeit zu entwickelten Volkswirtschaften.

Radoje Zugic betont dabei, dass bis zur Aufnahme als volles EU-Mitglied noch einige Jahre vergehen werden. Montenegro wolle der Union schließlich nicht zur Last fallen, wie die EU-Staaten, die in der Finanzkrise bisher nur knapp dem Kollaps entgangen sind.

Auch für den Buchhändler Florim, der auf der Einkaufsstraße in Kosovos Hauptstadt seine Ware gegen Euro verkauft, ist die Währung ein wichtiges Symbol der Zugehörigkeit zu Europa. Wichtiger noch wäre ihm bei einem zukünftigen EU-Beitritt Kosovos aber die Bewegungsfreiheit innerhalb Europas. Gemeinsam mit seiner Frau und seinen zwei Kindern will er eines Tages ohne Visum nach Berlin reisen. Um deutsche Bücher einzukaufen, aber auch, um endlich seinen Bruder wiederzusehen.

Das wichtigste wäre für mich, in die EU reisen zu können. Wenn wir erst einmal in der EU sind, werden meine Geschäfte mit den Büchern besser laufen. Ich will keinen Job im Ausland finden, ich will hier arbeiten und meinem Volk helfen.

Siegen macht sexy

Neben der Erinnerung an den Terror der Nazis gibt es in Frankreich noch eine andere Geschichte der Besatzung: die Okkupation als „années érotiques”.

Süddeutsche Zeitung, 13.8.2008

Die erotische Invasion der Deutschen – Klischees und Tabus der Geschichte und das veränderte Bild der Besatzungszeit

Als Maréchal Pétain1940 in Frankreich die „Révolution nationale“ ausrief, war von der „blühenden Zukunft Frankreichs“ nicht viel zu spüren. Einige Wochen zuvor hatte die deutsche Armee die französischen Stellungen in den Ardennen überrannt. Nach dem dritten Angriff in 70 Jahren regierte in Paris im Mai 1940 wieder die Angst vor den „boches“. Allerdings zu unrecht, wie der angesehene französische Publizist Patrick Buisson behauptet. Die Soldaten der Wehrmacht entpuppten sich nämlich keineswegs als rücksichtlose Sieger und germanische Barbaren. Ganz im Gegenteil: Buisson spricht in seiner Studie „1940 – 1945 – Die erotischen Jahre“ (Albin Michel, 2008, 571 Seiten) von der Faszination, die die deutschen Soldaten in Frankreich auslösten. Der Begriff der französischen Männlichkeit sei gar auf der Flucht vor den deutschen Invasoren verloren gegangen.

Die zahlenmäßig führende Militärmacht Europas hatte angesichts der kämpferischen Überlegenheit der deutschen Einheiten innerhalb weniger Wochen kapituliert, und geschätzte 8 Millionen Franzosen flohen von Panik getrieben in Richtung Süden. Für Buisson wirkte die militärische Übermacht der Deutschen wie ein „erotischer Schock“ auf die Franzosen: „Die nordische Körperkultur hob die französischen Moralvorstellungen gehörig aus den Angeln. Die Deutschen zeigten sich ständig mit bloßem Oberkörper, beim Waschen am Dorfbrunnen, oder beim Reinigen ihrer Waffen. Die Körper der deutschen Soldaten stifteten heillose Verwirrung in Frankreich – schließlich waren sie gepflegt, groß und gut gebaut.“

Buissons Geschichtsbild über die „erotischen Jahre“ unter deutscher Besatzung kennt keine Tabus. Hier ist von „müden Onanisten“, vom „politischen KO und sexuellen Chaos“ der französischen Nation die Rede. Die Propagandaplakate der „Révolution nationale“, die die Vergnügungssucht der Franzosen brechen und der Nation ihre Virilität wiederbringen sollten, zeigten ausschließlich blonde, hochgewachsene Menschen. Die Schnittigkeit der deutschen Soldaten und der von den Nazis betriebene Körperkult habe nicht nur französische Dichter und Minister der Kollaborationsregierung ins Schwärmen gebracht, sondern auch und vor allem die französischen Frauen erfasst. Geschätzte 200.000 Kinder sollen aus deutsch-französischen Verbindungen im Krieg hervorgegangen sein. Diese Vergangenheit wirkt noch so sehr in die deutsch-französische Gegenwart hinein, dass der französische Außenminister Bernard Kouchner bei einem Besuch in Berlin unlängst für die Einführung einer deutsch-französischen Staatsbürgerschaft für die „enfants de boches“ plädierte.

Buisson untersucht erstmals auch detailliert die homoerotische Dimension der „erotischen Jahre“. Homosexualität sei unter den französischen Kollaborateuren überdurchschnittlich stark verbreitet gewesen. Der einflussreiche Erziehungsminister der Vichy-Regierung, Abel Bonnard, die so genannte „Gestapette“, verzichtete in kaum einer seiner Propaganda-Reden auf vieldeutige Anspielungen auf die großen und starken Körper der zukünftigen Franzosen nach nationalsozialistischem Vorbild. Schon bald habe der homosexuelle Bonnard als lebendiges Symbol der verlorenen Virilität der Nation gegolten.

Diese Tendenzen der Kollaboration mit dem ehemaligen Erzfeind Deutschland wollte man in Vichy, das sich doch den Slogan „Arbeit, Familie, Vaterland“ auf die Fahnen geschrieben hatte, freilich bekämpfen. Anfang 1942 wurde per Gesetz die Mündigkeit auf 21 Jahre heraufgesetzt, um die „widernatürlichen Beziehungen zu unterbinden“. Das stellte einen Bruch in der Sozialgeschichte des Landes da: Napoleons Code Civil hatte gleichgeschlechtliche Liebe nicht sanktioniert, und Frankreich galt bis dahin vielmehr als liberaler Zufluchtsort. Aber auch unter Kommunisten und in der Résistance sei Homosexualität bald mit Unterwerfung, Kollaboration und Faschismus gleichgesetzt worden. Nicht umsonst habe sich bei Kriegsende eine homophobe Grundeinstellung in der französischen Gesellschaft entwickelt, die bis heute anhält.

Buissons Thesen riefen in Frankreich heftige Reaktionen hervor: während Le Monde gegen die „Besatzung unter der Gürtellinie“ wetterte, lobte das Magazin Le Point die „brillante Studie“ als „überraschende Erleuchtung“. Ähnliche Reaktionen hatte zuvor Jonathan Littells preisgekrönter Roman „Die Wohlgesinnten“ über einen homosexuellen SS-Offizier bewirkt. Auch der Meister der historischen Bestseller, Eric-Emmanuel Schmitt, hat in seinem letzten Werk „Adolf H. – Zwei Leben“ intensiv über das Liebesleben Hitlers spekuliert und damit zumindest für einen kommerziellen Erfolg gesorgt. Nationalsozialismus und Besatzung verbunden mit Sexualität stehen in Frankreich derzeit hoch im Kurs. Dabei sind die jetzt kursierenden Thesen nicht neu. Die vergnüglichen Seiten der Invasion sind seit der Kriegszeit bekannt und spätestens seit den 80er Jahren auch in den einschlägigen Geschichtswerken nachzulesen.

Dennoch hat unlängst eine Ausstellung des kollaborierenden Propaganda-Fotografen André Zucca, die Bilder von glücklich flanierenden Menschen in der besetzten Hauptstadt zeigte, für laustarke Proteste beim Publikum und im Pariser Rathaus gesorgt. Trotz der öffentlichen Forderung des sozialistischen Kulturbeauftragten, Christophe Girard, die Ausstellung „Paris sous l’occupation“ umgehend zu schließen, weil sie den Besuchern einen falschen Eindruck der Besatzung vermittle,  entschloß sich Bürgermeister Bertrand Delanoë dafür, die Schau weiter zu zeigen. Derartige Besucherströme hatte die Bibliothèque Historique de la Ville de Paris in ihrer fast 140-jährigen Geschichte nie gesehen.

In Frankreich ist man einerseits fasziniert von der Besatzungszeit und den Besatzern. Allerdings scheinen die unliebsamen Erkenntnisse über die Dimensionen der Zusammenarbeit mit den Deutschen noch längst nicht in das kollektive Gedächtnis vorgedrungen zu sein. Während das Gruseln vor dem Bösen und die Dekadenz der Nazis immer noch en vogue sind, ist man nicht bereit, die eigene Verankerung in diesem Schauspiel anzuerkennen. Man kann also den umstrittenen Thesen Buissons durchaus etwas zugute halten: er spitzt gekonnt und kenntnisreich alte Bruchstellen der Historiographie zu und wirft teils neue, freilich nur schwer zu beweisene Argumente in die Debatte.

Der Tenor, in dem Buisson die Niederlage der französischen Armee, die Krise der französischen Männlichkeit und die überwältigende Wirkung der deutschen Soldaten beschreibt, grenzt dabei an Sarkasmus. Immerhin übersieht er, dass innerhalb weniger Wochen 92 000 französische Soldaten im Kampf gegen die deutsche Blitzinvasion ihr Leben ließen – ein Verschleiß von Menschenleben, wie man ihn aus dem Kampf um Stalingrad kennt. Auch die Tatsache, das sich die Einstellung der Franzosen zu den deutschen Besatzern spätestens nach deren Einmarsch in Südfrankreich im November 1942 radikal änderte, wird nicht erwähnt. Mehr als ein neues Geschichtsbild verrät Buisson unbewusst einiges über die französische Selbstwahrnehmung. Und liefert einen weiteren Beweis für das damals und heute gespaltene Verhältnis der Franzosen zu den deutschen Besatzern.