Kultur

Cornelius Wüllenkemper – Texte und Hörfunk

 


Mit den Kugelschreibern kamen die Tränen

Eine französische Mentalitätsgeschichte der vergangenen siebzig Jahre: Hervé Le Telliers leichtfüßiger Roman “All die glücklichen Familien”.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21. November 2018


Muss man seine eigene Sippe gernhaben? Oder sind diejenigen mit einer schwierigen Kindheit womöglich besser für das Leben gewappnet? Der französische Journalist und Autor Hervé Le Tellier geht diesen Fragen in seinem Roman “All die glücklichen Familien” nach. Gutgelaunt lehnt er sich gegen die “verdammte Pflicht” auf, seine Eltern zu lieben, “ganz gleich, ob diese gut oder böse, intelligent oder idiotisch, in einem Wort: liebenswert sind oder nicht”.

Hervé Le Tellier, der als Mitglied der 1960 gegründeten “Werkstatt für potentielle Literatur” eigentlich die Beschränkung auf eine sprachliche oder formale Methode kultiviert, literarisiert in seinem neuen Roman ganz ungezwungen, oft ironisch, nie hämisch, mal wütend, mal nachdenklich den Fehler im System Familie. Er will sich in keine Ahnengalerie einsortieren. “Ich habe mich entschieden, nichts zu sein” – das muss man bei diesem Autor als existentialistisches Bekenntnis zur Freiheit verstehen.

Autobiographische Erinnerungsbücher über die eigene – schwierige – Kindheit haben derzeit Konjunktur in Frankreich. Jenseits der gesellschaftspessimistischen Perspektiven bei Didier Eribon, Edouard Louis oder dem aktuellen Goncourt-Preisträger Nicolas Mathieu präsentiert Hervé Le Tellier eine leichtfüßige, bitter-ironische und dennoch kompromisslos dem Leben zugewandte Familienchronik. Und anders als die etwas larmoyante Anklage seines Kollegen Sorj Chalandon, dessen Roman “Mein fremder Vater” 2017 im selben Verlag wie “All die glücklichen Familien” auf Deutsch erschien, gerät Hervé Le Telliers autobiographisch inspiriertes Buch nicht zur Abrechnung, sondern erzählt in einer tatsächlich romanesk anmutenden Geschichte, wie er sich von seiner Familie lossagt und sein Glück findet.

“Ich wusste immer schon, dass meine Mutter verrückt war”, bekennt der französische Schriftsteller gleich zu Beginn. Sein leiblicher Vater verlässt 1957 mit gerade einmal zweiundzwanzig Jahren und wenige Monate nach der Geburt des Sohnes die Familie für eine andere Frau. “Mein Vater hatte keinerlei väterliche Ader”, stellt Hervé Le Tellier fest und kommentiert trocken, dass er selbst “zweifellos zum ungünstigsten Zeitpunkt” zur Welt gekommen sei. Ranküne klingt anders.

Das chaotische Liebesleben seines Erzeugers, dessen neue Frau schließlich mit dem Notar durchbrennt, der zuvor ihren Ehevertrag aufgesetzt hatte, erzählt er mit einer urkomischen Verve, die an die absurden Szenerien eines Jacques Tati erinnert. Sein Stiefvater wiederum, ein talentloser Englischlehrer, der mit seiner Mutter “den seltenen Fall eines symbiotischen Paares ohne Liebe” bildet, ermöglicht es seiner Frau nur aufgrund einer unverhofften Erbschaft, ihrer zentralen gesellschaftlichen Aktivität nachzugehen: den Schein zu wahren.

Hervé Le Tellier zeichnet mit hintersinnigem Humor in geistreich plaudernden Kapiteln ebenso eingängige wie lebendige Personenporträts. Zugleich eröffnet er Einblicke in die französische Gesellschafts- und Mentalitätsgeschichte der letzten siebzig Jahre. Das beginnt bei seinem Großvater mütterlicherseits, dem “einzigen festen Sockel” seiner Kindheit. Nach dem Krieg brachte es dieser “Held, der stets so sanft lächelte”, als Ingenieur bei Citroën zu gesellschaftlicher Anerkennung, betrog seine Frau Amélie unaufhörlich und erging sich im Zuge des Algerien-Kriegs in offener Verachtung der Nordafrikaner, dieser “Bauern, die zu den Händen Frankreichs” geworden waren. Auch aus dem anderen Familienzweig, den Le Telliers, dräut Unheil. Die Eltern seines aristokratischen Stiefvaters lehnten dessen Verbindung mit einer geschiedenen Bürgerlichen strikt ab. Als Produzenten von Füllfederhaltern verloren sie aber selbst rasant an Rang und Ansehen, nachdem das französische Bildungsministerium im Jahr 1965 den Gebrauch von Kugelschreibern an Schulen gestattete.

Hervé Le Telliers früher Eindruck, dass mit seiner Familie “etwas nicht stimmte”, gilt auch und vor allem für seine im Jahr 1929 geborene Mutter. Mit dreizehn Jahren wurde sie nachweislich Zeugin der Kollaboration und Massendeportation der französische Juden, will sich aber partout nicht daran erinnern, sondern kultiviert stattdessen bis heute antijüdische Klischees und schimpft auf ihre Schwester, “diese Nutte”, die sich damals mit einem amerikanischen Soldaten einließ. Es ist diese Mutter, die Le Tellier als Säugling bei den Großeltern zurückließ, mit deren Angstattacken, Wutausbrüchen und “Unfähigkeit zu lieben” er aufwuchs, die ihm schließlich zur Flucht aus dem Familienjoch treibt.

Es seien die Risse in seiner Persönlichkeit, durch die das echte Leben in ihn eingedrungen sei, heißt es in einer schönen Formulierung Le Telliers. Erst gegen Ende seines Romans weicht sein fein ironisch-tänzelnder Ton dann zunehmend einer nachdenklichen Selbstreflexion. Den Abschiedsbrief an seine Mutter, in dem er ihr seine intimsten Gefühle offenbart, liest man etwas ratlos, weil er genau das zu widerlegen scheint, was der Autor zuvor so locker und scheinbar abgeklärt über sich und seine Vergangenheit preisgegeben hat. Dennoch gelingt es ihm, seine Jugend als “kleiner, weißer, katholischer, in Paris geborener Junge ohne jede Exotik” so zu erzählen, dass daraus eine eindringliche Geschichte darüber wird, wie einer nach dem Ausbruch aus dem Gefängnis Familie seine Lebenslust entdeckt.
Unglückliche Familien bieten eben den besseren literarischen Stoff, zumindest in diesem Sinne hatte Tolstoi Recht. Hervé Le Tellier hat darüber einen Roman geschrieben, der das Lebensthema Familie sehr charmant vom Kopf auf die Füße stellt.

 

Georgische Literatur im Widerstand

Fast drei Jahrzehnte nach der Unabhängigkeit sucht Georgien nach neuen Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Texte entstehen gegen kirchliche Denkverbote, patriarchalische Strukturen und überkommene Rollenmodelle.

Deutschlandfunk, 17. September 2018

Deutschlandfunk, Büchermarkt, 17.September 2018

Wenn man den mentalen Zustand einer Nation wirklich an ihrer Literatur ablesen kann, so ist Georgien ohne Zweifel ein besonders interessanter Fall. Die gesellschaftlichen und politischen Umbrüche und Konflikte seit der Unabhängigkeit 1991 haben bis heute auch in der Literatur ihre Spuren hinterlassen. Wer die Texte zeitgenössischer Autoren zur Hand nimmt, wird feststellen, dass hier oft unruhige, teils hysterische Erzählerstimmen sprechen, die Erinnerungen, Assoziationen, groteske Imaginationen und surreale Szenerien kombinieren und auf chronologisch lineare Erzählungen verzichten. Das gilt auch für die Psychotherapeutin und Schriftstellerin Tamar Tandaschwili, die mit ihrem Roman „Löwenzahnwirbelsturm in Orange“ über patriarchalische Gesellschaftsstrukturen in Georgien für einen Skandal sorgte.

Dem Thema der strukturellen Gewalt in patriarchalischen Gesellschaften und wie sie weibliche Identitäten auslöschen kann, bin ich als Therapeutin oft begegnet. Zugleich habe ich es in den Sitzungen mit meinen Patienten oft mit nicht linearen Narrativen zu tun. Man setzt die Geschichte aus Mosaiksteinen zusammen, man springt vor und zurück und fügt langsam einen Stein an den anderen, um am Ende ein größeres Bild zu erhalten. Und lineare Zeitstrukturen spielen da nicht unbedingt eine Rolle.

Die patriarchalischen Eliten bleiben im Sattel

Tamar Tandaschwili ist überzeugt, dass die Befindlichkeit der georgischen Gesellschaft geprägt ist von der Auflösung alter Gewissheiten und der Suche nach neuen Orientierungsmarken. Sie gilt als eine der Protagonistinnen der jungen feministischen Bewegung Georgiens. Die Hauptfigur von Tandaschwilis Roman ist eine junge Frau namens Elene, die zum Opfer des tiefen Konflikts über gesellschaftliche und kulturelle Werte in Georgien wird. Elenes männlicher Gegenpart und Peiniger ist Mserosa. Der Abkömmling einer bereits zu Sowjetzeiten privilegierten Familie ist es gewohnt, sich das zu nehmen, was er möchte, Positionen, Geld, Macht – und Frauen, so Tamar Tandaschwili im Gespräch.

Nach dem Ende der Sowjetunion sind die alten Eliten im Sattel geblieben, sie haben die Macht und das Geld einfach nicht abgegeben. Sie konnten ins Ausland zum Studieren gehen, es waren die ersten Georgier, die westliche Bildung genossen. Zurück in Georgien versuchten sie dann, westliche Werte mit der patriarchalischen Tradition und ihrer Vorstellung von Männlichkeit in Einklang zu bringen. Die Figur Mserosa in meinem Roman ist ein Symbol für diese Klasse, die gerne modern wäre, aber innerlich komplett verrottet ist, genau wie die georgische Vorstellung von Männlichkeit.

In ihrem Roman „Löwenzahnwirbelsturm in Orange schreibt Tamar Tandaschwili:

“Mserosa hatte gerade sein erstes Soros-Diplom aus Ungarn mitgebracht, als er Elene Rewischwili kennenlernte. Ende der düsteren 90er-Jahre gab es sicher nur ein Dutzend Studenten, die die georgischen Grenzen überschritten hatten. Demzufolge wandelte sich Mserosa gleich zu Beginn des Semesters von einem Typen, der auf der Straße herumhing, zu einem Hoffnungsträger. Elene glich mit ihrer wachsfarbenen Haut und dem dunkelschwarzen Haar einer zarten Mamorstatue. Sie war unheimlich (bis zum Sinnesverlust) schön, fleißig und wohlerzogen. […] Mserosa fragte sich nicht mehr, ob er der Begierde erlag, der Verliebtheit oder der Liebe. Ihm rutschte nur das Herz aus Angst fast in die Hose, dass dieser hellste Stern die Küche eines Anderen erleuchten würde. Mserosa versuchte sein Möglichstes, aber das brachte nichts. Elene kam nicht nur ihm, sondern auch keinem anderen Mann nahe.“

Morddrohungen gegen eine Romanautorin

Als Mserosa erfährt, dass seine Angebetete mit Frauen verkehrt, fällt seine Fassade eines Verfechters von Demokratie und Menschenrechten. In schockierenden Szenen beschreibt Tamar Tandaschwili Mserosas Wandlung zu einer machistischen, gewalttätigen Bestie, die von den alten sowjetischen Eliten und der orthodoxen Kirche Georgiens gedeckt wird. Für ihre deutliche literarisch-politische Stellungnahme ist Tandashwili bei Erscheinen ihres Romans 2016 überschwänglich gelobt und heftig attackiert worden, wie sie erzählt:

Ich wusste natürlich, dass ich mit diesem Roman polarisieren werde. Meine Lektorin etwa hatte Angst, dass ihr Name im Buch erscheint, weil ich die orthodoxe Kirche kritisiere und sie Angst vor politischen Konsequenzen hatte. Und ich verstand das sehr gut! Für mich war das ein Zeichen dafür, dass meine Provokation funktionierte. Damals erhielt ich viele Nachrichten von jungen Frauen, die mir dafür dankten, dass ich in meinem Roman ihre eigene Geschichte erzählte und sie sich dadurch nicht mehr so isoliert fühlten. Andere wiederrum drohten mir mit dem Tode und schrieben, dass sie wüssten, wo ich wohne und wie sie an mich herankommen. Ich arbeitete damals nebenher als Beraterin einer Initiative für sexuelle Minderheiten und war Morddrohungen bereits gewohnt.

Tamar Tandaschwili will provozieren und Tabus einreißen, aber vor allem Aufmerksamkeit verstärken für, wie sie sagt, die epidemische Verbreitung sexualisierter Gewalt.

Eine Groteske auf die georgische Gesellschaft

Weniger politisch aber dennoch äußerst eingängig beschäftigt sich auch die Humoristin und Autorin Tamri Pkhakadze mit den Umbrüchen des Geschlechterverhältnisses in Georgien. In ihrer Kurzgeschichte „Ein Mann Gottes“ etwa irrt eine alleinstehende Frau bei dichtem Schneetreiben über den Handwerksmarkt Eliawa im Norden der Hauptstadt Tiflis.

„Der Hof der Holzabteilung ist voller Männer – große, kleine, dicke, dünne, junge alte, rotgesichtige Trinker, grüngesichtige Raucher….Sogar der schwarze Hund, in dessen Augen immer noch ein, wenn auch hart strapaziertes, Vertrauen schimmert, ist männlich. Die ganze Situation ist männlich. Und da bin ich, die einzige Frau, unerwartet und ungebeten, und ich, die Frau will (ich schaue auf den Zettel): eine Mahagonileiste, zwei Meter lang und zwei Zentimeter breit. Aber in Wirklichkeit….In Wirklichkeit will ich natürlich etwas völlig anderes. Ich will während dieses abendlichen Schneefalls zu Hause sein und das Essen zubereiten – den ersten, den zweiten, den dritten Gang. Ich will immer wieder einen Blick auf die Wanduhr werfen und warten: auf den Sohn, der aus dem Institut kommt; auf die Tochter, die von der Schule kommt; dann will ich voller Ungeduld auf meinen Ehemann warten, der zum Eliawa-Basar gefahren ist, um ein paar Sachen zu besorgen. Aber….das Leben ist keine Schokoladentafel.“

Auf der Suche nach einem neuen Geschlechterverhältnis

Zugleich grämt sich Pkhakadzes namenlose Protagonistin darüber, dass sie anders als in ihrem Wunschtraum in Wirklichkeit nie geheiratet hat, weder Dato mit der krummen Nase, noch Ramazi, der im Gefängnis saß, und auch nicht Lekso, der schon drei Ehefrauen hatte. Tamri Pkhakadzes Erzählungen tänzeln gekonnt zwischen schreiender Groteske und feiner Gesellschaftskritik. Der Dame auf der Suche nach der Mahagonileiste hilft schließlich der äußerst galante Nugzari, in dem sie einen „Mann Gottes“ erkennt.

Nugzari habe ich wirklich auf dem Eliawa-Markt getroffen! Dieser Ort ist Gottes Zorn gegen die Frauen. Da sind Frauen ja noch besser im Krieg aufgehoben als auf diesem Markt! Das Leben der letzten dreißig Jahre hat das Verhältnis zwischen den Geschlechtern in Georgien grob gemacht. Es fehlt an einer gewissen Hochachtung vor der Frau. In meiner Geschichte nimmt nur Nugzari diesen Umstand war und ist bereit, dieser Frau, die völlig verloren ist unter den Männern auf dem Markt, zu helfen. Dabei sind die georgischen Männer eigentlich durchaus galant. Aber der Bürgerkrieg in den 1990ern und der Krieg mit Russland 2008 hat sie hart gemacht.

Der Kaukasus-Krieg, bei dem Russland auch Georgiens Hauptstadt bombardierte, steht mal mehr, mal weniger offen im Mittelpunkt von Tamri Pchakadze Geschichten. Das gilt auch für ihre preisgekrönte Erzählung „Gärtnern im Kriegsgebiet“ über ein ungleiches Bruderpaar. Während Zaliko mangels beruflicher Perspektive samt Frau aus Georgien in die USA emigriert, verteidigt sein Bruder Robinzon ihren Garten starrköpfig gegen den Einmarsch der russischen Armee. Eine Don Quichotte-Geschichte, mit der Tamri Pchakadze zugleich über die Rolle des Individuums im Krieg räsoniert.

Die Rolle der georgischen Frauen im Krieg mit Russland

Die Erzählung „Gärtnern im Kriegsgebiet“ habe ich auf dem Land bei meiner Mutter geschrieben, direkt an der Grenze zum von Russland okkupierten Teil Georgiens. Während ich mich um den Garten kümmerte, patrouillierte russisches Militär direkt vor meinen Augen. Das war der Beginn des Krieges. In dem Augenblick habe ich bereut, kein Mann zu sein, denn ich hätte ein Gewehr in die Hand genommen und wäre in den Krieg gezogen! Dann wurde mir bewusst, dass ich als Frau auch etwas tun kann, besonders als Schriftstellerin. Ich habe Worte, mit denen ich kämpfen kann! Wir haben in Georgien die Redewendung, dass man einen Menschen mit Worten töten kann.

Wenn sie schreibt, habe sie kein Geschlecht, gibt Tamri Pchakadze zu Protokoll. Tatsächlich untersucht sie die wankenden Geschlechterrollen innerhalb der georgischen Gesellschaft und auch die Rolle der Frau im Krieg zwar kritisch, aber nie polarisierend. In der Geschichte „Krieg oder Frieden“, die Pchakadze ausdrücklich „den Schriftstellerinnen“ widmet, bittet eine junge Frau um Aufnahme in die Armee, wird aber höflichst abgelehnt, weil sie zu hübsch und außerdem Lyrikerin ist. In der Kurzgeschichte „Ich, die Schnecke“ wagt eine Schnecke sich erstmals aus ihrem Haus und kehrt vor lauter Angst vor der Freiheit schleunigst wieder in ihr Heim zurück. Das kann man als Fabel auf den Freiheitskampf Georgiens oder der georgischen Frauen lesen. Tamri Pchakadze.

Die Freiheit ist etwas sehr Kompliziertes, das der Mensch nicht immer bewältigen kann. Freiheit kann eine Bürde sein, und deswegen ist es manchmal einfacher, mit einem Traum zu leben als in der Realität. Am Ende will die Schnecke wieder zurückkehren in ihr Haus. Dennoch: auf politischer Ebene ist die Freiheit für uns Georgier das höchste Gut. Wir haben nach der Unabhängigkeit 1991 oft unbesonnen und falsch gehandelt. Und deshalb stehen wir jetzt da, wo wir stehen. Aber ich werde nie aufhören, für unsere Freiheit zu kämpfen.

„Der König“ als rebellische Stimme Georgiens

Die äußerst instabile politische und gesellschaftliche Situation nach 1991 stellt auch der Musiker, Künstler und Schriftsteller Irakli Charkviani in den Mittelpunkt. In seinem jetzt ins Deutsche übertragenen Roman „Dahinschwimmen“ beschreibt der bereits 2006 verstorbene Autor die Perspektiv- und Orientierungslosigkeit der „Generation Gagarin“, die den Weltraum-Pionier noch als Helden der Sowjetunion kennenlernte. Irakli Charkviani war der Enkel des Ersten Sekretärs des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Georgiens und Sohn eines hochrangigen Diplomaten des Regimes. Zugleich wird er bis heute als wichtigste rebellische und systemkritische Stimme des Landes verehrt. „Der König“, so Charkvianis Spitzname, schreibt in seinem autobiographisch geprägten Roman:

„Auch mein Rufname König ist ein tragisches Zeichen dafür, dass dieses kleine Land nur an Könige glaubt, und falls die Demokratie zumindest eine Rolle als Make-Up übernimmt, ist es schon mal gut, denn die Amerikaner werden es nicht wollen, dass ihr ausgewählter Außenflügel der kaukasischen Demokratie sehr schlecht dasteht. Die Russen haben alles verloren – vom Einfluss bis hin zur Literatur, kurz gesagt, sogar das Gespräch über sie wird unser Buch langweilig machen.“

Literatur als Mittel der Selbstverortung

Irakli Charkvianis „Dahinschschwimmen“ ist der irrlichternde Gedankenstrom eines Drogenkonsumenten, der in Erinnerung schwelgt, dessen Jugend zerstört wurde durch die Behauptung einer Nachbarin, er sei homosexuell, und dessen Leben zerrissen ist zwischen seinem Status als öffentlicher Star, der chaotischen Orientierungslosigkeit seiner Heimat, einer gescheiterten Ehe und hochtrabenden Zukunftsplänen. Charkvianis Roman ist zugleich eine furiose surreale Erzählung über sein Alter Ego Rumi, einem „Zarathustra des 21. Jahrhunderts“, dem Lenin im Traum aufträgt, als Auserwählter mit einem Flugzeugattentat die Umwertung aller Werte anzustoßen. Charkviani jongliert mit ineinander verschwimmenden Figuren, Erinnerungsfetzen, sarkastischen Überzeichnungen, traumgleich assoziativen Szenenabfolgen und unverhohlenen Attacken gegen brüchig gewordene Autoritäten.

Die feministische Literatur von Tamar Tandaschwili, die feine Ironie in Tamri Pkchakadzes Kurzgeschichten über neue und alte Rollenmodelle und die schonungslosen autobiographischen Tiefenbohrungen des rebellischen Stars Irakli Charkviani belegen eindrucksvoll, welche konkrete Bedeutung die georgische Literatur bei der drängenden Selbstverortung des Landes und seiner Gesellschaft hat.

Nation und Imagination

Haitis Schriftsteller sind der Stolz der von vielen Problemen geplagten Inselrepublik.
Ein Besuch bei Autoren, die radikale literarische Gegenwelten erschaffen.

Süddeutsche Zeitung, 5. Oktober 2017

Nation und Imagination

Haiti ist ein Land, das in mancher Hinsicht nur als Traum und Vorstellung existiert. Es lebt von imaginären Welten, von den Geschichten, die seine Schriftsteller erzählen, von den alltäglichen Gerüchten und historischen Mythen, die hier ebenso tief im kollektiven Bewusstsein verankert sind wie die eigene Geschichte von der einzigen von Sklaven gegründeten Republik der Weltgeschichte.

Hinter von pittoresken Bougainvilleen umranktem Stacheldraht hat sich an diesem Abend auf einer Terrasse in einem der letzten vornehmen Viertel der Hauptstadt Port-au-Prince ein exklusiver Kreis von Intellektuellen des Landes zusammengefunden. Jean-Jacques Ronald, Vorsitzender der haitianischen Psychologen-Verbandes, berichtet mit einem Glas Barbancourt-Rum in der Hand und ohne die Spur eines Lächelns von einer mystischen Begebenheit: Acht Soldaten der seit 2004 im Land stationierten Stabilisierungsmission der Vereinten Nationen sollen während einer Fahrt durchs Hinterland ihre Fahrzeug verlassen haben, um in einem Feld auszutreten. Als sie nicht wieder auftauchten, habe man anstelle der Soldaten acht meckernde Zicklein entdeckt. Voodoo-Mystizismus? Radikale Fiktionalisierung der Realität? Es ist nur eine der unzähligen Geschichte, die von der Seele eines Landes erzählen, das ein lebendiges Oxymoron ist. Der US-amerikanische Romancier Herbert Gold sprach einmal vom „besten Albtraum der Welt.“

Im Volksmund heißt es, man hat nur Glück beim Erwischen einer Pechsträhne

„Um einen Haitianer am Träumen zu hindern, muss man ihn totschlagen“, so drückte es unlängst Haitis prominentester Autor Dany Laferrière aus. Laferrière floh 1976 wie so viele Intellektuelle vor der Schreckensherrschaft der Duvalier-Diktatur. Acht Jahre lang verdingte er sich als Fabrikarbeiter in Montréal, bis er 1985 mit seinem skandalträchtigen Debütroman „Die Kunst, mit einem Neger zu schlafen, ohne müde zu werden“ über Nacht zum Star wurde. Laferrière schreibt lustvoll über das Leben zwischen dem Radikalismus der Black Panther und dem Rassismus der weißen Oberschicht, über Jazz von Charlie Parker, Sex mit blonden Schönheiten und über den zwingenden Traum, Schriftsteller zu werden. Vierzig Jahre später erscheint der Titel jetzt in leicht entschärfter Übersetzung erneut. Über dreißig Romane hat Laferrière seither verfasst, 2013 ist er als erster Farbiger nach Léopold Senghor in die Académie Française berufen geworden. „Ich bin Schriftsteller. Ich bin Haitianer. Das heißt nicht, dass ich ein haitianischer Schriftsteller bin“, meint Laferrière, der heute mit kanadischer Staatsbürgerschaft in Paris lebt und in seiner Heimat als Inkarnation des haitianischen Traums verehrt wird. In Haiti, so heißt es im Volksmund bis heute, hat man nur dann Glück, wenn es darum geht, eine Pechsträhne zu erwischen.

Seit 1804 regiert im kollektiven Bewusstsein der Stolz auf den Sieg gegen Napoleons Truppen und die tiefe Scham darüber, dass Haiti als Staat gescheitert und als Gesellschaft tief gespalten ist. Bis Mitte Oktober sollen die 5000 Blauhelm-Soldaten der UN-Mission abziehen. Rund 10 000 haitianische Mitarbeiter werden zugleich ihre Jobs als Fahrer, Dolmetscher und Hilfskräfte verlieren. Dennoch wird der Abzug bejubelt als „Schlusspunkt der Okkupation“, oder, so drückt es der Romancier und Journalist Lyonel Trouillot aus, als Ende eines „Kriegszustandes“. Nach dreizehn Jahren Einsatz kann die UN-Mission außer einer gewissen formellen politischen Stabilisierung und einer Eindämmung der Entführungs- und Raubdelikte nichts wirklich Greifbares vorweisen. Dafür hinterlassen die Blauhelme ein durch nepalesische Truppen eingeführtes, tödliches Mitbringsel: Die Cholera-Epidemie mit bisher mindestens 10.000 Opfern und geschätzt 800.000 Infizierten.

Mit vierzig Prozent Analphabeten und einem Durchschnittseinkommen von 750 Dollar im Jahr gehört Haiti zu den am wenigsten entwickelten Ländern der Erde. Wer, wenn nicht Haitis Schriftsteller, könnten von den Träumen erzählen, die die „Perle der Antillen“ einst als reichste Kolonie der Welt erweckte? Die Zeiten, in denen das Land sechzig Prozent des weltweiten Kaffee-Bedarfs lieferte, sind lange vorbei. Dass die Literatur neben dem bei Kennern geschätzten Barbancourt-Rum heute das einzige erfolgreiche haitianische Export-Produkt ist, belegen nicht nur die zahlreichen im Ausland verlegten und mit internationalen Preisen bedachten Romane. Allein in Deutschland erscheinen in diesem Herbst etliche Übersetzungen, etwa „Dreizehn Voodoo-Geschichten“ des Journalisten Gary Victor, der Entwicklungs-Roman „Thérèse in Tausend Stücken“ von Lyonel Trouillot oder eine Neuausgabe der Kurzgeschichtensammlung von „Das Lachen Haitis“ des Ethnologen Georges Anglade. Dass Frankreich sich gleich mit mehreren haitianischen Autoren auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert, beweist, dass auch die ehemalige Kolonialmacht die Einzigartigkeit des „haitianischen Realismus“ in der frankophonen Literatur erkannt hat.

„Das Erdbeben war wie eine Flut schwarzer Schmetterlinge.“

„Im Elend liegt ein Quell der Kreativität“, erklärt der Sänger und Dichter James Noël das scheinbare Paradoxon zwischen dem extremen Entwicklungsrückstand und dem überbordenden künstlerischen Reichtum Haitis, während er auf der Veranda des legendären Hotels Oloffson an seinem Kaffee nippt. Noël gilt als wichtigster Autor der jüngeren haitianischen Literaturszene. Nach mehreren preisgekrönten Gedichtbänden erscheint in diesen Tagen in Frankreich sein erster Roman. „Belle merveille“ (dt.: „Unglaublich aber wahr“) erzählt ebenso poetisch wie vielschichtig von der anhaltenden Traumatisierung der Überlebenden des Bebens von 2010 und von den Heerscharen an Reportern und Hilfsorganisationen, die die Haitianer in einer Mischung von Wut, Scham und trotzigem Stolz als „Besetzer“ bezeichnen. „Das Erdbeben war wie eine Flut von schwarzen Schmetterlingen, die auf Port-au-Prince niederging“, heißt es in Noëls Roman.

Der schwarze Schmetterling, dem man unter der gleißenden Sonne Haitis allenthalben begegnet, ist im Voodoo-Glauben ein Symbol des Todes. „Wir hatten das Gefühl, die Erde wollte uns einfach von ihrer Oberfläche abschütteln,“ meint Noël. Literarisch deutet er das Beben mit 300 000 Opfern als einen Ausdruck des universellen Scheiterns um. Haiti wird bei ihm zum Fieberthermometer eines gebeutelten Planeten. „Gerade im Angesicht des Todes wächst das Bedürfnis, die Sinnlichkeit und Poetik des Lebens zu spüren. Andererseits leiden wir eher unter einer Überdosis an Leben.“ Wenige Monate nach der Stunde null gründete Noël mit seiner Schweizer Partnerin Pascale Monnin das künstlerisch-literarische Magazin IntranQu’îllités. Haiti präsentiert der Herausgeber Noël als kreativen Nabel der Welt: „Jeder Mensch will doch erbeben, fundamental erschüttert und berührt werden.“ Das Liebespaar in seinem Roman allerdings verlässt Haiti, um in Europa ein wenig Luft zum Leben zu schnappen. Auch James Noël hat es geschafft: Am Tage nach dem Treffen auf der Veranda des weißen Holz-Hotels auf den Hügeln von Port-au-Prince reist er ab, ein Stipendium ruft ihn ein Jahr nach Nord-Frankreich. „Der kommt nicht wieder“, raunen später seine schriftstellernden Kollegen ebenso eifersüchtig wie abschätzig.

Die Frage, ob man bei erster Gelegenheit das Land verlässt und damit den historischen Kollektivtraum der Selbständigkeit verrät, zieht sich wie ein roter Faden durch Haitis Literatur. „Wir sind zerrissen zwischen dem Bedürfnis der Verwurzelung in unserer Kultur und dem Drang, das Elend hinter uns zu lassen,“ meint etwa Yanick Lahens. Als Haitis prominenteste und mit renommierten französischen Literaturpreisen bedachte Autorin wird sie zwar auch in den USA und in Deutschland verlegt. Ihrer Heimat will sie aber trotz des internationalen Erfolgs auch nach den jüngsten Verheerungen durch Hurrikane Matthew im Herbst 2016 nicht den Rücken kehren. Aus ihrem ehemals vornehmen Wohnviertel in Pétionville oberhalb der Hauptstadt ist ein Sammelbecken für Straßenhändler und –streuner geworden, die aus der weitgehend zerstörten Innenstadt an der Küste fliehen mussten. Lahens großzügiger Villa ist durch hohe Mauern und schwere Tore abgeschirmt. Nur wenige Hundert Meter entfernt haben die Flüchtlinge ein ganzes Stadtviertel namens „Jalousie“ (dt: Eifersucht) aus einfachen Beton-Verschlägen in den Berg gestapelt, in dem die staatliche Autorität nichts zu melden hat. „Als Schriftsteller fühlt man sich hier wie im inneren Exil, weil man umgeben ist von Menschen, die nicht lesen und schreiben können.“ Bei einem Beschulungsgrad von rund 50 Prozent sind die Perspektiven nicht eben vielversprechend.

Gerade den französischsprachigen Autoren Haitis fehlt es an Lesern im eigenen Land, wo die meisten Einwohner ausschließlich Kreol sprechen. Seit 1987 ist das Kreol als zweite Amtssprache in der Verfassung verankert, und auch der Voodoo als offizielle Religion anerkannt. Die alten Vorurteile gegen das Kulturerbe der einstigen Sklaven wirken dennoch ungemindert fort. Das in der gehobenen Gesellschaftsschicht bis heute als minderwertig erachtete Sprachengemisch gewinnt derweil als Identitätsanker rapide an Bedeutung. Die 2014 geründete „Académie Créole“ etwa fungiert erstmals als Hüter einheitlicher Sprachregeln.

Mit einer günstigen Edition will sie das heimische Publikum unterstützen

„Ich bin Kreolin“, mit diesem Bekenntnis rührt die Autorin Kettly Mars, die im Oktober zur Buchmesse erneut in Deutschland sein wird, an einem der neuralgischen Punkte der haitianischen Gesellschaft. Mars ist Mulattin, fühlt sich aber dem kreolischen Kulturerbe eng verbunden. Ihre Tochter, so erzählt sie in ihrem wild wachsenden Garten in Port-au-Prince, sei eine Initiierte, und auch sie selbst habe immer mehr Interesse am Imaginären des Voodoo, an den spirituellen Geschichten, die sich die Sklaven in den Schiffsbäuchen bei der Zwangsumsiedlung in die Neue Welt erzählten. Die Rechte ihres demnächst in Frankreich erscheinenden Romans über eine Familie im Griff eines Voodoo-Engels hat sie sich für Haiti gesichert, um mit einer günstigen Edition das heimische Publikum und damit auch die Verlagslandschaft zu unterstützen.

Tatsächlich sind in nur wenigen Jahren gleich drei Verlagshäuser entstanden, die sowohl auf Französisch als auch auf Kreol publizieren. „Die Kriterien sind für beide Sprachen dieselben. Ungeachtet der Marktchancen muss der Text einfach gut sein“, beteuert Jémimah Labossière, Programmdirektorin von „C3“ in einem spärlich eingerichteten, mit schweren Fenstergittern gesicherten Verlags-Büro in der Innenstadt. Ein Jahr nach dem Erdbeben ist das Haus unter dem Motto „Freiheit, Bürgergesellschaft, Literatur“ an den Start gegangen und verlegt neben äußerst beliebten politischen Autobiografien und Analysen etwa eine Kreol-Übersetzung von Saint-Exupérys „Der kleine Prinz“ sowie zahlreiche literarische Debütwerke auf Kreol. „Wir organisieren Diskussionen, Lesungen und Festivals, um noch mehr junge Leute zum Lesen zu bringen. Seit sechs Jahren haben wir großen Erfolg“, sagt Jémimah Labossière lächelnd, als ob sie es selbst noch nicht recht glauben kann.

Gerade für die junge Generation hat die Literatur eine konkrete lebenspraktische Bedeutung. Bei einer Arbeitslosenrate von rund siebzig Prozent lässt man sich den Ausweg in poetische Traumwelten nicht verstellen. Im „Yanvalou“ etwa, einer nach dem Beben von 2010 entstandenen Kultur- und Theaterbar im Pacot-Viertel, führt der weit gereiste Dramatiker Guy Régis sein neues Stück „Reconstructions“ auf, eine schreiend komische Parodie auf die Unfähigkeit der Regierung, das internationale Hilfsgeld zum Wohle der Bevölkerung einzusetzen. Bis auf die überfüllte Veranda drängen sich die Zuschauer und sehen gebannt der nationalen Komödie zu. „In Haiti kann das Theater noch Revolutionen auslösen“, meint Guy Régis später bei einem Bier an der Bar, obwohl oder gerade weil es in Haiti nicht einen einzigen regulären Theatersaal gibt. Seit einigen Jahren ist Régis mit seinem Kollektiv „NOUS“ unter dem Motto „Theater mit allen Mitteln“ in den Straßen Haitis und auf renommierten Festivals in Belgien und Frankreich unterwegs. Zur Legende wurde er schon 2003, als eine seiner Inszenierungen in einer Bauruine in Port-au-Prince sich zur ersten Massendemonstration gegen den damaligen Präsidenten Aristide entwickelt haben soll.

Nach dem wilden Schlussapplaus im „Yanvalou“ stellt sich plötzlich ein junger Mann mit dunkler Sonnenbrille vor und überreicht einen Gedichtband mit seinem Konterfei. Der Dichter Coutechev Aupant, so ist auf der Rückseite des Buches zu lesen, hat zwei renommierte Preise für seine Werke auf Kreol und Französisch erhalten und ist derzeit arbeitssuchend. „Der Mensch findet seinen Platz in dem Augenblick, in dem er seine Stimme erhebt“, heißt es in einem der Gedichte. „Jeder Autor ist auch Bürger“, erklärt Aupant bestimmt. Er plädiert für ein haitianisches Selbstbewusstsein wie zu Zeiten der Négritude-Bewegung der 1950er-Jahre. „Wir Schriftsteller haben eine Verantwortung für die Identität unseres Landes. Wir müssen die Mythen aufschreiben, die von unserer Herkunft und von unseren Träumen erzählen.“

Die falschen Versprechen der Apokalypse

Was wurde aus der verlorenen Avantgarde, die in den Ersten Weltkrieg zog? Neun Autoren aus Deutschland und Frankreich gingen dieser Frage nach.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.06.2017

“Avantgardisten sind Leute, die nicht genau wissen, wo sie hinwollen, aber als erste da sind.“ Das Bonmot des 1980 verstorbenen französischen Schriftstellers und Diplomaten Romain Gary bringt die Widersprüchlichkeit, die den ästhetischen und gesellschaftlichen Umbrüchen zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu eigen war, auf den Punkt. Die Revolte gegen die etablierte Ordnung, gegen Vaterland, Familie, Religion, Moral, psychiatrische Anstalten und den „Imperialismus der Logik“ – so formulierten es später die Surrealisten – führte auch die Avantgardisten auf die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs. Viele von ihnen meldeten sich freiwillig zu einem Krieg, von dem sie sich die Katharsis der bürgerlichen Gesellschaft erhofften. Die Realität der Apokalypse, von der sich etwa Franz Marc die „Läuterung eines kranken Europas“ erhoffte, verwandelte den Traum schnell in einen Albtraum. Noch vor seinem Tod in der Schlacht von Verdun 1916 schrieb Marc vom „gemeinsten Menschenfang, dem wir uns ergeben haben“.

In unmittelbarer Nachbarschaft der damaligen Schlachtfelder im lothringischen Nancy trafen sich in der vergangenen Woche auf Einladung des Goethe-Instituts neun Autoren aus Frankreich und Deutschland, um über die Erinnerung und Gegenwart dieser „verlorenen Avantgarde“ zu sprechen. Neben der etwas kriegsschweren Symbolik des Treffens stand vor allem die reichlich akademische Frage im Raum, welche Entwicklung die Kunst- und Literaturgeschichte genommen hätte, wenn etwa Franz Marc, August Macke, Guillaume Apollinaire oder Henri Gaudier-Brzeska nicht im Krieg oder an seinen Folgen gestorben wären.

Frank Witzels Versuch über den französischen Denker Jacques Vaché drehte das Thema der „verlorenen Avantgarde“ zunächst einmal vom Kopf auf die Füße. Anstatt sich in einem literarischen Gedankenspiel ein postumes Leben Vachés auszudenken, stellte Witzel den Topos der Abwesenheit in den Mittelpunkt. Vaché, der sich vom Krieg traumatisiert im Alter von 23 Jahren mit einer Überdosis Morphium das Leben nahm, hinterließ außer einer Sammlung von Briefen kein literarisches Werk im klassischen Sinn. André Breton, der Vaché einige Male begegnet war und später zum Wortführer der Surrealisten avancierte, bekannte: „Vaché ist der Surrealist in mir.“ Ohne Vaché und ohne dessen Tod wäre Breton also gar nicht möglich gewesen – so erzählt es zumindest Witzels autobiographischer Essay über die Todessehnsucht des Künstlers und die Frage, was es eigentlich bedeuten soll, es als Dichter „geschafft zu haben.“

Dass der Ruhm des Künstlers ebenso wie die Erinnerung an die Vergangenheit auch Produkte künstlicher Sinnkonstruktionen sind, zeigte der französische Autor und Filmemacher Philippe Claudel in seinem Beitrag über Franz Marc. Bei Claudel stirbt Marc nicht 1916 an den Folgen eines Granatdoppelschusses bei Verdun, sondern wird aufgrund einer klinischen Schizophrenie 1940 Opfer des nationalsozialistischen Euthanasieprogramms. In einer Kollage aus realen und erfundenen Dokumenten spielt Claudel durch, ob Marcs Tod von den Nationalsozialisten als Beweis ihrer unbestechlichen Konsequenz womöglich nur inszeniert wurde und seine postumen Zeichnungen womöglich doch keine Fälschungen auf dem Kunstmarkt sind.

Alexis Jenni, der mit seinem Aufarbeitungsroman „Die französische Kunst des Krieges“ vor sechs Jahren auf Anhieb den Prix Goncourt gewann, beklagte sich, dass sein Buch keinen Widerhall in der Debatte um die sogenannten „Vorkommnisse“ in Algerien gefunden habe. In seiner Fiktion über den 1915 ebenfalls bei Verdun gefallenen Bildhauer Henri Gaudier-Brzeska beschäftigt sich Jenni abermals damit, was der Krieg aus den Menschen und ihrem Verhältnis zur Kunst macht. Jenni erfindet einen Gaudier-Brzeska, der auch nach der Apokalypse des ersten modernen Krieges am Glauben an die Segnungen des Futurismus festhält. Während Gaudier an Ikarus-Skulpturen für Mussolini arbeitet, erklärt er einem Journalisten, man müsse Marinettis Version des Futurismus die Absage an „Künstler, Frauen und das Ich“ entgegenstellen und die Gestaltung der Welt rein mechanischen Abläufen überlassen, um so das Leiden der menschlichen Seele abzustellen. Diese Version des „neuen Menschen“, der seit dem Ende des 19. Jahrhunderts eigentlichen allen „Ismen“ als Vorwand dient, erinnert fatal an die Entwickler im Silicon Valley, die heute fordern, der Mensch müsse sich an ihre technologischen Erfindungen anpassen.

Über die Irrwege des zwanghaften Erneuerungswettbewerbs der Avantgarde schreibt auch Marie Darrieussecq. Guillaume Apollinaire (der noch 1913 mit Filippo Tommaso Marinetti an der großen Avantgarde-Kunstausstellung in Berlin teilnahm, von der Schaffung einer futuristischen Internationale träumte und sich als gebürtiger Pole 1915 eigens einbürgern ließ, um für Frankreich zu kämpfen), wird bei ihr zum „super-poète national“. Bis zu seinem fiktiven Tod in den 1960er Jahren ergeht er sich in nationalistischen Hasstiraden gegen alles Deutsche. Gleichwohl ist Darrieussecq überzeugt, dass die Avantgarde nicht auf den Schlachtfeldern des 20. Jahrhunderts untergegangen ist. Vielmehr fordert die Literatin, die regelmäßig auch Beiträge für „Charlie Hebdo“ verfasst, dass sich auch heute „Avantgardisten an die Front stellen müssen, um sich jedenfalls im metaphorischen Sinne ins Kreuzfeuer zu stellen“. Avantgarde zu sein, das heiße vor allem, mutig zu sein.
Eine Aufgeschmissenheit, die es heute auch gibt

Die Vorgabe, sich eine fiktive postume Biographie der im Krieg gefallenen Avantgarde-Künstler auszumalen, lehnte Darrieussecqs deutsche Kollegin Helene Hegemann als „Anmaßung“ rundherum ab. Ihr Essay über die Avantgarde greift derweil erhellende Parallelen zum schwelenden Unbehagen in der Gegenwart auf. Heute wie damals habe man erkannt, dass die scheinbare gesellschaftliche Stabilität vor allem auf einer bürgerlichen Knechtschaft beruhe, meint Hegemann. „Die Avantgardisten mussten ein permanentes Sichabarbeiten an etwas, das eingefordert wird, aufbrechen. Es gab aber keine Alternative zu dieser Knechtschaft, es gab nur das Aufbrechen, es gab nur das Durchdrehen. Es gab nur das Gegen-alles-Sein, ohne für etwas sein zu können. Die hörten auch auf, sich selbst richtig ernst zu nehmen. Es gab damals eine Aufgeschmissenheit, die es heute auch gibt.“

Die Geste der Auflehnung gehöre längst zum Business des Kulturbetriebs. Für Hegemann ist die Apokalypse der Kristallisationspunkt des Künstlers, um seinen Seelenzustand auf ein höheres Level zu hieven, „auf dem sich nicht mehr nur die eigene Verkorkstheit und Nervosität abspielt, sondern etwas, was die ganze Welt betrifft“. Wer heute Teil der Avantgarde sein will, so eine Erkenntnis des Treffens in Nancy, braucht den Mut, für künstlerische Positionen einzutreten, ohne sich dabei um die Likes und Klicks der Marktwirtschaft zu sorgen.

Insel im Meer aus Tinte

30 Jahre nach François Duvaliers verheerender Gewaltherrschaft suchen Haitis Schriftsteller nach den verlorenen Träumen der früheren “Perle der Karibik”.

Feature, Deutschlandradio Kultur 26.6.2016

Feature, Deutschlandradio Kultur 26.6.2016

 

Haitis Schriftsteller erinnern sich an die Duvalier-Diktatur, das Exil und ihre Rückkehr

François Duvaliers paranoider Feldzug gegen kommunistische Aktivitäten, egal welcher Form, versetzte ab 1956 auch Haitis Literaturszene in Angst und Schrecken. Schriftsteller und Journalisten standen vor der Wahl, entweder mit einem Mann zu paktieren, der sich mal mit Jesus, mal mit dem Voodoo-Todesgeist Baron Samedi verglich oder schnellstmöglich das Land zu verlassen.

30 Jahre nach dem Ende des Gewaltregimes beginnen haitianische Autoren, sich zu erinnern: an das Schreiben unter der Diktatur, an die Flucht vor den Mörderkommandos der Tonton Macoutes und an die Rückkehr in eine fremdgewordene Heimat.

Die Schriftsteller Anthony Phelps, Dany Laferrière, Kettly Mars und der beim Erdbeben von 2010 umgekommene Georges Anglade reisen in ihren Büchern in die Vergangenheit der einstigen Perle der Karibik und suchen nach den verlorenen Träumen Haitis.

Ukraine: Lesen in Zeiten des Bürgerkriegs

Welche Rolle spielt die Literatur in einem Land, das um seine eigene Identität kämpft? Ein Rundgang durch Odessa, der Literaten-Stadt am Schwarzen Meer.

WDR 3, 10.2.2016

WDR3, Kultur am Mittag, 10.2.2016
Odessa, die Stadt der Literatur am Schwarzen Meer, die traditionell liberale „Riviera“ des großrussisch Reiches. Der junge Alexander Puschkin verfasste hier nach seiner Verbannung aus Sankt Petersburg Teile seines Versepos Eugen Onegin, das Autorenpaar Ilf und Petrov schrieb hier den Satireroman „12 Stühle“, Isaac Babel und Vladimir Jabotinsky haben hier gelebt und gearbeitet. Was ist heute von dem beeindruckenden literarischen Erbe der Stadt übrig? In der Pastera-Straße unweit des historischen Stadtzentrums von Odessa betreibt Yana Kalmykova ihren Buchladen „Hippocampus“. Bereits auf dem Bürgersteig geht sie mit Hörbüchern auf Kundenfang, heute mit Dostojewskis Klassiker „Der Doppelgänger“ – und zwar auf Russisch. Yana will zu Zeiten des Krieges gegen die pro-russischen Separatisten eigentlich nur noch Bücher auf Ukrainisch verkaufen. Nur, so einfach ist das nicht:

Wir haben hier in der Ukraine ein ziemliches Bildungsproblem. Als ich meinen  ersten Laden aufgemacht habe ging es mir vor allem darum, schöne Bücher in gutem Ukrainisch zu verkaufen. Aber unabhängige Buchläden in Odessa haben es ziemlich schwer, gerade dann, wenn sie Bücher auf Ukrainisch verkaufen. Gegen die Buchladenketten aus Russland kommen wir nicht an.

Bücher auf Ukrainisch gab es bisher nur vereinzelt, zumeist einfache und schlecht lektorierte Drucke. Viele wollen das jetzt ändern, denn die ukrainische Sprache ist längst zum Symbol eines neuen nationalen Selbstbewusstseins geworden. Insgesamt fünf unabhängige Buchhandlungen gibt es in Odessa, einer Stadt mit immerhin 1,5 Million Einwohnern. Vor zwei Jahren hat die 38jährige Buchhändlerin Yana ihren zweiten Laden eröffnet: 60m2 im Souterrain, einfache Holzregale und eine gemütliche Sitzecke, im hinteren Teil eine kleine Café-Bar für die Kunden.

Junge Eltern kaufen vor allem Kinderbücher, das ältere Publikum greift eher zu den russischen Klassikern. Daneben gibt es immer mehr Leute zwischen 20 und 35, die sich für Philosophie, Kultur und Wissenschaft interessieren. Das ist erstaunlich in diesen Zeiten und ein gutes Zeichen für die Ukraine.

Die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität, der Riss, der durch Teile der ukrainischen Gesellschaft geht, haben das intellektuelle und literarische Leben des Landes angekurbelt. Denker und Dichter wie Juri Andruchowitsch, Taras Proschasko oder Andrej Kurkov sind in pro-ukrainischen Kreisen zu Symbolfiguren eines neuen nationalen Selbstbewusstseins geworden. Der Krieg im Osten des Landes werde gerade zu einem literarischen Konjunkturthema, meint der Autor und Sänger Sergej Zhadan.

Natürlich gibt es viele Autoren, die etwas schreiben, erste Romane, viele Reportagen über den Krieg, das ist ein sehr aktuelles Thema. Viele Autoren fahren regelmäßig in den Osten, geben Konzerte oder Lesungen. Wir sind ein Land, wir sind eine Gesellschaft.

Wenn er zu Lesungen und Konzerten in den Osten reise, merke er an den emotionalen Reaktionen des Publikums, welche wichtige Rolle gerade jetzt gemeinsame kulturelle Veranstaltungen für die Kriegs-gebeutelte Bevölkerung spielen, erzählt Zhadan. Auch in Odessa haben in den letzten Monaten Literaten- und Lesezirkel Zulauf, in denen sich junge Menschen treffen. Dabei steht nicht immer der Krieg im Vordergrund – wichtig sei vor allem die Gemeinschaft, das Bewusstsein für eine gemeinsame Identität, berichtet der 27 jährige Dichter Andriy Khayetskiy.

Ich schreibe vor allem über mich, meine Gefühle und Gedanken. Was ich mache, könnte man „philosophische Dichtung“ nennen. Politische Literatur mag ich eigentlich nicht. Aber natürlich bin ich ein Bürger dieses Landes und nehme am sozialen Leben Teil und kann mich der Realität also nicht entziehen. Insofern geht natürlich ein Teil meiner Erlebnisse in meine Gedichte ein.

In einem seiner jüngsten Gedichte schreibt Andriy über seinen „Bruder“, dem er rät, Ruhe zu bewahren und keine Angst zu haben, alles werde gut, die richtige Entscheidung treffe man mit dem Gedanken an die Freiheit. Andriy und seine Dichter-Kollegen haben bisher noch kein Buch veröffentlicht – allerdings sind literarische Online-Foren bei jungen ukrainischen Dichtern immer beliebter. Und irgendwann klappt es auch mal mit einer regulären Veröffentlichung, sagt Andriy mit einem breiten Lächeln. Der ukrainische Buchmarkt bleibt gespalten: von 350 ukrainischen Verlagen publizieren gerade einmal 20 ausschließlich auf Ukrainisch. Bis heute fahren die großen russischen Verlagshäuser und Buchhandelsketten wie Bukwa und Je immer noch den Großteil des Umsatzes auf dem ukrainischen Markt ein. Aber: es gibt Hoffnung, meint Olga Zhuk, die an der Bar im Buchladen von Yana Kalmykova an einem Espresso nippt. Zhuk ist die Leiterin des Kunst- und Buchfestivals „Arsenal“ in Kiew. Die politische und wirtschaftliche Krise des Landes sieht sie auch als große Chance.

Die kleinen Verlage für anspruchsvolle, intellektuelle Bücher finden jetzt ein neues Publikum. In den zwei Jahren seit dem Maidan hat sich eine starke öffentliche Bürgerbewegung entwickelt. Die Verleger beginnen zu verstehen, das sie es mit einem engagierten Lesepublikum zu tun haben. Sie verkaufen nicht nur, sondern bilden auch Netzwerke. Es geht längst nicht mehr nur um das Produkt, sondern ebenso sehr um die gesellschaftliche Verantwortung.

Bücher spielen für eine selbstbewusste Zivilgesellschaft eben eine zentrale Rolle, meint Olga Zhuk. Der große Roman über die Suche der Ukraine nach der eigenen Identität lässt noch auf sich warten. Olga Zhuk ist zuversichtlich: Tolstois „Krieg und Frieden“ sei immerhin auch erst mehr als siebzig Jahre nach den Napoleonischen Kriegen erschienen.

It’s time to experiment. It’s a inspiring time for us…

Am Sonntag Nachmittag im Stadtgarten unweit der Haupteinkaufsstraße Deribasovskaya drehen vor einem Musikpavillon Tänzer lächelnd ihre Runden. Vom Krieg scheint hier niemand Notiz zu nehmen. Für einen Moment scheint das alte Odessa, die liberale Literaturmetropole am Schwarzen Meer, wieder aufzuerstehen.

Lebenslügen im Tiefdruckgebiet

Olivier Rolin erzählt die Lebensgeschichte des deportierten und ermordeten sowjetischen Meteorologen Alexej Wangenheim

Süddeutsche Zeitung 29. August 2015


Der 1881 in einem ostukrainischen Dorf geborene Alexej Wangenheim war als erster Direktor des Hydro-Meteorologischen Dienstes der Sowjetunion ein wichtiger Mann im Staate. Bereits im Ersten Weltkrieg hatte Russland sich auf seine Vorhersagen verlassen, woher der Wind weht oder ob es regnen wird, um in Galizien die Giftgaseinsätze gegen die Österreicher besser planen zu können. Von 1927 an setzte dann auch Stalins Machtapparat auf Wangenheims Kenntnisse, zum einen im Wettkampf mit den USA um die Eroberung der Stratosphäre per Heißluftballon, und zum anderen im Blick auf die Entwicklung der sozialistischen Landwirtschaft.

Anfang der Dreißigerjahre sagte Wangenheim voraus, dass in Zukunft Sonne und Wind im Zentrum der Energiegewinnung stehen würden. Der Aufbau eines all-sowjetischen Wetterdienstes mit Stationen in jeder noch so abgelegenen Region des Riesenreiches und sein Traum von einer weltweiten Vernetzung meteorologischer Daten fanden international große Beachtung. Wangenheim war aber durchaus kein politischer Mensch, sondern bloß ein leidenschaftlicher Meteorologe.

Wenn der französische Schriftsteller Olivier Rolin in seinem Roman „Der Meteorologe“ nun erstmals Wangenheims Geschichte und seiner Rolle im kommunistischen Herrschaftssystem nachspürt, arbeitet er auch seine eigene Vergangenheit auf. Bereits in seinem Roman „Die Papiertiger von Paris“ (dt. 2003) hat Rolin, der in den Sechzigerjahren einer militant-maoistischen Untergrundzelle angehörte, aus der realsozialistischen Propaganda und den eigenen Lebenslügen seinen Stoff gewonnen. Rolin widmet einen Großteil seiner literarischen Arbeit nicht nur seiner „ideologischen Idiotie“, sondern auch der Geschichte Russlands, des Vaterlands der sozialistischen Revolution.

Die Vorbereitung zu seinem neuen Roman „Der Meteorologe“ führte Rolin auf die Solowezki-Inseln im Weißen Meer, 160 Kilometer südlich des Polarkreises. Dort entdeckte er eine Klosterfestung aus dem 15. Jahrhundert, die von 1923 an das erste sowjetische Lager des Gulag beherbergt hatte. In den Aufzeichnungen ehemaliger Insassen des Lagers fand er zahlreiche Briefe und kunstvolle Zeichnungen von Pflanzen und Tieren, die ein gewisser Alexej Wangenheim aus dem Arbeitslager an seine Frau und Tochter geschickt hatte.

Dem einstigen Chef-Meteorologen Wangenheim war zum Verhängnis geworden, dass er den Kopf etwas zu sehr in den Wolken hatte und sich für das irdische Tagesgeschäft kaum interessierte. Am 8. Januar 1934, auf dem Höhepunkt seiner Karriere im Sowjetsystem, wurde er von Agenten der Staatssicherheit verhaftet. Der Vorwurf: in einer Zeitschrift seines Instituts hatte ein Autor über die neue „norwegische Theorie“ zur Entstehung von Tiefdruckgebieten geschrieben, ohne explizit auf die Verdienste der sowjetischen Wetterforschung einzugehen. Ein eifersüchtiger Kollege hatte Wangenheim zudem beschuldigt, einem Sabotage-Zirkel anzugehören und Wettervorhersagen gefälscht zu haben, um der sowjetischen Landwirtschaft zu schaden.

Nach einem Tag im Verhörraum gestand der gänzlich unschuldige Wangenheim jeden einzelnen der infamen Vorwürfe und lobte anschließend sogar die Effizienz der Verhörmethoden. Widerstand war zwecklos, das wusste er nur zu gut. Wangenheim war überzeugt, dass es sich bei seiner Verhaftung nur um ein Versehen im System handeln konnte.

Oder brauchte die Staatspolizei etwa einen Schuldigen für die verheerenden Ernteausfälle, Hungerkatastrophen und das Massensterben in der Ukraine? Für das Ende von Wangenheims Geschichte spielt das keine Rolle: nach seiner Deportation auf die vom Eis eingeschlossenen Solowezki-Inseln und drei Jahren Zwangsarbeit wurde er laut der akribischen Aufzeichnungen der Staatspolizei im Oktober 1937 gemeinsam mit 1100 Mithäftlingen per Genickschuss exekutiert und in einem Massengrab im Wald verscharrt.

Olivier Rolin nähert sich seinem wenig heldenhaften Protagonisten äußerst behutsam. Ihn selbst habe Wangenheims blindes Vertrauen in die Partei zunächst enttäuscht. Doch dann sei ihm aufgegangen, dass genau in dessen innerem Kampf zwischen blinder Folgsamkeit und der ungläubigen Empörung über die ihm widerfahrene Ungerechtigkeit der literarische Stoff liege. Wangenheims zahlreiche Gesuche an die Sowjet-Führung, seine Lobgesänge auf die Weisheit der Partei blieben unbeantwortet. Auch die Stalin-Mosaike, die er aus Steinsplittern in seiner Freizeit anfertigte, stimmten die Sowjet-Führer nicht um.

Detailliert schildert der Roman nicht nur die zunehmende nervliche Zerrüttung seines Protagonisten in der Lagerhaft, sondern auch die Mechanismen des stalinistischen Repressionsapparats, denen allein während des Großen Terrors der Jahre 1937/38 mehr als 750 000 Menschen zum Opfer fielen. Dabei tariert Rolin das Distanzverhältnis zu seinem Protagonisten als Individuum und als einem Repräsentanten der Weltgeschichte gekonnt aus und verknüpft die verschiedenen Quellen seines Stoffs zu einem faszinierenden Gesamtbild mit dokumentarischem Kern.

Neben Wangenheims Briefen an seine Frau und seine Tochter stützt Rolin seine Recherche auf die Erkenntnisse von Lokalhistorikern der Solowezki-Inseln und die Forschungen des Geschichtsvereins „Memorial“, der übrigens im Russland Putins derzeit mehr und mehr unter Druck gerät. Mit Memorial-Mitarbeitern spürt er in einem Wald unweit der Festlandküste das Massengrab auf, in dem Alexej Wangenheim 1937 endete. Der Schilderung des Recherche-Prozesses widmet Rolin ein ganzes Kapitel seines vierteiligen Buches und fügt so dem Roman die Geschichte seiner Entstehung hinzu. Aus einer Fülle von Details, die, gerade weil sie nüchtern-faktisch berichtet werden, ihren Schrecken entfalten, wird deutlich, wie der Traum der Sowjets vom „neuen Menschen“ zum Albtraum wurde.

Bis zu ihrem Tod erfuhren weder seine Witwe noch seine Tochter Genaues über das Schicksal Wangenheims, der erst 1956 unter Nikita Chruschtschow offiziell rehabilitiert wurde. Erst Olivier Rolins aus der Recherche hervorgegangener Roman macht diese exemplarische Geschichte über den Untergang eines Naturwissenschaftlers in der Verdachts- und Denunziationsmaschinerie der Sowjetunion nun einer größeren Öffentlichkeit auch im Westen bekannt.

Zwischen den Inseln

Nach der Flucht vor der Duvalier-Diktatur erzählt der haitianische Autor Anthony Phelps von seiner späten Rückkehr in die fremde Heimat

Süddeutsche Zeitung, 7. Mai 2015

 

Bevor der haitianische Diktator François Duvalier sich 1964 offiziell zum „Präsidenten auf Lebenszeit“ erklären ließ, hatte er seinen Weg zur Macht durch den größten Wahlbetrug in der Geschichte Lateinamerikas und tausende politische Auftragsmorde geebnet. Duvaliers paranoider Feldzug gegen jegliche Opposition, auf dem er „kommunistische Aktivitäten, egal welcher Form“ als Verbrechen gegen die Staatssicherheit erklärte und mit der Todesstrafe ahnden ließ, hatte gerade die Bildungselite des Landes in Angst und Schrecken versetzt. Haitis florierende Kunst- und Literaturszene stand damals vor der Wahl, entweder mit einem Mann zu paktieren, der sich wahlweise mit Jesus oder dem Voodoo-Todesgeist Baron Samedi verglich, oder schnellstmöglich das Land zu verlassen.

Ein Zentrum des intellektuellen Widerstands gegen Duvalier und seine Mordkommandos war ab 1961 die Literatengruppe „Haiti Littéraire“. Ihr Mitbegründer Anthony Phelps, Sprössling der gebildeten haitianischen Mulatten-Oberschicht, floh nach einem Aufenthalt in den Folterkellern Duvaliers 1964 wie viele seiner Mitstreiter ins französischsprachige Quebec in Kanada. Der Journalist, Bildhauer, Poet und Romanautor wurde dort spätestens mit seiner lyrischen Liebeserklärung an die Heimat „Mon pays que voici“ zu einer der beachtetsten Stimme der haitianischen Exilliteratur. In seinem jetzt auf Deutsch erscheinenden dritten Roman „Der Zwang des Unvollendeten“ beschreibt Phelps seine Rückkehr in die einstige Heimat 1990, vier Jahre nach Ende der Duvalier-Ära.

In Phelps Erzählung kehrt sein Alter Ego Simon Nodier auf Bitten seiner Tante Alice auf die Insel zurück, um den Nachlass ihres verstorbenen Mannes zu ordnen. Der tiefe Riss zwischen Unterstützern und Gegnern der Diktatur, der nicht nur die haitianische Gesellschaft, sondern auch Simons Familie entzweit, soll endlich gekittet werden. Simons Schwester Véronique hatte nach seiner Flucht einen reichen Regimetreuen geheiratet und lebt weiterhin von den Pfründen der Diktatur. Simons wage Erinnerung an seine privilegierte Jugend,  an die ersten gewaltsamen politischen Umbrüche und die konspirativen Treffen von „Haiti Littéraire“ beschreibt Phelps in seinem Roman atmosphärisch dicht und literarisch komplex.

Der „Zwang des Unvollendeten“ handelt von der Unfähigkeit, die Vergangenheit loszulassen. Phelps literarischer Wiedergänger Simon, der Bildhauer und „Schriftsteller im Ruhestand“, will nach seiner Rückkehr in die Heimat endlich den Roman schreiben, in dem er mit seiner Vergangenheit aufräumt. An der Seite exemplarischer Figuren durchstreift Simon seine frühere Heimat auf der Suche nach den Überresten seiner Erinnerung. Was er findet, ist eine durch dreißig Jahre Diktatur und Gewalt zerrüttete, äußerst widersprüchliche Gesellschaft. Während die einstigen Seilschaften der Duvalier-Diktatur auch nach dessen Sturz die Fäden der Macht und des Geldes in den Händen halten, knüpfen allein die heimgekehrten Exilanten eine wage Zukunftshoffnung an den Armenpriester und zukünftigen haitianischen Präsidenten Bertrand Aristide. Das Figurenarsenal von ausländischen Journalisten, hoffnungsvollen Exil-Rückkehrern, desillusionierten haitianischen Bildungsbürgern und obskuren Voodoo-Beschwörern inszeniert Phelps wie eine Spiegelung seiner eigenen Geschichte zwischen Diktatur, Opposition, Flucht und Rückkehr. Sein Held Simon fühlt sich dabei in dem „Psychodrama, das im ganzen Land gespielt wurde“, zwischen „Lärmkult“,  „aggressiver Sprache“, und den Lynchmorden an den früheren Duvalier-Schergen mit einem brennenden Autoreifen um den Hals wie ein Fremder in der eigenen Heimat.

Und doch gibt es sie noch, die Überreste von Simons glücklicher Jugend und der Erinnerung an den Duft der Freiheit und des Aufbruchs in den 1960er Jahren. Laue Karibiknächte, in denen man mit einem Glas Barbancourt-Rum in der Hand auf der Pergola alter Kolonialhäuser über das subversive Potential von Theater, Lyrik und naiver Malerei diskutierte, eine befreite, gleichberechtigte Erotik lebte und den Voodoo-Kult vor allem als spirituellen Weg zur Lösung emotionaler Konflikte oder Streitigkeiten mit dem Nachbarn verstand. Oder war es doch anders? Nicht nur Simons Tante Alice hinterfragt seine Erinnerungen, denen er in seinem Roman im Roman nachspürt. Auch Phelps Erzählerstimme wendet sich immer wieder direkt an Simon, korrigiert seine lückenhafte Erzählung und erinnert ihn daran, dass das Band zu seiner eigenen Vergangenheit längst gekappt ist.

Das zweigespaltene Verhältnis zu seiner Heimat bildet Phelps literarisch äußerst raffiniert durch ein kunstvolles Spiel mit Perspektiven, Handlungsebenen, Erinnerungsversatzstücken und scheinbar objektiver Gegenwartsbeschreibung ab. Ist die junge Künstlerin Clara, mit der Simon die Insel durchstreift, vielleicht doch nur eine phantasierte Figur aus dessen Romanfragmenten? Oder ist sie die reale Tochter von Mona, Simons Jugendliebe, die er bei seiner Flucht ins Exil zurücklassen musste? Der Voodoo-Künstler, der Clara ihr eigenes Portrait schenkt, ohne sie je zuvor gesehen zu haben, und sie eines Nachts selbst als Gegenleistung für sein Geschenk einfordert – nur ein Hirngespinst aus Simons Gedankenwelt, eine Erinnerung an die Märchen seiner Jugend? Phelps lässt in seinem vielschichtigen Roman vieles in der Schwebe, allem voran die Verlässlichkeit seines Erzählers. Gerade Leser, die mit der jüngeren Geschichte Haitis vertraut sind, finden dabei immer wieder Anspielungen auf reale Personen, sowohl auf unbeugsame Literaten aus dem Kreis von „Haiti littéraire“, die in den Folterkellern der Tontons Macoutes verschwanden, als auch auf machthungrige Politiker und opportunistische Journalisten.

In doppeltem Sinne muss man Phelps bereits 2006 in Frankreich und jetzt vom kleinen und äußerst engagierten Litradukt-Verlag auf Deutsch veröffentlichen Roman als Hommage an die reiche literarische Tradition Haitis lesen. „Der Zwang des Unvollendeten“ ist ein funkelndes Kaleidoskop der verschiedenen Einflüsse der haitianischen Literatur: eine Metaphorik, die sich auf die Lyrik von Baudelaire und Apollinaire beruft, das Perspektivenspiel des französischen nouveau roman der 1960er Jahre, und daneben die ursprünglich mündlich verbreiteten, ebenso märchenhaften wie düsteren Kolportagen, den so genannten „lodyans“, die als Grundstein der haitianischen Literatur gelten. Am Ende bleibt das Roman-Projekt von Phelps literarischem Wiedergänger Simon über seine Vergangenheit unvollendet. Es gehört zu den faszinierenden Widersprüchen dieses Romans, dass Anthony Phelps über die Geschichte eines literarischen Scheiterns seine Heimat als Autor wiederfindet.

 

Die Bar zur einstigen Feindschaft

Am vergangenen Samstag ist Jean-Claude Duvalier, der „Baby Doc“, in Port-au-Prince gestorben: Lyonel Trouillot verließ Haiti in den 1980er-Jahren wegen des Diktators. Jetzt ist sein jüngster Roman „Die schöne Menschenliebe“ auf Deutsch erschienen.

Süddeutsche Zeitung, 7. Oktober 2014

Als der einstige haitianische Diktator Jean-Claude Duvalier wenige Tage nach dem verheerenden Erdbeben 2010 aus dem französische Exil verkündete, er wolle Teile des bei seiner Absetzung 1986 aus der Staatskasse geraubten Vermögens nunmehr „seinem armen Haiti“ spenden, war das für viele Haitianer der älteren Generation wie ein Schlag ins Gesicht.

Duvalier, der 1971 mit nur 19 Jahren als „Baby Doc“ die Erb-Diktatur seines Vaters übernahm und am vergangenen Samstag in Port-au-Prince mit 63 Jahren an einem Herzinfarkt starb, steht bis heute für das hässliche Gesicht der einstigen „Perle der Karibik“: Ein paranoider Anti-Kommunismus, skrupellose Vetternwirtschaft und die blutige Unterdrückung der eigenen Bevölkerung durch die Mörderbanden der „Tonton Macouts“ brachten ihm den Ruf ein, die Personifizierung des haitianischen Übels zu sein.

Nachdem in der Kolonialzeit Raubbau an Mensch und Natur betrieben und die üppigen Tropenwälder restlos gerodet und per Dampfboot nach Europa verschifft worden waren, sorgte der Duvalier-Clan dafür, dass auch der kulturelle Reichtum Haitis dezimiert wurde. Ein Großteil der Schriftsteller, Künstler und Intellektuellen, die gegen das traditionelle Oligarchen-System opponierten, floh vor den Schergen des Duvalier-Clans ins Exil.

Der Literaturprofessor, Journalist und Schriftsteller Lyonel Trouillot war einer von zahlreichen haitianischen Autoren, die in den 1980er-Jahren die Insel verlassen mussten. Seit Jahren sorgt Trouillot mit seinen Romanen und Essays dafür, dass Haiti auch dann nicht ganz in Vergessenheit gerät, wenn kein Erdbeben, keine Epidemie und kein gewalttätiger Putsch das Land in die Schlagzeilen bringt.

Trouillots jüngstes Werk „Die schöne Menschenliebe“ erschien in Frankreich bereits kurz nach dem verheerenden Erdbeben von 2010. „Das Buch handelt nicht vom Erdbeben, es geht mir um die Überlebenswahrscheinlichkeit Haitis und des Vertrauens der Haitianer“, sagte Trouillot kürzlich bei einem Besuch in Berlin lakonisch, während er in einem Café die sechste Zigarette in Folge rauchte. „Hoffnungslosigkeit ist eine höher stehende Form der Kritik“ – das Zitat stammt von seinem Lieblingschansonnier, dem französischen Anarchisten Léo Ferré. Haiti lebe in einem anderen historischen Zeitalter als die entwickelten Industrienationen, und die eigentliche Frage, die er durch seinen Roman stellen wolle, sei die, ob man mit den Mitteln der Sprache zwischen beiden vermitteln könne, ob man den politisch-wirtschaftliche Oligarchien, dem ausuferndem Individualismus und dem drohenden Sinnverlust postmoderner Gesellschaften etwas entgegensetzen könne: „Für die letzte Hoffnung braucht es Hoffnungslosigkeit.“

Der Roman erzählt von Anaïse, einer jungen Frau aus einem ungenannten westlichen Land, die sich im Fischerdorf Anse-à-Fôleur im Norden Haitis auf die Spuren ihres Großvaters begibt, der dort unter mysteriösen Umständen verschwunden ist. Der Straßenphilosoph Justin hatte im abgelegenen Küstendorf einen „Kodex neuer Gesetze im Dienste des Glücks“ durchgesetzt, um „der Arroganz derer etwas entgegenzusetzen, die behaupten, unter allen Umständen den Unterschied zwischen Handeln und Denken, Traum und Wirklichkeit, Lüge und Wahrheit bestimmen zu können“. Hier gilt der „freundschaftliche Rat, bei allem die Vorder- und die Rückseite zu sehen“ und die „Dinge ihrem Geheimnis zu überlassen“.

Auch die Wahrheit über den Tod von Anaïses Großvater, dem erfolgreichen Geschäftsmann Robert Montès, und seinem Freund, dem Oberst a.D. Pierre André Pierre, unterliegt den geheimnisvollen Regeln des Dorfes. Ein nächtlicher Brand hat ihre Luxus-Domizile in Schutt und Asche gelegt. Der Ermittler, der aus der Hauptstadt geschickt wurde, damit sein Minister schnell einen Schuldigen präsentieren kann, hat kurz nach seiner Ankunft den Dienst quittiert und betreibt, anstatt nach der „Wahrheit“ zu suchen, eine Bar, in der die Gäste auf ihre einstigen Feindschaften trinken. Trouillot entwirft angesichts des realen Unheils in seiner Heimat kontrafaktische Versöhnungsphantasien und märchenhafte Glücksbilder, ohne dass sein Roman, der in Frankreich für den Prix Goncourt nominiert wurde, je zu einer verklärenden Heilsvision gerät. Er bleibt ein eindringliches Gespräch der haitianischen Seele mit sich selbst.

Jede Figur in diesem Roman entpuppt sich als literarische Metapher für Haitis Leidenschronik. Thomas, der Touristenführer, der Anaïse vom Flughafen ins Dorf chauffiert, ist der unbeteiligte Beobachter des Geschehens. Er begnügt sich damit, Besucher über die geschundene Insel zu führen und sich insgeheim für seine Gleichgültigkeit zu schämen. Sein Onkel, der erblindende Maler des Dorfes, arbeitet an seinem letzten Gemälde über die schöne Menschenliebe und liefert so die ästhetische Grundierung des Paradieses. Die junge Anaïse, die unwissende Insel-Besucherin, erkennt schon bald, dass sie mit ihrer westlichen Logik die Wahrheit über den Tod ihres Großvaters nicht aufdecken wird. Im Gemälde über die Menschenliebe waren er und sein Freund, der Oberst, „überflüssige Farbkleckse“.

„Die beiden stehen für die zwei Oligarchien, die Haiti seit 200 Jahren fest im Griff haben“, erklärt Lyonel Trouillot . „Die schwarze Oligarchie des Militärs, die mit totalitärem Machtgebaren ausschließlich den eigenen Vorteil sucht. Und die politische und wirtschaftliche Oligarchie der Mulatten, die sich seit der Unabhängigkeit abschirmt, in krasser Missachtung der haitianischen Kultur und Gesellschaft.“ Die Umstände ihres Todes, ob es ein Racheakt der Dorfgemeinschaft oder ein inszenierter Tod zur Vertuschung der eigenen Verbrechen war, bleiben ungewiss. „Ihr Tod ist gleichgültig“, meint Trouillot, „denn ihnen waren die Menschen gleichgültig. Was allein zählt, ist ihr Verschwinden.“

„Die schöne Menschenliebe“ ist aber mehr als nur eine Abrechnung Trouillots mit denjenigen unter seinen Landsleuten, die seit Jahrhunderten die Geschicke der ältesten postkolonialen Republik der Welt bestimmen. Auch die selbsternannten Katastrophenhelfer, Botschafter und UN-Vertreter, die – so der derzeit oft gehörte Vorwurf – mit ihren Einsätzen im Krisengebiet eher selbst Geld verdienen, als dass sie der darbenden haitianischen Gesellschaft helfen würden, finden in Trouillots Sitten- und Gesellschaftsportrait ihren Platz.

Den Touristenführer Thomas lässt er in einem ebenso lyrischen wie ironischen Ton über eine amerikanische Kleinfamilie berichten, die ihren preiswerten Karibik-Urlaub in spektakulärer Katastrophen-Kulisse verbringt. In wenigen scharfen Absätzen diagnostiziert Trouillot die Symptome einer neurotischen Wohlstandsgesellschaft, die mit Blick auf das Leid der anderen den eigenen Weltschmerz betäubt.

Für eine gewisse Form der moralischen Armut, sagt Trouillot, fehle ihm angesichts der hungernden Straßenkinder Haitis die Empathie. Am Ende dieser schonungslosen, aber nie maliziösen Geschichte liefert er dennoch die Antwort auf die Frage nach der Möglichkeit, mit Mitteln der Sprache die Entdeckung der gemeinsamen Menschlichkeit zu befördern: Zuhören und Schweigen. Wir hören die Stimmen von Trouillots Figuren nur als Monologe, wobei zu hoffen bleibt, dass das Gegenüber ein wachsamer Zuhörer ist. Als der Touristenführer Thomas während einer nächtlichen Autofahrt der Besucherin Anaïse vom geheimnisvollen Glücks-Kodex im Fischerdorf der Menschenliebe erzählt, ist sie für einen kurzen Moment eingenickt.

20 Jahre nach dem Genozid – ein Besuch bei Kulturschaffenden in Ruanda

Zwanzig Jahre nach dem Völkermord scheint Ruanda es geschafft zu haben. Doch trotz der glitzernden Wolkenkratzer in Kigali, der gepflegte Straßen und Parks, gärt der alte Konflikt – ein Zwiespalt, den die junge Kunst- und Kulturszene aufgreift.

Deutschlandradio Kultur, 15. September 2014

Deutschlandradio Kultur, Weltzeit, 15.9.2014

 

Ok, gut. Lass uns eine Tour über das Gelände machen! Am besten wir fangen oben an, da hängt mehr Kunst …

Jean Bosco Bakunzi ist ein freundlicher junger Mann, untersetzt und rundlich, mit einem charmanten Lächeln. Wer zu ihm gelangen will, muss sich erst einmal in den namenlosen und verwinkelten Straßen von Kimihurura, im Norden von Ruandas Hauptstadt Kigali zurechtfinden. Nur wenige hundert Meter unterhalb des Präsidentenpalastes verrät dann ein buntes Metalltor in einer von Gemälden übersäten Steinmauer, dass das Ziel erreicht ist.

Wir sind hier seit vier Jahren, seit März 2010. Unser Ziel war es, Ruandas Kunst nach vorne zu bringen. Das wäre nur zwei Jahre früher undenkbar gewesen! Es war schwer, Leute zu finden, die sich künstlerisch ausdrücken wollten.

In den letzten Jahren konnte man allerdings zugucken, wie sich die Kunst in Kigali ihren Platz erobert.

Das hier ist unser Ausstellungsraum. Gerade stellen wir hier elf Künstler aus. Morgen kommen zum ersten Mal auch Frauen dazu, mit denen wir einen Workshop machen.

Mittlerweile gehören Jean Bosco und seine Mitstreiter zu den wenigen Künstlern in Ruandas Hauptstadt, die mehr oder minder von ihrer Arbeit leben können.

Die Kunst entwickelt sich gerade erst in Ruanda. Wenn ich auf die Zeit vor und direkt nach dem Genozid zurückblicke, würde ich sagen: Jetzt ist der Augenblick gekommen, in dem die Menschen hier wieder an Kunst glauben. Früher gab es vielleicht einen einzigen Treffpunkt für Künstler. Heute sind es schon fünf! Das ist eine gute Sache. Denn Kunst kann die Menschen heilen. Kunst verbirgt etwas Geheimnisvolles. Die Leute entdecken dahinter Liebe und Schönheit.

Auf einem der zahllosen Motorradtaxis, die in halsbrecherischer Geschwindigkeit über die Hügel der Hauptstadt Ruandas rasen, geht es weiter zu einem der jungen Maler, die sich an der künstlerischen Aufarbeitung der Vergangenheit abarbeiten. Vor 20 Jahren hinterließ der Völkermord an den Tutsis nicht nur hunderttausende tote Ruander, sondern auch eine Nation in emotionaler Schockstarre.

Hi, you’re welcome! Let’s take that way …

Patrick Ruganintwali lebt in einem Haus mit Blick auf Kigalis Zentrum. Seine Mutter lebt nicht mehr, fünf weitere Geschwister sind bereits außer Haus. Den Völkermord vor 20 Jahren hat Patrick miterlebt. Sprechen möchte er darüber nicht.

Durch die dunklen Gänge des einfachen Lehmziegelbaus dringt er vor bis zu einem winzigen Raum. Patricks Atelier – es quillt über von Leinwänden, Pinseln, Farbtuben, diversen Malutensilien und Materialen.

Hier ist eines meiner neuen Werke …

Etwas verlegen zeigt er eine naturalistische Tierszene.

Malen, das ist mein Beruf, auch wenn das nicht einfach ist. Das ist wie eine Droge für mich. Ich male nicht für Geld, sondern aus Leidenschaft. Und selbst wenn ich einen Tages mein Geld woanders verdiene, werde ich nie mit der Kunst aufhören.

Der ausgebildete Tourismusmanager hat bisher nie in seinem Beruf gearbeitet. Aus einer Ecke seines Ateliers kramt er dunkle Figuren hervor, die zweigespaltene kleine Masken von Frauengesichtern tragen.

Wenn du einmal bis zum Grund des Abgrunds gekommen bist, bis dorthin, wo es tiefer nicht mehr geht, dann muss es wieder aufwärts gehen. Davon handeln meine zerbrochenen Gesichter. Da ist Düsteres, aber im Hintergrund sieht man ein Licht.

Auf dem Atelierboden verteilt: hunderte geschnitzte kleine Holzgesichter, keines gleicht dem anderen. Geheimnisvolle Frauenmasken, die mit Patricks Vergangenheit zu tun haben, mit dem Tod seiner Mutter. Seine Kunst, meint er, sei wie eine Therapie für ihn, aber auch für sein Land.

Ja, Kunst spielt eine Rolle. Auch wenn manche Leute noch nicht wissen, was Kunst ist. Aber wir sind dabei zu begreifen, dass Kunst nicht nur dafür da ist, Wohnraum zu dekorieren. Man muss auch die Botschaft dahinter verstehen.

Ambitionierte Künstler wie Patrick haben es schwer in Ruanda. Für seine Malutensilien muss er ins Nachbarland Uganda reisen, nur seine Leinwände und billige Farbpigmente aus China bekommt er auf dem Markt in Kigali. Künstler müssen in Ruanda improvisieren, mit Behelfsmitteln auskommen, Geduld und Leidenschaft haben.

Sophie Nzayisenga gilt als nationale Koryphäe des Inanga-Spiels. Das Instrument besteht aus einem gewölbtem Holz, über das sechs Saiten gespannt sind. Seit Jahrhunderten werden zu seinem Klang Gedichte und Geschichten aus Ruanda rezitiert. Nzayisenga ist die einzige Frau des Landes, die sich in dieser musikalischen Männer-Domäne großes Ansehen erspielt hat.

Dabei können junge Musiker, die ruandische Musik-Traditionen wiederbeleben wollen, kaum von ihrer Kunst leben. Ihre stärkste Konkurrenz ist der US-amerikanische Gangster-Rapp. Aufnahmestudios sind Mangelware in Kigali und zudem äußerst schlecht ausgerüstet. Wenn es doch mal ein traditioneller Song ins Radio schafft, sieht der Musiker von seinen Tantiemen oft genug gar nichts.

Die Besonderheiten der ruandischen Musik liegen in der Melodieführung und im Rhythmus. Wir haben nicht nur 4er und 6er Rhythmen, sondern auch 3er, 5er und 7er. Das kann ganz schön komplex sein. Ich gebe mal ein Beispiel: Voilà, das ist ein Rhythmus, den ich komponiert habe.

Ben Ngabo erklärt die Feinheiten der traditionellen Musik. Vor vier Monaten hat in Nyundo im Westen Ruandas die erste “School of Arts and Music” eröffnet. Der Mitvierziger Ngabo leitet die Klasse für traditionellen Gesang und Instrumente.

Früher wurde diese Musik im Königspalast gespielt, erzählt er. Bereits in der belgischen Kolonialzeit wurde die traditionelle Kultur dann in den Hintergrund gedrängt. Heute, 20 Jahre nach Ruandas Stunde null, besinnen sich immer mehr junge Musiker ihrer Wurzeln.

Wir haben festgestellt, dass das in unserer Gesellschaft fehlt. Die Kultur ist ein Pfeiler des sozialen Zusammenhalts. Musik und Kultur sind eine Art Zement, der die Menschen zusammenhält. Das hat auch die Regierung verstanden und beginnt jetzt uns zu unterstützen.

Auf dem Festival Kigali UP, das in diesem Jahr zum vierten Mal stattfindet, geht es auch um neue Strömungen – Mischungen aus klassischen Rhythmen und Gesang, mit Rhythm’n Blues, Gospel, Rap und Folk-Musik aus den Vereinigten Staaten. Junge Leute würden Musik oft genug nur auf Youtube kennenlernen, meint Ben Ngabo. Da habe es die traditionelle ruandische Kultur schwer.

Der emotionale Schock über den Genozid in einem Land, in dessen Sprache Kinyarwanda Begriffe wie “Ethnie” oder “Rasse” nicht einmal existieren, sitzt tief. Erst die belgischen Kolonialherren hatten die soziale Abgrenzung zwischen den Bevölkerungsgruppen als ethnische Kategorie eingeführt und damit den Boden für den blutigen Ausbruch des schwelenden Konflikts bereitet.

Über das Radio wurde Propaganda gegen die Tutsis verbreitet. Damals war sich niemand bewusst, was passierte und wieso. Damit sich so etwas nie wiederholen kann, müssen wir die Menschen dazu bringen, selbstständig zu denken. Lesekultur und Bildung sind sehr wichtig, um eine Gesellschaft eigenständiger Individuen zu entwickeln.

Vor dem modernen Glasbau, der vor eineinhalb Jahren direkt gegenüber der US-Botschaft eröffnet wurde, ist der Stolz der Benutzer auf ihre Bibliothek zu spüren – Studenten, Wissenschaftler, Schüler.

Die Bücher, die wir nicht in der Schule bekommen, lese ich hier. Ich hab es weit bis nach Hause, aber der Weg lohnt sich. Hier kann ich kostenlos lesen. Für Ausleihen und Computernutzung wird dagegen eine Gebühr erhoben.

Ich bin im Prinzip jeden Tag hier – von acht Uhr Morgens bis vier Uhr Nachmittags. Ich arbeite an einer Studie über Hotel-Reservierungs-Systeme. Die schnelle Internetverbindung hilft mir dabei natürlich. So kann ich meine Arbeit besser machen.
50.000 Bücher stehen im Magazin, Literatur und wissenschaftliche Werke, aber auch Comics. Außerdem gibt es E-Books im Netzwerk mit anderen Bibliotheken. Die Public Library ist ein Symbol für Ruandas äußert ehrgeiziges – und erfolgreiches – Aufbauprogramm, das dem Land nicht nur Glasfaserkabel für Highspeed-Internet, eine enorm wachsende Bauwirtschaft sondern auch Afrikas niedrigste Arbeitslosenrate beschert. Nur langsam unterstützt die Regierung auch die Kultur als einen wichtigen Baustein zur Zukunft des Landes.

Eric Kabera ist einer der ersten, der nach dem Völkermord die Bedeutung der kulturellen Selbstfindung für die Zukunft des Landes erkannt hat. Der ehemalige Fernsehkorrespondent gründete damals im Hinterhof seines Wohnhauses das erste ruandische Filmfestival. Was als Kleinst-Event begann, ist im zehnten Jahr zum wichtigsten Treffpunkt der aufstrebenden Filmbranche des Landes geworden.

Es geht nicht nur um Wirtschaftswachstum mit Hochhäusern und anderen schönen Dingen. Wir wollen der Welt zeigen, dass wir eine lebendige Kultur haben, ungeachtet unserer tragischen Vergangenheit. Filme können eine therapeutische Wirkung haben, denn sie bringen Menschen dazu, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen.

Im Café des 2011 erbauten “Kwetu Film Institute” sind Kaberas Verdienste um das neue Kino in Ruanda mit den Händen zu greifen.

Nur wenige Kilometer vom Filminstitut entfernt liegt die zentrale Gedenkstätte für die Opfer des Völkermords. Das jährliche Filmfestival zeigt hier aktuelle Produktionen junger ruandischer Filmemacher. Der 22-jährige Samuel Karemangingo erzählt in seinem halbstündigen Film “Crossing Lines” vom Leiden der Überlebenden, derjenigen, die ihre Angehörigen verloren haben, aber auch derjenigen, die heute mit der Erinnerung an ihre eigenen Gräueltaten leben.

Ich bin ein Überlebender des Genozids. In meiner Familie sitzt der Schock über die Vergangenheit sehr tief, aber die Erinnerung daran wird nicht wirklich zugelassen. Das berührt mich sehr, denn es ist Teil der Gesellschaft, in der ich lebe. Das ist das Thema, das mich in meinen Filmen interessiert. Denn auch wenn die schreckliche Vergangenheit 20 Jahre zurückliegt, ist sie so präsent, als sei sie gestern gewesen.

Seinen Job als Journalist hat Samuel hingeworfen. Er will versuchen, mit seinen Filmen seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Der ruandische Film-Markt ist bisher wenig entwickelt. Die etwa 30 Filmproduktionen setzen auf einfache Telenovelas, Herz-Schmerz-Filme und Komödien. Ein Fernsehprogramm ist noch im Aufbau.

Rwamagana, eine Kleinstadt in der Ost-Provinz, etwa eine Stunde von Kigali entfernt. Das Rwanda Film Festival präsentiert sich nicht nur in der Hauptstadt, sondern auch auf dem Lande, dort wo viele Menschen noch ohne Strom und in großer Armut leben.

Als das Festivalteam auf dem örtlichen Fußballplatz eine zehn Meter hohe aufblasbare Kinoleinwand installiert, ist das Gedränge groß. Bis spät in die Nacht verfolgen die Menschen gebannt einfache Filme über das Alltagsleben oder Romanzen über totgeglaubte Kämpfer des Bürgerkriegs, die in ihr Heimatdorf zurückkehren.

An die Vergangenheit denkt hier sowieso jeder. Geschichten über uns und unsere Gegenwart, Filme über unsere Kinder sind einfacher für uns, damit verbinden wir mehr Gefühl.

Kann Kunst das Trauma heilen? 

Maler, Musiker und Filmemacher suchen nach der Identität Ruandas

Süddeutsche Zeitung, 17. September 2014


Um Jean Bosco Bakunzi zu treffen, muss man sich in den namenlosen verwinkelten Straßen Kimihururas im Norden von Ruandas Hauptstadt Kigali zurechtfinden. Wenige hundert Meter unterhalb des militärisch abgeschirmten Präsidentenpalastes verrät nur ein Metalltor in einer von bunten Gemälden übersäten Mauer, dass man angekommen ist. Bakunzi, ein junger Mann mit charmantem Lächeln und gemütlichen Rundungen, gründete auf dem verlassenen Grundstück am Steilhang vor vier Jahren das „Uburanga Arts Studio“. Früher dienten die drei Ausstellungsgebäude und der weitläufige Garten womöglich einmal als Landwirtschaftsbetrieb – so genau will das zwanzig Jahre nach Ruandas Stunde Null niemand mehr wissen.

„Wenn ich auf die Zeit vor und direkt nach dem Genozid zurückblicke, würde ich sagen: Genau jetzt ist der Augenblick gekommen, in dem die Ruander wieder beginnen, an die Kraft von Kunst zu glauben. Kunst kann Menschen heilen. Die Leute entdecken dahinter Liebe und Schönheit.“ Wie viele aus seiner Generation musste Bakunzi als Kind mit ansehen, wie seine Familie den Lynch-Kommandos der extremistischen Hutu-Milizen zum Opfer fiel. Der emotionale Schock über den Genozid in einem Land, in dessen Sprache Kinyarwanda Begriffe wie „Ethnie“ oder „Rasse“ nicht einmal existieren, sitzt tief.

Das Uburanga Arts Studio, eines von fünf Künstlerkollektiven der Hauptstadt, gilt als wichtige Repräsentanz der ruandischen Kunstszene. Bildenden Künstlern mangelt es immer noch an öffentlichen Ausstellungsräumen und staatlicher Unterstützung – vor allem an kaufkräftigem Publikum. Bakunzi und seine zehn Malerkollegen gehören zu den wenigen, die von ihrer Arbeit leben können. Vor allem Ex-Pats, Mitarbeiter von NGOs und ausländischen Regierungen besuchen die Ausstellungen und kaufen Bilder, im Schnitt für umgerechnet 50 US-Dollar. Gemälde irgendwo zwischen Folklore und Pop-Art mit Kitsch-Faktor kommen sehr gut an.

Auf einem Motorradtaxi gelangt man ein paar Kilometer weiter den Berg hinauf zu Patrick Ruganintwali. Unter Kennern gilt der gelernte Tourismusmanager als einer der interessantesten Maler seiner Generation. Als Atelier dient dem 30jährigen ein kleiner, schwach erhellter Raum in einem einfachen Lehmziegelbau, den er mit seinem Vater und einem seiner fünf Brüder bewohnt. Neben Landschaftsmotiven malt Ruganintwali geheimnisvolle Porträts, auf denen er dunkle Holzmasken mit zweigespaltenen Gesichtern anbringt, im Hintergrund strahlt helles Licht. „Wenn du einmal am Grunde des Abgrunds angekommen bist, dort, wo es nicht mehr tiefer geht, dann muss es wieder aufwärts gehen. Darum geht es bei meinen zerbrochenen Gesichtern.“ Seine Kunst sei wie eine Therapie – für ihn, aber auch für sein Land. Ausstellungen haben ihn schon nach Deutschland und Frankreich geführt, in Ruanda dagegen hat es hintergründige Malerei oft schwer, so Ruganintwali lakonisch. „Wir sind erst dabei zu verstehen, dass Kunst nicht nur dafür da ist, um Wohnraum zu dekorieren.“

Vor nicht einmal 100 Jahren spielten bildende Kunst, Gesang, Tanz und Poesie eine wichtige Rolle im ruandischen Königreich. Bereits unter den belgischen Kolonialherren wurden diese Jahrhunderte alten Traditionen in den Hintergrund gedrängt, und spätestens seit dem furchtbaren Bürgerkrieg 1994 lag die Kulturproduktion gänzlich brach. Die Regierung unter Paul Kagamé hat zwar seitdem beeindruckende wirtschaftliche Erfolge erzielt. Schicke Hotels, Shopping-Mals und Bürotürme aus Beton und Glas schießen aus dem Boden, Glasfaserkabel, schnelles Internet und ein leistungsfähiges Mobilfunknetz gehören zum Alltag. Ein Budget für Kulturpolitik oder die Unterstützung der künstlerischen Aufarbeitung war im Aufbauprogramm bisher jedoch nicht vorgesehen.

Die vor kurzem gegründete Rwanda School of Arts and Music in der Nord-Provinz scheint für die Anerkennung der Kreativen und ihrer Bedeutung für den gesellschaftlichen Wiederaufbau erstmals neue Zeichen zu setzen. Ben Ngabo, gut gelaunt, Mitte vierzig, in Shorts und Baseball-Shirt, ist Leiter des Seminars für traditionelle Musik. Seine 30 Studenten treten 2014 erstmals beim beliebten Musikfestival KigaliUP auf, das seit vier Jahren von engagierten Exil-Ruandern organisiert wird. Neben dem Musikprogramm mit Künstlern aus der Region werden Workshops mit Soul- und HipHop-Künstlern aus den Vereinigten Staaten angeboten, in Jam-Sessions mischt sich traditioneller Gospel aus Ruanda mit R’n’B und Blues-Musik.

An Talent und künstlerischer Leidenschaft fehlt es den Musikern nicht, allerdings sind sogar in der sonst florierenden Hauptstadt Profi-Aufnahmestudios Mangelware. „Wenn es doch mal ein ruandischer Song ins Radio schafft, sieht der Musiker von seinen Tantiemen gar nichts. So etwas wie Autorenrechte gibt es hier nicht“, erklärt Ngabo. „Unsere Kultur ist ein Pfeiler des sozialen Zusammenhalts. Für uns ist das das Wichtigste. Denn es geht um unsere Identität. Das ist es, was wir sind.“

Eric Kabera ist einer der ersten, der die Bedeutung kultureller Selbstfindung für die Zukunft des Landes erkannt hat. Vor zehn Jahren rief der ehemalige Taxifahrer und Fernsehkorrespondent im Hinterhof seines Wohnhauses „Hillywood“ ins Leben, das erste Filmfestival Ruandas. Was als Kleinst-Event begann, ist heute zum wichtigsten Treffpunkt der aufstrebenden Filmbranche geworden. Das Programm wird nicht nur im einzigen Kino der Hauptstadt gezeigt, sondern auf riesigen aufblasbaren Leinwänden auch in der Provinz: einfache Filme über das Alltagsleben oder Romanzen über totgeglaubte Kämpfer des Bürgerkriegs, die in ihr Heimatdorf zurückkehren, sorgen hier für Freudentumulte. „Es geht nicht nur um Wirtschaftswachstum mit Hochhäusern und anderen schönen Dingen“, meint Kabera. „Filme können eine therapeutische Wirkung haben, denn sie bringen Menschen dazu, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen.“

Bereits 2002 gründete Kabera unter anderem mit Unterstützung durch seinen Freund Volker Schlöndorff das Rwanda Cinema Center, Keimzelle der jungen ruandischen Filmszene. Auch der 22jährige Samuel Karemangingo hat in den Workshops des Cinema Center erste Erfahrungen mit der Kamera gesammelt und seitdem den Job als Journalist an den Nagel gehängt. In seinem Film „Crossing Lines“ erzählt er vom Leiden der Überlebenden – derjenigen, die ihre Angehörigen verloren haben, aber auch derjenigen, die heute mit der Erinnerung an die eigenen Gräueltaten weiterleben. Das Festival zeigte sein Psychodrama 2014 auf dem Gelände der zentralen Gedenkstätte des Völkermords. Als 1994 die Hutus Jagd auf die Tutsis machten, war Karemangingo zwei Jahre alt. „In meiner Familie wird die Erinnerung daran nicht offen zugelassen. Auch wenn die Vergangenheit 20 Jahre zurückliegt, ist sie so präsent, als sei es gestern gewesen.“

Autorenfilme aus ruandischer Produktion haben es noch oft schwer mit Investoren und einem breiten Publikum. Die etwa 30 Produktionsfirmen des Landes setzen auf Telenovelas, Herz-Schmerz und Komödien, die von fliegenden DVD-Händlern verkauft werden. So erntete Kivu Ruhorahoza, der bedeutendste junge Filmautor, mit dem beklemmenden Psychogramm „Grey Matter“ über die seelischen Narben seines Volkes auf Festivals in New York, Warschau oder Mailand weit mehr Anerkennung als in der Heimat.

„Wenn wir fröhlich sind, kann sich die furchtbare Vergangenheit nicht wiederholen. Ich möchte die Menschen zum Lachen bringen“, erklärt die Schauspielerin und Produzentin Fiona Mukundente. Die Präsidentin der Vereinigung ruandischer Filmemacher begann 2007 als erste ruandische Frau überhaupt, Komödien über die neuen Geschlechterrollen oder über die Probleme junger Regisseure bei der Investorensuche zu drehen. Für die Aufarbeitung des Völkermords sei das Trauma noch zu präsent: „Ich habe diese Bilder im Kopf. Bei den Gedenkfeiern versuche ich, so wenig wie möglich davon mitzubekommen. Ich weiß, dass es passiert ist, aber ich muss mich selbst vor diesen Bildern schützen.“

Die unversöhnte Leinwand

“Hillywood” – Ein Besuch auf dem 10. Filmfestival von Ruanda

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.07.2014


Aus dem undurchdringlichen Verkehr auf Kigalis Haupteinkaufsstraße mit ihren unzähligen kleinen Geschäften, in denen Händler alles von Kunsthaar bis Baumaschinen anbieten, erhebt sich ein gigantischer Turm aus Glas und Beton. Im „Kigali City Tower“ findet Ruandas neue Upperclass neben Modeboutiquen, einer weitläufigen Shopping-Mall und schicken Cafés das Multiplex Cinema Center, das einzige Kino im ganzen Land. In vier klimatisierten Sälen mit modernster Kinotechnik stehen Hollywood-Produktionen und Unterhaltungsfilme auf dem Programm.

Zwei Jahrzehnte nach dem Bürgerkrieg hat Ruanda unter Präsident Paul Kagame enorme Fortschritte im wirtschaftlichen und infrastrukturellen Wiederaufbau vorzuweisen. Der Zwergstaat, der nicht nur wegen seiner Berglandschaften einst als die „Schweiz Ostafrikas“ galt, gehört heute zu den sichersten und florierendsten Ländern des Kontinents. Jenseits des erstaunlichen Wachstumsprogramms und der staatlich organisierten Versöhnungspolitik schwelt zwanzig Jahre nach dem Krieg die Erinnerung an die blutige Vergangenheit freilich weiter. Junge Künstler, Filmemacher und Musiker suchen nach Wegen, das Trauma des Landes zu bewältigen.

Eine wichtige Rolle auf diesem Kurs spielt „Hillywood“ – so nennt man im „Land der tausend Hügel“ die aufstrebende Filmszene. Eric Kabera war einer der Ersten, die nach dem Völkermord die Bedeutung der kulturellen Selbstfindung für die Zukunft des Landes erkannten. Der ehemalige Taxifahrer, Regieassistent und Fernsehkorrespondent gründete im Hinterhof seines Wohnhauses das Rwanda Film Festival. Was als Kleinst-Event begann, ist im zehnten Jahr zum wichtigsten Treffpunkt der Filmbranche geworden. „Filme können eine therapeutische Wirkung haben, denn sie bringen Menschen dazu, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen“, meint Kabera und schaut ebenso selbstbewusst wie verschmitzt über die Ränder seiner Sonnenbrille.

Im Café des 2011 erbauten „Kwetu Film Institute“ sind Kaberas Verdienste um das Kino in Ruanda mit den Händen zu greifen. Der weltgewandte Mittvierziger zählt heute zu den wenigen ruandischen Regisseuren und Produzenten, deren Namen man auch in Los Angeles und in Cannes kennt. 2002 gründete er unter anderem mit deutscher Entwicklungshilfe und der Unterstützung durch seinen Freund Volker Schlöndorff das Rwanda Cinema Center, die Keimzelle der neuen ruandischen Filmszene. In diesen Tagen läuft hier auch das Rwanda Media Project an, ein zweieinhalbjähriger Filmstudiengang, in dem junge Filmemacher nicht nur das Handwerk, sondern auch Strategien zur Finanzierung und Vermarktung ihrer Filme erlernen.

Auch der 22-jährige Samuel Karemangingo hat in den Workshops des Centers erste Erfahrungen mit der Kamera gesammelt. In seinem halbstündigen Festivalbeitrag „Crossing Lines“ erzählt er vom Leiden der Überlebenden – derjenigen, die ihre Angehörigen verloren haben, aber auch derjenigen, die heute mit der Erinnerung an ihre eigenen Greueltaten weiterleben. Als 1994 die Hutus Jagd auf die Tutsis machten, war Karemangingo zwei Jahre alt. Das Festival zeigt sein Psychodrama, einen von sechs ruandischen Kurzfilmen im Programm, auf dem Gelände der Gedenkstätte für die Opfer des Völkermords. Die filmische Aufarbeitung der Tragödie sieht der Drehbuchautor, Regisseur und technische Leiter Karemangingo zugleich als Chance auf Ruandas Weg in die Zukunft: „Unsere Geschichte wird seit der Kolonisation von den Europäern erzählt, und genau das hat alles zerstört. Wir müssen unsere Kultur wiederentdecken, um unsere Gesellschaft aufzubauen.“

Filme aus ruandischer Produktion haben es derweil noch oft genug schwer, Investoren und ein breites Publikum zu finden. Der jungen heimischen Filmkultur wird sowohl seitens der Regierung als auch in den Medien bisher wenig Bedeutung beigemessen. Die etwa dreißig Filmproduktionsfirmen des Landes setzen auf einfache Telenovelas, Herz-Schmerz und Komödien, die von fliegenden DVD-Händlern verkauft werden. Daneben kursieren illegale Kopien der Hollywood-Produktionen. Ein Fernsehprogramm ist noch im Aufbau, und der Mangel an Regelungen zur Rechteverwertung und Autorenvergütung macht es gerade jungen Filmemachern schwer. So erntete Kivu Ruhorahoza, derzeit der bedeutendste Filmautor des Landes, 2011 mit seinem beklemmenden Psychogramm „Grey Matter“ über die seelischen Narben nach dem Genozid auf Filmfestivals in New York, Warschau oder Mailand weit mehr Anerkennung als in der Heimat.

„Wenn wir fröhlich miteinander sind, kann sich die furchtbare Vergangenheit nicht wiederholen. Ich möchte die Menschen zum Lachen bringen“, meint Fiona Mukundente. Die 32-jährige Schauspielerin und Produzentin begann 2007 als erste ruandische Frau, selbst Filme zu drehen. Ihre Komödien über die neuen Geschlechterrollen oder über die Probleme junger Regisseure bei der Investorensuche wurden mit Auszeichnungen prämiert und haben auch den Weg in den Handel gefunden. Seit kurzem ist die selbstbewusste junge Frau Präsidentin der Vereinigung ruandischer Filmemacher, und für die kommenden Jahre plant sie ein eigenes Festival für Filmemacherinnen aus Ruanda. „Ich habe den Genozid miterlebt, ich habe die Bilder in meinem Kopf.“ Der emotionale Schock über das Morden in einem Land, in dessen Sprache Kinyarwanda Begriffe wie „Ethnie“ oder „Rasse“ nicht einmal existieren, sitzt tief. Erst die belgischen Kolonialherren hatten die soziale Distinktion zwischen den Bevölkerungsgruppen als ethnische Kategorie eingeführt und damit den Boden für den blutigen Ausbruch eines schwelenden sozialen Konflikts bereitet.

Das Rwanda Film Festival setzt auf die behutsame Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, nicht nur in der Hauptstadt, sondern auch in den Provinzen, dort, wo viele Menschen ohne Strom und fließendes Wasser in bescheidensten Verhältnissen leben. Als das Festivalteam in Rwamagana, einer Stadt etwa eine Autostunde von Kigali entfernt, auf dem örtlichen Fußballplatz eine zehn Meter hohe aufblasbare Kinoleinwand installiert, ist das Gedränge groß. Bis lange nach Sonnenuntergang verfolgt das Publikum gebannt Geschichten über das typische ruandische Familienleben oder Romanzen über totgeglaubte Kämpfer des Bürgerkriegs, die in ihr Heimatdorf zurückkehren. Einer der Zuschauer, ein 30-jähriger Student aus Kigali, meint, die Erinnerung an den Genozid sei noch zu schmerzhaft: „An die Vergangenheit denkt hier sowieso jeder. Geschichten über uns und unsere Gegenwart, Filme über unsere Kinder sind einfacher für uns, damit verbinden wir mehr Gefühl.“  

Amsel, Streichquartett – was noch?

25 Jahre nach 1989: Schriftsteller suchen in Berlin nach dem neuen Europa

Süddeutsche Zeitung, 12.5. 2014

Kurz vor dem Fall der Berliner Mauer trafen sich Schriftsteller und Intellektuelle aus Ost und West zu einer Konferenz in Berlin, um den Traum vom Ende der Teilung des Kontinents als politische Forderung zu formulieren. Dass diese Utopie nur wenig später die Berliner Mauer äußerst real unter sich begraben würde, konnte im Mai 1988 keiner vorausahnen. Ebenso wenig war vorhersehbar, dass die friedliche Wiedervereinigung von West- und Osteuropa ein Projekt sein würde, bei dem dieser Traum schneller als gedacht an seine Grenzen stieß.

In der vergangenen Woche organisierten die deutschen Autoren Nicol Ljubi?, Antje Ravi? Strubel, Tilman Spengler und Mely Kiyak in Berlin eine Konferenz, die 25 Jahre nach dem Mauerfall erneut unter dem Motto „Europa. Traum und Wirklichkeit“ stand. Sie hatten wohl selbst nicht damit gerechnet, dass diese Fragen angesichts der Entwicklung an den Außengrenzen des erweiterten Europa sich mit solcher Wucht stellen würden. Während der gewalttätige Konflikt in der Ukraine Europa vor die größte politische Herausforderung seit dem Schumann-Plan stellt, fragten sich 29 Autoren aus 24 Ländern in Berlin, ob die Literatur den in vieler Hinsicht auseinanderdriftenden Kontinent auf einen kleinsten kulturellen Nenner bringen kann. Oder hat die Literatur angesichts des Desinteresses der Bürger am dauerkriselnden Konstrukt namens „EU“ längst das Träumen verlernt?

In seinem Eingangsstatement sagte Bundesaußenminister Franz-Walter Steinmeiner, Außenpolitik habe es vor allem mit Wahrnehmung und Verstehen zu tun, und die Literatur erfülle diese Bedingungen wie keine andere Kunstform, zumindest wenn sie akzeptiere, dass es zwar nur eine Realität, aber immer mehrere Wahrheiten gebe. Das einende, „neue Narrativ“ von Europa bleibt also Utopie.

Dass Narrative dabei durchaus Realitäten erschaffen können, steht für die ukrainische Autorin Oksana Sabuschko außer Frage. „Menschen sind hungrig nach guten Geschichten“, meint Sabuschko, und Wladimir Putin habe mit seiner Version der Entwicklung auf der Krim eben eine gute Geschichte erzählt und damit eine virtuelle, manipulative Realität geschaffen. Was hat Europa dem entgegenzusetzen?

Vielleicht die „diskrete Qualität“, wie die dänische Schriftstellerin Janne Teller vorschlug. Denn Europa verbinde mehr als das gemeinsame kapitalistische System, das nur auf Adjektiven wie „schneller“, „größer“, „mehr“ beruhe. Zu Systemen aber könne der Mensch keine emotionale Verbindung aufbauen, zu Werten allerdings schon. Die Autorin mit deutsch-österreichischen Wurzeln ist in Dänemark aufgewachsen, sie lebt heute in Berlin und New York. Beim Schreiben berühre sie stets die verschiedenen Ebenen ihrer eigenen lokalen, nationalen, europäischen und weltbürgerlichen Identität – sie wolle diese Überlagerungen und die „Grauzone“ darstellen, die Europas Vielfalt ausmache.

Literatur und Wirklichkeit werden hier zu zwei komplementären, sich gegenseitig stimulierenden Erlebniswelten. Hat der europäische Raum also ein eigenes literarisches Genre hervorgebracht? Oksana Sabuschko sieht in der Befassung mit der Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg und seinen „Folgen für unsere Seelen“, in den Diagnosen der „versteckten Krankheiten der Europäer“ die thematische Gemeinsamkeit der Literaturen Europas.

Der Russe Michael Schischkin, der seit zwanzig Jahren in der Schweiz lebt, beantwortet die Frage genuin politisch: er sei 1961 im sowjetischen Totalitarismus als „Sklave“ geboren worden. Während er selbst nicht über seinen Körper bestimmen konnte, sei für ihn das intensive Lesen westlicher Autoren der einzige geistige Schutz- und Freiheitsraum gewesen. Bis heute, so Schischkin, betrachteten russische Autoren den Menschen als Produkt eines Systems, während er in der europäischen Tradition als freie Persönlichkeit gesehen werde. Anstatt unmittelbar gegen die inneren und äußeren Bedrohungen des Projekts Europa anzuschreiben, sollten Autoren eher die Idee menschlicher Würde verteidigen: Gut geschriebene Literatur löse im Leser Gefühlsprozesse aus, die ihn unweigerlich in seiner Haltung und politischen Präferenz beeinflussen und damit auch Realitäten verändern können.

Es ging aber auf der Berliner Konferenz nicht nur um die großen geistesgeschichtlichen Ideen , sondern auch um Alltägliches. Der Schwede Richard Swartz, langjähriger Osteuropa-Korrespondent für schwedische Zeitungen, nannte fünf Elemente, die die Identität Europas bilden: Streichquartette, französischer Rotwein, Konzentrationslager, die Amsel als exklusiv europäischer, äußerst anpassungsfähiger Vogel und – den fünften Punkt habe er vergessen und befand genau das als typisch europäisch. Der Traum von einer europäischen Identität ist Swartz, der literarische Reportagen, aber auch Romane schreibt, schlicht lästig. Denn die Frage, wer wir sind, bedeute immer auch: Ist das Gegenüber für oder gegen uns?

Der Blick auf das Gegenüber aber garantiert die Einheit nicht, will sich Europa positiv-inklusiv, also durch innere Gemeinsamkeiten statt durch Abgrenzung nach außen definieren. Der 1980 in Slowenien geborene Autor und Regisseur Goran Vojnovi? diagnostiziert derweil einen Mangel an innereuropäischer Kommunikation und plädierte für literarische Websites, auf denen jedes Land sich in allen Sprachen des Kontinents vorstellt. Literatur sei für eine pan-europäische Alltagskommunikation schlicht zu langsam und in der multimedialen Gegenwart ungeeignet, aktuelle gesellschaftliche und politische Entwicklungen direkt abzubilden oder gar zu steuern.

Was Literatur aber beschreiben und auch befördern kann, sind Menschen- und Wertebilder, die sich im besten Fall zu einer gesamteuropäischen Tradition zusammenfügen. Darauf setzt das Manifest, das die Autoren auf der Berliner Konferenz vorstellten: auf die „Wahrnehmung des Fremden“ und die Bereitschaft, widersprüchliche Realitäten zu akzeptieren.

Chronist der Gestrandeten

Zum 70. Geburtstag des Weltreisenden, Reporters und Schriftstellers Hans Christoph Buch erscheint der Band „Boat People“

Süddeutsche Zeitung 12.4.2014

„Wie viel müssen wir Ihnen zahlen, damit Sie endlich aufhören, über Tahiti zu schreiben?“ Siegfried Unseld, der 1984 Hans Christoph Buchs Roman „Die Hochzeit von Port-au-Prince“ veröffentlichte, legte mit seiner ironischen Frage die Lunte an das Fundament des Autors. Buchs Großvater hatte sich im Karibikstaat Haiti – und nicht, wie Unseld irrtümlich behauptet, auf der Insel im Südpazifik – als Apotheker niedergelassen und mit einer Kreolin eine Familie gegründet. Als sein 1944 in Wetzlar geborener Enkel den Inselstaat ein halbes Jahrhundert später erstmals besuchte, fand er dort den entscheidenden Anstoß für seine literarische Laufbahn.

Die „Casa Buch“ in Haiti existiert nach dem Tod der letzten direkten Verwandten nicht mehr, und auch die Apotheke des Großvaters ist im verheerenden Erdbeben von 2010 zerstört worden. Die Konstanten von Buchs Essays, Romanen und zahlreichen Reise- und Kriegsberichten gehen dabei bis heute auf die Erlebnisse im Land seiner Vorfahren zurück: unsagbares menschliches Elend und lebenshungriger Optimismus, eine zwischen Phantasie und Wirklichkeit mystisch aufgeladene Weltbetrachtung und die brennende Aufmerksamkeit für das, was Leid mit Menschen macht.

Vom Schicksal gebeutelte Figuren stehen auch im Mittelpunkt seiner gerade erschienenen Essaysammlung „Boat People – Literatur als Geisterschiff“. Der promovierte Literaturwissenschaftler Buch spiegelt in diesen „Berner Poetikvorlesungen“ das höchst reale Elend von Armutsflüchtlingen und Asylsuchenden, die an den Küsten Südeuropas stranden oder im Meer ertrinken, in berühmten oder auch vergessenen Helden der Literaturgeschichte.

Ausgangspunkt ist die in Wilhelm Hauffs Märchenalmanach von 1825 enthaltene „Geschichte von dem Gespensterschiff“ über das Schicksal eines jungen Kaufmanns, der auf dem Weg nach Indien in Seenot gerät und sich auf ein Geisterschiff rettet. Als das Schiff unbeschadet im Hafen einläuft befreit sich der Kaufmann mithilfe eines Zaubers vom Bann, den ihm die untote Mannschaft auferlegt hat, verkauft die Schiffsladung und kehrt reich und glücklich in die Heimat zurück.

Wie Buch in sieben Essays zeigt, geistert das Motiv des steuerlos umhertreibenden Totenschiffs, des Daseins zwischen Leben und Tod seit Homers „Odyssee“ bis zu Hans Magnus Enzensbergers „Untergang der Titanic“ durch die Literaturgeschichte. Im 1926 erschienenen Erfolgsroman „Das Totenschiff“ von B. Traven ist der Ich-Erzähler Gales ein amerikanischer Seemann, der nach einem Landurlaub sein Schiff verpasst. Ohne Identitätsnachweis irrt er als Staatenloser durch ganz Europa. Seine Irrfahrt nimmt für Buch das Schicksal heutiger Boat People vorweg, denen man in den Häfen Amerikas und Europas die Landung verwehrt. In Jens Rehns Roman „Nichts in Sicht“ (1954) entdeckt Buch dasselbe literarische Motiv bei zwei schiffbrüchigen Soldaten, die nach einem verlorenen Seegefecht im Schlauchboot steuerlos über den Ozean treiben. So zeigt Buch, von Sindbad aus 1001 Nacht über Franz Kafkas „Jäger Gracchus“ bis hin zu Günter Grass’ Novelle „Im Krebsgang“ über den Untergang des Flüchtlingsschiffs Wilhelm Gustloff, wie Literatur reale oder fiktive Flüchtlingsschicksale erlebbar macht.

Als Krisenreporter in Tschetschenien, Bosnien, Algerien, am Hindukusch, im Sudan, in Kambodscha, Liberia oder Ruanda, in politisch-historischen Essays und Romanen hat Buch immer wieder Genregrenzen überschritten. Dass er in Erinnerungen, literarischer Fiktion und Erlebnisberichten die subjektive Wahrheit hinter den faktischen Geschehnissen aufspüren will, hat man ihm oft vorgeworfen. Als er 1963 mit gerade einmal 19 Jahren auf einer Tagung der Gruppe 47 einen Text vortrug, bemängelten Walter Jens und Marcel Reich-Ranicki, dass Buchs Schilderung einer archäologischen Ausgrabung „nichts zu Tage befördere“, während der Philosoph Ernst Bloch ihn als ein „Relikt spätbürgerlicher Dekadenz“ bezeichnete. Die Theoretiker der Studentenrevolte dagegen vermissten in Buchs Erzählband „Unerhörte Begebenheiten“ (1966) das politische Engagement. Als er in den Siebzigerjahren für die „neue Sensibilität“, also die historisch-politische Analyse aufgrund subjektiver Wahrnehmung plädierte, warf man ihm reaktionäre Geschichtsklitterung vor. Unlängst klagte Buch, er habe sich von der deutschen Literaturkritik stets „gemobbt“ gefühlt.

Mitte der Achtzigerjahre begann er, als Journalist über das Elend der Kriege in aller Welt zu schreiben und veröffentlichte seine erste Reportage über den Sturz der blutigen Diktatur in Haiti unter Papa Doc in der Süddeutschen Zeitung. „Als ich mich Jahre später dabei ertappte, dass ich enttäuscht war, wenn kein Blut floss, kehrte ich an meinen Schreibtisch zurück, weil die Gewalt einen Sog erzeugt, der zur Sucht werden kann“, sagte Buch vor wenigen Wochen auf einer Berliner Tagung über die Erzählbarkeit von Krieg. Seitdem versucht er, in Romanen wie „Haiti Chérie“ (1990), „Der Burgwart der Wartburg“ (1994) über Denunziantentum in der DDR, oder „Reise um die Welt in acht Nächten“ (2009) in einem „literarischen Experiment etwas über den Zustand der Welt herauszufinden“.

Der autobiografische Roman „Baron Samstag oder das Leben nach dem Tod“ (2013) ist von der Spannung zwischen märchenhafter Phantastik, politischer Reportage und kritischer Reflexion geprägt. Von der Klosterschule in Südfrankreich über die Besichtigung der Reste der „Casa Buch“ in Haiti folgt man dem Erzähler auf einer fiktiven Reise durch sein Leben, die am Ende den Tod nicht ausspart. Und in seiner Erzählung „Nolde und Ich. Ein Südseetraum“ (2013) reiste Buch auf den Spuren des Malers nach Papa-Neuguinea und versuchte in einer halb-dokumentarischen Fiktion Noldes widersprüchliche Seelenwelt zu erkunden. Als zeitgleich neue Dokumente über die Anbiederung Noldes an die Nationalsozialisten auftauchten, wurde ihm – ungeachtet der literarischen Form seiner Erzählung – einmal mehr „Geschichtsfälschung“ vorgeworfen.

Hans Christoph Buch, dessen Romane in der Karibik als illegale Übersetzungen kursieren, bezeichnet sich gern als „frankophonen Schriftsteller“. Anfang des Jahres besuchte er die Robinson-Insel Juan Fernández im Südpazifik und arbeitet derzeit an einer neuen Version des Robinson-Crusoe-Romans. An diesem Sonntag wird der reisende Schriftsteller, literarische Reporter, Seelenerkunder, Chronist menschlicher Befindlichkeiten, politische Kommentator und Geschichtenerzähler siebzig Jahre alt.

Peter Cusack und der Sound der Welt

Der Londoner Künstler Peter Cusack bereist die Welt, um ihren Sound aufzuzeichnen. Der “sonic journalist” hat seine Mikrophone schon in den verstrahlten Zonen Tschernobyls oder bei den Ölfeldern des kaspischen Meeres aufgestellt. Gerad zeichnet er die Lieblingsgeräusche der Berliner auf und erforscht außerdem, wie sich der Wandel der Berliner Bezirke anhört.

Deutschlandradio Kultur, 10.6.2012

Deutschlandradio Kultur, Profil, 10.6.2012Peter Cusack hört in seinem Wohnatelier in einem Hinterhof in Berlin-Moabit seine neueste Aufnahme ab: das harmonische Brummen eines Supermarktkühlschranks. Der 64 jährige ist unauffällig gekleidet, blickt freundlich und konzentriert, überlegt sich jedes Wort und wirkt dabei sehr britisch, wie ein echter, unnahbarer Gentleman.

Ich habe mich schon immer für Klänge interessiert. Als Kind habe ich Musik gemacht, und außerdem habe ich gelernt, Vogelstimmen zu erkennen. Diese beiden Dinge haben mich dann zu meiner Beschäftigung mit Klängen geführt.

Sein Wohnatelier ist minimalistisch eingerichtet: Stuhl, Bett, Schreibtisch, einige wenige Bücher, ein Laptop, sowie Kabel und elektronische Geräte. Cusack ist Klangkünstler. Das Wesentliche ist für Ihn, wie sich die Welt anhört. In den Siebzigern machte sich der gebürtige Londoner als Avantgarde-Musiker einen Namen: experimentelle, improvisierte Arrangements zwischen Geräusch und Musik. Heute ist Peter Cusack Dozent an der Londoner University of the Arts und „sonic journalist“ also Schalljournalist, wie er sich selbst bezeichnet.

Weil ich vor allem nach dem gehe, was ich höre, ist meine Wahrnehmung der Umwelt und ihrer Veränderungen von der Frage geprägt: was ändert sich akustisch? Gute Klangaufnahmen haben so wie gute Musik extrem viel mit gutem Zuhören zu tun. Wenn du einen guten Klang hörst, musst du ihn gleich an Ort und Stelle aufnehmen. Er wird nicht auf dich warten. Man muss sehr schnell auf das reagieren, was man hört.

Die Augen können Menschen schließen, ihre Ohren nicht. Wir hören schon vor der Geburt und später 24 Stunden am Tag, auch nachts, beim Schlafen. Unbewusst nehmen wir mit den Ohren unaufhörlich Informationen war.

Ich glaube, Klänge können sehr gut eine bestimmte Atmosphäre, Raumverhältnisse oder auch die zeitliche Abfolge eines Geschehens wiedergeben. Ich glaube nicht, das Klang das bessere Medium ist, aber dennoch bietet er gegenüber Bildern, Sprache und Text doch eine adnere Betrachtungsweise.

Für sein Projekt „Sounds from dangerous places“  hat Cusack unter anderem aufgenommen, wie sich die Natur in den Speergebieten von Tschernobyl ihren Platz zurückerobert. Der Klangjournalist spürt mit seinem Mikro der von Menschenhand veränderten Umwelt nach. Auf seiner Internetseite favouritesounds.org hat Cusack ein beeindruckendes urbanes Klang-Archiv angelegt. Großstadtklänge aus der ganzen Welt.

das morgendliche Hissen der Nationalflagge auf dem Platz des Himmlisches Friedens in Peking,

Backgammon Spieler in Jerusalem,

oder eine Halle im ehemaligen Berliner Vergnügungspark Plänterwald.

Ich suche Klanglandschaften. Mich interessiert, wie Städte als Ganzes klingen. Und was die einzelnen Geräusche verbindet.

Ein Jahr lang erforscht Cusack Berlin. Auf seinen Streifzügen findet er versteckte Orte und ihre Klänge, bildet den Verkehr, die Berliner und die Natur der Stadt klanglich ab. Mit einem Richtmikrophon, auf das er einen haarigen Windschutz gezogen hat, und seinem High-Tech Aufnahmegerät steht er jetzt an einer Grundstücksmauer in einem Hinterhof.

Einen Klang, den ich unbedingt aufnehmen will, ist dieser Papagei. Es ist ein Vogel in einem Käfig, der in einer Wohnung steht, etwa 100 Meter entfernt. Wenn wir in diese Richtung gehen, kann man ihn in der Ferne hören.

Manchmal mischt sich der Klangchronist auch mit versteckten Mikrophonen unters Volk, so wie bei diesem Gemüseverkauf in Berlin-Wedding. Eine Geräuschkulisse ändert sich schließlich, sobald die Menschen bemerken, dass sie aufgenommen werden.

Menschen bringen selbst eine bestimmte Klanglandschaft hervor, mit ihren Autos oder Fahrrädern. Je nachdem, ob sie einen Baum fällen, oder einen pflanzen, werden Vögel angezogen oder nicht. Alles, was man macht, oder was die Gemeinschaft macht, verändern die Klanglandschaft. Und die Alltagsgeräusche  haben einen ziemlich großen Einfluss auf das allgemeine Befinden eines Menschen.

Urbaner Wandel kann aber auch ganz anders klingen, wie hier, auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof:

Weil das so eine riesige offene Fläche in der Stadt ist, ist es dort immer windig, was in anderen Teilen der Stadt nicht der Fall ist. Und die Menschen nutzen diesen Wind. Und das macht Geräusche: die Drachen machen ein Geräusch, und auch alle anderen Dinge. Das ist die Frage: wieso gibt es diese Klänge dort und wie ändern sie sich?

In Berlin will Cusack sich auch mit Architekten und Städteplanern austauschen. Denn unsere akustische urbane Umgebung, so meint der Engländer, kann man sehr viel besser planen, als bisher angenommen. Manchmal genügt es schon, einen Baum zu pflanzen, der Vögel anzieht und dessen Blätter rauschen.

Krieg gegen die Angst

Der französische Autor Arthur Larrue berichtet aus dem Inneren Russlands, einer Nation im Konflikt mit sich selbst. Dafür verlor der Literaturwissenschaftler sein Visum und seine Stelle an der Universität Sankt Petersburg

Süddeutsche Zeitung, 2.4.2014

Die Vorgänge in der Ukraine reißen nicht nur beinah vergessene politisch-historische Bruchlinien innerhalb Europas auf, sondern beleben auch in der westlichen Analyse fast 25 Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion leidenschaftlich geführte Lagerdebatten. Chruschtschows launige Übergabe der Krim-Halbinsel an die Ukraine im Jahre 1954 oder Putins post-sowjetisch-imperiale Träume von der Eurasischen Union – so eindeutig, wie manch einer gleich welchen Lagers es gerne hätte, ist Weltgeschichte (leider) nicht. „Die Literatur schreibt die Geschichten besser als die Wirklichkeit“, glaubt der französische Autor Arthur Larrue. In seinem gerade erschienenen Roman „Wojna“ über die oppositionelle Künstlerszene in Russland ist Larrue der Wahrheit zwischen den Zeilen auf der Spur.

Der erst 29-ja?hrige Autor hat vier Jahre lang an der Universität Sankt Petersburg als Dozent für Literatur gearbeitet. Kurz nach der Veröffentlichung des Romans über seine Erlebnisse mit dem gleichnamigen Künstlerkollektiv verlor er sowohl sein Russland-Visum als auch seine Anstellung an der Petersburger Universität.

Auf die Künstlergruppe stieß Larrue durch Zufall. Eine Freundin in Sankt Petersburg hatte ihm für einige Zeit ihre Wohnung überlassen, und als er dort einziehen wollte, war „die Küche besetzt mit ziemlich elend aussehenden Gestalten.“ Drei Monate lebte Larrue mit den Guerilla- Künstlern zusammen, die sich hier vor den gefürchteten Terrorbekämpfern der Son- dermiliz „Omon“ versteckten. Die anarchistische Künstlergruppe hatte in den Jahren 2011 und 2012 mit spektakulären Aktionen in der Öffentlichkeit und mit viel Komik den russischen Staatsapparat provoziert. Auf die Petersburger Liteiny-Zugbrücke pinselte das Kollektiv in einer Blitzaktion einen 65 Meter hohen Phallus, der sich bei der Öffnung der Brückenflügel direkt gegenüber der Geheimdienstzentrale aufrichtete. Anderntags sprangen die Aktivisten mitten im Verkehr mit einem blauen Eimer als Blaulicht-Attrappe auf dem Kopf über eine Reihe Moskauer Luxuskarossen und mokierten sich so über die Privilegien der russischen Eliten.

„Mich interessierte nicht ihre Kunstform, sondern der ,Krieg‘ (russ.: wojna), den sie führten“, sagt Larrue. „Es ging mir um die radikale Bedingungslosigkeit, mit der sie Kälte, Hunger, Angst und Misshandlung in Kauf nahmen, um das russische Regime der Lächerlichkeit preiszugeben. Diese Leute, egal was man von ihrer Kunst hält, haben der Welt etwas mitzuteilen.“ In seinem Roman taucht der Autor ab in eine kalte, nebelige Petersburger Nacht; in der Luft über der Newa liegt ein Hauch von Benzol und Bratfett. Während die Aktivisten Olga, Lena, Leonid und Kosa samt Kleinkind Kasper in der konspirativen Wohnung ihre nächsten Aktionen planen, hören wir durch ein Arsenal archetypischer Figuren verschiedene Stimmen der russischen Gesellschaft.

Bereits auf dem Weg in die Wohnung, die sein Leben verändern wird, klärt ein Taxifahrer den Franzosen auf, in Russland sterbe man zwar jung, dafür sei es aber wenigstens nie langweilig. Aktivist Oleg, der seinen „Kummer mit Alkohol und schlechtem Essen herunterspülte“, erklärt ihm darauf, dass jede Stadt ihr eigenes Problem habe. „Paris macht aggressiv, New York tritt auf der Stelle, und Petersburg saugt das Leben aus dir heraus. Hier lebt man nicht, hier lässt man sich treiben.“

Kurz darauf bietet ihm Anna Zobonka, das einsame Mütterchen aus der Nachbarschaft, ein Päckchen Drogen an, mit denen sie mangels Krankenversorgung ihr steifes Bein beruhigt. „Das russische Volk hatte sich ergeben, und der Stolz der Menschen war tief verletzt, ihr Selbstwertgefühl war dahin. Russland war vom Meister zum Sklaven geworden, und Zobonka hatte nichts dagegen getan.“ Es sind szenische Miniaturen wie diese, mit denen Arthur Larrue in den stärksten Passagen seines Romans mehr über die russische Gesellschaft erklärt, als aus den Meldungen der Nachrichtenticker zu erfahren wäre.

Das Wojna-Kollektiv hatte bei seiner Gründung der „Angst des russischen Volkes“ den „Krieg“ erklärt. Den Hauptgegner dieses Angstkrieges verkörpert in Larrues Roman Kommissar Komarow, ein Wodka-Liebhaber mit kurzrasiertem Schädel, der Kunst für „langweiligen und unverständlichen Tuntenkram“ und Politik und Rechtsstaat für sinnlos hält. Larrue lässt Komarow, der zunächst als Abziehbild des vulgär-staatstreuen Beamten herhalten könnte, reflektieren: „Er fühlte sich Wojna sogar verbunden, sah darin den klaren Ausdruck jener schrecklich-schönen, ja diabolischen Kraft, die, so dachte er stolz, typisch russisch war.“ Putins Devise vom „Land der Möglichkeiten“ hingegen findet der folgsame Beamte ziemlich komisch. „Komisch und anstrengend.“

Wer Larrue ein überzeichnetes Portrait der russischen Gesellschaft vorwirft, wie einige französische Kritiker, hat sein Buch womöglich nicht genau genug gelesen. Im russischen Polizeiapparat habe er jede Menge Komarows erlebt, versichert der Autor. Diese Sorte Beamter sei weitaus intelligenter und gebildeter, als man vielleicht annehme. Menschen wie Komarow machten sich eben nur keine Illusionen über das Putin-Regime.

Die Wojna-Ku?nstler hatten den Franzo- sen gerade deswegen fasziniert, weil sie mit ihren komischen, provozierenden Aktionen Apathie und Angst vor der Staatsautorität durchbrachen. Nachdem sein Roman in Frankreich erschienen war, hat auch er selbst diese Angst zu spüren bekommen. „Es hat einige Zeit gedauert, bis ich verstanden hatte, dass meine Zeit in Russland abgelaufen war. Man hat mich ja nicht mit der Pistole im Anschlag aus dem Land gejagt. Es hieß nur: mit der Verlängerung des Visums wird es schwierig. Das haben wir leider nicht in der Hand. Kollegen, mit denen ich über vier Jahre eng zusammengearbeitet habe, konnten und wollten mir plötzlich nicht mehr helfen. Politische Tyrannei braucht Feigheit und Trägheit, um zu funktionieren.“

Am Ende von Larrues Petersburger Nacht verrät die vom sowjetischen Nieder- gang verbitterte Nachbarin die Wojna-Aktivisten aus dem Hinterhaus. Kommissar Komarow kann seinem Vorgesetzten endlich einen Ermittlungserfolg vermelden und transportiert die Spaß-Guerilla samt Kleinkind zum „Spezialverhör“ aufs Revier. Ein abruptes, pessimistisches Ende dieses kurzen Romans über die Kraft oppositioneller Kunst, könnte man meinen. Doch das wäre zu kurz gedacht. „Diesen Krieg gewinnt man nicht mit Waffen. Fragen Sie einen jungen Russen, ob er lieber in Moskau oder in einer Stadt wie Berlin oder Paris leben möchte“, sagt Larrue. Sein Kontakt zu den Wojna-Künstlern ist inzwischen abgebrochen. Während sie ins Ausland geflüchtet sind, wird ihnen in Moskau der Prozess gemacht. Seinen Roman, der ja ihre eigene Geschichte erzählt, haben sie immerhin gelesen, auch wenn er offiziell nie auf Russisch erscheinen wird.

Arthur Larrue: Wojna. Aus dem Französischen von Max Stadler. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2014. 112 Seiten, 12,90 Euro.

Böse Musik

…gibt es so etwas? Jedenfalls hat das Böse eine erstaunliche musikalische Karriere gemacht, von Black Metal bis hin zum Gangsterrap, okkulten Satansliedern, Nazi-Rock oder auch den Tänzen der kalabrischen ’Ndrangheta. Kann Musik böse sein, und wenn ja, was sagt das über ihre Hörer aus?

Deutschlandfunk, 25.10.2014

(Deutschlandfunk, Corso, 25.10.2013)

Über schneidenden Gitarren und schmetterndem Schlagzeug grunzt, stöhnt und schreit der us-amerikanische Bodybuilder, Sänger und Dichter Henry Rollins seinen Text über die unbegrenzte Macht des skrupellosen Lügners ins Mikrophon, dass einem Angst und Bange werden kann. Ist sie das, böse Musik, die von bösen Menschen gehört wird?

Ich glaube die sind auf du mit ihrem Beast, und das kann nur gut sein. Und ich glaube, dass, wenn du das ganz bewusst erfährst, was in dir an – nennen wir es weiter das Beast – wenn wir das bewusst zulassen, wenn wir das beobachten, dann können wir auch Spaß an dieser Grenzüberschreitung, an diesem Transgressiven haben. Wenn ich aus einem zum Beispiel Black Metal Konzert komme, fühle ich mich danach gereinigt.

Meint der Hamburger Musikjournalist und bekennende Metal Fan Lars Brinkmann. Am Donnerstag Abend stellte Brinkmann in der „Bösen Lounge“ im Haus der Kulturen der Welt seine „worst-of-music“ Auswahl vor.

Die Festivalbesucher mussten aber nicht bis spät in den Abend warten, bis sie sich bei diabolischen, gruseligen und sonst wie schmerzhaften Klängen der dunklen Seite der Musik widmen konnten. Schon im Foyer wurden sie von Anke Eckhardts äußerst unschönen Klanginstallationen begrüßt, mit der die Künstlerin zu Ohren brachte, welche Sounds als Waffe in der modernen Kriegsführung eingesetzt werden.

Üble Schwingungen gibt es auf dem Festival im Haus der Kulturen der Welt auch jenseits des Schlachtfelds. Die Musikwissenschaftlerin Ebba Durstewitz zum Beispiel beschäftigt sich heute mit „bösen Instrumenten“. Flöten und Orgeln galten bereits im Mittelalter als bedrohlich, weil der Teufel mit den Luftschwingungen den menschlichen Geist verführe. Mythen, so Durstewitz, wie sie auch heute noch zum Beispiel für Schlagzeuger gelten.

Es ist tatsächlich so, dass das so weit verbreitet war, die als verdächtig oder leicht korrumpierend zu empfinden, dass es im popkulturellen Gedächtnis noch so vor sich hinwabert. Das fängt bei denen damit an, dass tote Tierhaut im Spiel ist. Wieso stehen Schlagzeuger in dem Ruf, so einen abstrusen Tod zu sterben, da gibt es ja auch tausend Geschichten. Zu Beispiel Keith Moon, der Schlagzeuger von Led Zeppelin wo das Publikum immer gebeten wurde, im bitte nicht in die Augen zu schauen, der dreht sonst durch!

Das vermeintlich diabolische Potential des Schlagzeugs kann man bekanntlich sogar beim stets angeketteten „Animal“ aus der Muppet-Show-Band beobachten. Wer aber glaubt,  Musik als solche könne böse sein, dem machte der Journalist und Poptheoretiker Dietmar Dath bereits in seiner Keynote am Donnerstag einen Strich durch die Rechnung.

Das Böse ist etwas so Abstraktes, dass man zu seiner Darstellung einen Menge Feuerschutz aus anderen Arsenalen braucht. Gangsterrap ist dann das Ding mit den Goldzähnen und den kleinen tragbaren Maschinenpistolen, Black Metal das Ding mit den Nägeln auf der Schulter und der Panda-Fresse. Rape-and-Dismemberment-Rock, auch ein schönes Genre…

Musik, mit dieser Erkenntnis konnte man sich am Eröffnungsabend trösten, kann erst im kulturellen Kontext zu etwas Bösem werden. Das gilt auch für die lustigen Lieder und Tänze der kalabrischen Mafia, wie man in einer Ausstellung über die „Kultur der Gewalt“ erfährt. Holger Schulze, einer der Kuratoren des Festivals, wird dann in einer Diskussion heute Abend klären,

dass das, was böse ist, einem selber vielleicht zu nahe geht, vielleicht die eigenen Privilegien beschneidet, die eigenen Freiheiten begrenzt, und so entsteht vielleicht das Böse in den Klängen.

Böse hin oder her: über Musik lässt sich streiten. Wie sonst wäre es zu erklären, dass die Playlist der Musikfolter im Straflager von Guantanamo Bay aus Songs besteht, die in der westlichen Welt die Hitparaden stürmen? Wer mal wieder das Beast in sich entdecken möchte und dazu Hochinteressantes über unsere kulturellen Hörgewohnheiten und audio-psychologischen Reflexe lernen möchte, wird beim Festival im Haus der Kulturen der Welt übelst gut bedient werden.

Musik von der Baustelle

Die Altbauten aus der Gründerzeit werden in den Berliner Szene-Vierteln entkernt, saniert, verputzt und angestrichen. Bohrmeißel, Presslufthämmer und Gerüstbauer machen einen Heidenlärm. Schneider ™, hochsensibler Experimentalmusiker, ist sechs Mal umgezogen, um dem Lärm zu entkommen. Kurz bevor er die Nerven verlor, hat er aus dem Baustellenlärm wunderschöne Musik gemacht.

Deutschlandradio Kultur, 24.1.2013

(Deutschlandradio Kultur, Profil, 24.1.2013)

Also, ich bin überzeugter Autodidakt.

Dirk Dresselhaus, 42 Jahre alt, gebürtiger Ostwestfale, feines Gesicht mit dunkler Hornbrille und einem Lächeln, das ebenso schelmisch, ironisch, wie verlegen wirkt, erzählt, wie er Musiker geworden ist.

Als ich zwei Jahre alt war habe ich angefangen, auf einer Zinkbadewanne mit Kochlöffeln rumzutrommeln. Mit sieben ungefähr habe ich angefangen, Gitarre zu spielen. Zur gleichen Zeit habe ich mir ein Schlagzeug gebaut aus alten Waschmitteltrommeln, und Pinseln als Sticks. Dann hab ich das Abitur abgebrochen, aber dann auch mit meiner Band halt viel gespielt, und dann irgendwie das große Glück gehabt, da irgendwie von Leben zu können.

Alles ohne Plan und ohne nachzudenken einfach „kommen lassen“, so scheint das Leben und auch die Musik des Sohns zweier Lehrer aus Bielefeld zu funktionieren. In den 90er Jahren hat Dirk Dresselhaus sich gemeinsam mit ein paar Schulfreunden als Sänger und Gitarrist der Indierock-Band „Hip Young Things“ einen Namen gemacht, spielt im Vorprogramm von Beck Hansen und den Ramones. Das Prinzip der Hip Young Things: keiner der Musiker sollte sein Instrument wirklich beherrschen.

Erstmal ging es uns um Spaß und um einen … dilettantistischen Anteil (lacht). Auf der anderen Seite auch darum, dass ich bis heute auch die Erfahrung gemacht habe, dass wenn man irgendwas in die Hand nimmt, an das man nicht gewöhnt ist – zum Beispiel ein spezielles Instrument, aber das gilt auch für andere Dinge – dass man das irgendwie mit einem anderen Bewusstsein spielt, weil man sich mehr Mühe geben muss, und dadurch a) was lernt, und b) einen eher kindlichen Ansatz hat.

So hat der ewig Neugierige Mitte der 90er auch angefangen mit elektronischen Effektgeräten und Samplern herumzuspielen, ein neues musikalisches Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Wenig später unterschreibt er als „Schneider TM“ einen Vertrag beim legendären Berliner Indie-Label City Slang und zieht in die Hauptstadt.

In Berlin stürzt sich Dirk Dresselhaus in immer neue musikalische Entdeckungsmissionen, arbeitet als Remixer, Filmmusiker und Hörspielproduzent. Mit Jochen Arbeit von den Einstürzenden Neubauten greift Dresselhaus neuerdings auch gern zur Blockflöte, daneben spielt er in einem akustischen Country-Trio, oder baut mit dem Noise-Duett „Angel“ hypnotische Klangwände aus Kirchenorgeln, Bassklarinette und Synthesizer auf.

Für sein kürzlich erschienenes Album „Construction sounds“ hat Dresselhaus wieder dem natürlichen Gang der Dinge vertraut. Über acht Jahre hatte er in einer Altbauwohnung inmitten zahlreicher Großbaustellen gelebt – ein Zeichen des Umbaus vom ehemaligen Berliner Arbeiterquartier Prenzlauer Berg zu einem Viertel für Besserverdienende. Kurz bevor er an der täglichen Lärmbeschallung durch die Bauarbeiter verzweifelt ist, entwickelte der Musiker die Idee für sein nächstes Projekt.

Es gibt einfach Rhythmus bei diesen Arbeiten, und ich glaube, dass die sich unterbewusst irgendwie beeinflusst haben, und dann irgendwie gejamt haben. Und ich hab halt mitgejamt.

„Construction sounds“, eine gesampelte atmosphärisch-meditative Musikkollage aus Bohrhämmern, Schleifmaschinen und Hydraulikpumpen, ist für den genresprengenden Freeform-Musiker sein ganz persönlicher „Gentrifizierungsblues“.

Im Blues geht’s ja auch darum, dass man über seine Sorgen singt, und sie dadurch loswird. Und so ähnlich bin ich das bei Construction Sounds auch angegangen, weil durch die Verarbeitung der Baustellen in meiner Musik [habe ich] versucht, das Problem halt loszuwerden. Und insofern ist da schon eine Parallele zum Blues.

Sagt Dresselhaus lächelnd während er hinter doppelverglasten Fenstern in seiner Neubauwohnung im Prenzlauer Berg sitzt. Die Befreiung vom Baustellenlärm, die neue Wohnung im non-profit Hausprojekt, in dem Dresselhaus seit einigen Monaten mit seiner Partnerin, der japanischen Tänzerin Tomoko Nakasato, wohnt – all das, glaubt er, hat ihm die „unbewusste Synchronität“ beschert, der er in seiner Musik und auch in seinem Leben viel Platz einräumt.

Das ist halt auch die Schönheit daran, oder das, was ich als „kosmische Musik“ bezeichne würde, weil, es gibt einen absoluten Zusammenhang dazwischen. Der ist aber nicht forciert, sondern der passiert automatisch. Das ist halt so wie – genau, wie die Baustellengeräusche.

Es geht um Bewusstseinserweiterung, bei allen Sachen, die ich mache.

Mit dem Umzug in den Neubau fand Dresselhaus auch die Möglichkeit, sich ein professionelles Keller-Studio einzurichten, natürlich komplett schallisoliert. Zwischen Gitarren, seinem alten Schlagzeug, Drum-Computern, Effektgeräten und Samplern ist er hier zu jeder Tages- und Nachtzeit auf der Suche nach neuen musikalischen Entdeckungen und Abenteuern.

Moderner Märchenerzähler

Der österreichische Künstler Berthold Bock verbindet Film, Malerei und Musik, um mit seiner Kunst Märchen über die moderne Welt zu erzählen. Angefangen hat er als Punkmusiker in Salzburg. Der Mauerfall in Berlin machte ihn zum Maler.

Deutschlandradio Kultur, 10.1.2012

(Deutschlandradio Kultur, “Profil”, 10.1.2012)

Wir hatten so eine Zweimann-Band, das war ne sehr punkige Nummer, hat aber auch sehr viel Spaß gemacht. Und wir waren eingeladen zu einer Diplomparty, bei der Hochschule für bildende Künste in Dresden zu spielen. Und da hab ich mir das erste Mal gedacht: Ok, das wär vielleicht noch was, ein Kunststudium dranzuhängen.

Berthold Bock steht in seinem Atelier in einer ehemaligen Schule im Prenzlauer Berg und erzählt, den Pinsel in der Hand, wie er Maler wurde. Es riecht nach Farbe und Lösungsmittel, die Neonröhren brummen, der Künstler trägt Jeans, ein löchriges Oberhemd, Turnschuhe, die Kleidung übersät von Farbklecksen. Er klemmt sich die blonden Locken hinters Ohr und schaut auf seine Leinwand.

Tja, man muss sich ja immer entscheiden, was lässt man stehen, was nicht. Das ist ja das eigentlich Interessante. Details, in die man sich verliebt hat, die müssen dann wieder weg. Das sagt man ja auch beim Film, wenn man schneidet: Kill your darlings!

Bock ist Maler, Musiker und Filmemacher. Sein künstlerisches Thema: der Platz des Menschen in einer gnadenlos modernen Welt. Bock malt Gemälde von ratlosen Menschen in hypermodernen Wohnhäusern. In seinem ersten Kurzfilm “Jenseits des Sees” hat er eines seiner Bilder eins zu eins im Filmstudio nachgebaut. Ein Paar in einer Luxusvilla am See blickt wie leblos durch eine Panoramascheibe in die Natur. Der dazugehörige Film erzählt die Vorgeschichte des Bildes: die Lieferung eines dunklen, bedrohlich wirkenden Gemäldes und die verstörende Wirkung, die es auf das scheinbar perfekt geordnete Leben der modernen Menschen hat.

Ja? … Nein, ich hatte einen Albtraum … Das neue Bild? …. Das Bild? … Ja, das Bild, es ist dunkel!

Am Ende wird das Filmpaar selbst zur Malerei, ein Standbild verwandelt sich zurück in Bocks Gemälde. Ein gemalter Film, oder: gefilmte Malerei? In Bocks Filmen übernehmen seine Gemälde die Rolle eines Protagonisten:

Ich saß irgendwann mal im Atelier und hatte so ein Bild gemalt von einem vereinsamten Paar an einer Panoramascheibe. Und da hab ich dann gedacht, jetzt wär’s doch mal total interessant, dieses Bild zu verfilmen, also zu fragen: Wie kamen die dahin? Da ging’s mir einfach darum, darzustellen, was ich wahrnehme, dass die Beziehungslosigkeit extrem zunimmt. Dass das wahrscheinlich ein Problem ist, unserer Gesellschaft, ein Dekadenzproblem, weil jeder sich sein eigenes Haus bauen kann und dann da alleine stirbt in seinem Sarkophag.

Schaut man aus dem Fenster von Bocks Atelier, sieht man moderne Luxus-Townhouses, die an seine “Wohnsarkophage” erinnern. “Meine Kunst hat mich eingeholt”, sagt er und lacht. Immerhin hat er in dieser gefragten Gegend ein 60 Quadratmeter großes Atelier ergattert. Hier malt er, wenn er nicht gerade Ausstellungen oder Filmvorführungen in Berlin, Dresden, oder in Salzburg organisiert, seinen nächsten Film vorbereitet, oder als Bassist und Sänger der Indierock-Band Cayoon am nächsten Filmsoundtrack arbeitet:

Das künstlerische Handeln, das Tun so zu sagen, immer wieder aus dem Nichts versuchen, was zu schöpfen, das ist was, was ich halt nicht aufhören kann. Bei mir ist das ja auch immer verschränkt mit der Musik. Ich hätte auch Musiker werden können, ja so …

Sagt Bock und wendet sich wieder seiner Staffelei zu. Der heute 44-jährige kommt im August 1989 nach West-Berlin, studiert Philosophie und Geschichte. Aus der Salzburger Heimat hatte der Sohn zweier deutscher Psychoanalytiker die Nähe zu den Geisteswissenschaften mitgebracht. Nebenbei malt er, macht Musik und filmt, knüpft Kontakte zur Ostberliner Künstlerszene.

Die Mauer ging auf, und ich muss ehrlich sagen, dass das für mich auch so eine Art Befreiung war. Ich war sehr beeindruckt von den Menschen, die ich da kennengelernt habe. Von dieser Offenheit, von diesem ’nur in den Tag Leben’, nicht ans Morgen denken. Das war das Gegenteil von dieser westlichen Sicht aufs Leben, in Zyklen zu denken und zu sagen: Jetzt muss ich dies machen, jetzt muss ich das schaffen, dann kann ich das machen, und so weiter.

Mit 29 Jahren macht Bock schließlich seine Leidenschaft zum Beruf, bricht sein Studium ab und schreibt sich an der Kunsthochschule Dresden für Bildende Künste ein. Mittlerweile hat er sich mit seinen Bildern der kalten Moderne einen Namen gemacht, und außerdem zwei Kurzfilme gedreht, in denen auch seine Frau als Bühnenbildnerin und sein 9-jähriger Sohn als Schauspieler mitwirken.

Derzeit malt Bock die Bilder, die in seinem dritten Film die Hauptrolle spielen sollen. Dafür hat er sein Thema einfach vom Kopf auf die Füße gestellt: Nicht mehr verlorene Menschen in anonymen Wohnhäusern sind zu sehen, sondern wilde Natur in Großformat, statt grauer Architektur leuchten lichte Grünfarben. Eine nackte Frau allein im überbordenden Wald.

Das könnte eine Verlorenheit haben, aber ich will, dass sie eher eine Geborgenheit ausstrahlt. Die Moderne als Märchen. Das ist genau das, daran arbeite ich mich ab. Das sind Märchen zur Moderne, ja! Der Hauptpunkt, warum ich das mit dem Film mache, ist, dass es die einzige Chance ist, mein Interesse für Narration umzusetzen. Weil für mich Malerei durch die Erfindung des Films nicht mehr die Aufgabe hat, mir eine Geschichte zu erzählen.

Die Sache mit dem Ich

Hat der erfolgreiche Reporter und Autor Marc Fischer sich und die Außenwelt verwechselt? Keine Grenze mehr gefunden zwischen “ich” und “denen da”, die er so wunderbar beschreiben konnte? Spekulationen anlässlich Fischers posthum erschienenen Reportagebands “Die Sache mit dem Ich”.

Deutschlandfunk, 27.6.2012

(Deutschlandfunk, “Büchermarkt”, 27.6.2012)

Was macht einen guten Reporter aus? Wie erzählt man eine gute Geschichte? Marc Fischer wusste es. Bereits mit Mitte zwanzig wurde er zu einem der prägenden Autoren des deutsche Magazins „Tempo“, das sich den „new journalism“ auf die Fahnen geschrieben hatte. Wie bei den amerikanischen Vorbildern Tom Wolfe oder Hunter S. Thompson ging es hier nicht um formvollendete Kulturreportagen oder ausrecherchierte Enthüllungsstorys, es ging auch nicht um intelligente Analysen des Zeitgeistes. Autoren wie Christian Kracht, Maxim Biller oder Uwe Kopf fanden in „Tempo“ ein Medium, in dem der Reporter nicht länger nur als Chronist oder Berichterstatter fungierte. Vor allem ging es um sein „Ich“, seine Haltung und seine Sicht auf das Geschehen. Er war nicht länger Beobachter, sondern Teil der Szene, die er beschrieb – seine Anwesenheit machte die Geschichte, die er erzählte, erst zu einer Geschichte. Marc Fischer beherrschte diese Ich-bezogene Disziplin zwischen Journalismus und Literatur so meisterhaft, dass er auch nach dem Ende von Tempo 1996 sein Geld damit verdiente, für die großen Magazine und Tageszeitungen Geschichten zu schreiben über seine Begegnungen mit Berühmtheiten oder Unbekannten, über sein Leben und Reisen als Reporter und Privatmensch. Mit aller Leidenschaft war er das, was er im jetzt erschienen Reportage-Band „Die Sache mit dem Ich“ einen „Mietreporter“ nennt.

Ich will Sie hier nicht mit Branchengeschwätz nerven, aber unter Mietreportern meines Typs kursiert seit Jahren eine Liste mit Prominenten, die sich kaum ein Mensch freiwillig zum Interview aussuchen würde – zu anstrengend, zu banal, zu aussichtslos.

Wo das verpatzte oder schlicht uninteressante Treffen mit einem Star jeden Redaktionsvolontär in peinliche Verlegenheit bringen würde, macht Marc Fischer genau daraus den Kern seiner Geschichte. Er führt dem Leser sein eigenes Scheitern als Reporter geradezu genüsslich vor: sei es das Treffen mit dem REM-Sänger Michael Stipe, bei dem Fischer die einzige interessante Frage nicht zu stellen wagt. Oder beim Interview mit der Schauspielerin und Sängerin Jennifer Lopez, die nach nur wenigen äußerst unpassenden Fragen entnervt das Gespräch abbricht. Auf wenigen Seiten demontiert Fischer mit beschwingter Leichtigkeit nicht nur sich selbst als Reporter, sondern auch sein Gegenüber und damit gleichsam die Glitzerwelt der Prominenz. Fischers literarische Reportagen, oder Reportage-haften Short-Storys, werfen stets einen wohlwollenden Blick auf die rätselhafte Welt, egal ob es um wirre Gestalten der Berliner Künstlerszene geht, um einen japanischen Yakuza-Mafioso, oder das Sommerfest der Partei Die Linke. Auch vom missratenen Versuch, in einem Restaurant eine fremde Frau anzusprechen, lässt Marc Fischer sich nicht die Laune verderben.

Ich stellte mich vor und sah sie an. „Das Problem“, sagte ich dann zu ihr, „ist, dass diese Welt so gebaut ist, dass ich Sie anlügen muss. Die Welt will, dass ich Ihnen alle möglichen Komplimente mache, mich beherrsche und den Grund verleugne, warum ich hier vor Ihnen  stehe. Ich habe nun beschlossen, mit den Gesetzen der Welt zu brechen und Ihnen den wahren Grund zu verraten – für Sie für mich, für die Welt. Der ist, dass ich nur noch daran denken kann, Sie anzufassen, seit ich Sie sah. Es wäre mir das allergrößte Vergnügen! Gehen wir jetzt?“
Stille.
Meine Freunde sahen mich an. […] Alle im Restaurant sahen mich an. Die Welt mit ihren seltsamen Verabredungen und Regeln und todbringenden Gesetzen sah mich an.
Nur sie nicht. Sie sagte „Danke, aber: nein Danke“.
Ich bin der Typ, der sie anspricht. Dass ich auch der Typ bin, bei dem sie Ja sagen, habe ich nie behauptet.

Diese Weltschau des bewussten Scheiterns trieb Marc Fischer so weit, dass er in seinem 2011 erschienene Buch „Hobalala“ ausschließlich über die Erfolglosigkeit seiner Suche nach dem Gitarristen und Sänger João Gilberto in Brasilien berichtete. Auch in den 43 Reportagen in „Die Sache mit dem Ich“ geht es weniger um das Erlebte selbst als um das „wie“ des Erlebens. Fischer stellt eine enge Verbindung her zwischen seinem Erzähler-Ich und dem Leser, indem er ihn Schritt für Schritt an der Entstehung der Geschichte, an der Formung seiner Eindrücke und Empfindungen zu einer Haltung gegenüber dem Geschehen teilhaben lässt. Noch in der unspektakulärsten Begebenheit entdeckt Fischer die Rätselhaftigkeit der Welt, stellt sie mit einem Glanz dar, und der stetigen Überzeugung, dass genau dieser Augenblick etwas Besonderes sei. Fischer jagt dem „Liz Hurley“ Gefühl hinterher, das die Schauspielerin Elisabeth Hurley seiner Meinung nach 1994 bei der Premierenfeier zu „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“ verspürt haben muss, als sie in einem aufregenden Kleid ihren damaligen Freund Hugh Grant begleitete.

Was es beschreibt, ist ganz einfach: den Gefühlszustand, in dem sich Liz Hurley befunden haben muss, als sie mit diesem Kleid auf die Party ging, den Moment, in dem sie dachte: Ladys and Gentlemen – ich bin Liz Hurley, verdammt noch mal, und nach diesem Abend wird die Welt für Euch und für mich eine andere sein, für immer. Das Liz-Hurley-Gefühl ist also ein Gefühl des Glücks und der Ekstase – und immer wenn sich einer von uns glücklich oder ekstatisch fühlte, sagte er: „Ich glaube, ich habe gerade ein Liz Hurley Gefühl.“

Dieses Gefühl der Ekstase, mit der Fischer seine Welt wahrnimmt, macht einerseits die Stärke seiner Geschichten aus. Andererseits setzt dieses ekstatische Erleben ein stetig angespanntes Ich voraus, nötigt den literarischen Reporter dazu, mit ganzer Überzeugung erzählenswerte Geschichten auch dort zu entdecken, wo eigentlich nicht viel passiert. Woraus dieses Hochspannungs-Ich lebt, beschreibt Fischer in der letzten der Geschichten von „Die Sache mit dem Ich“, der „Reise ins Ich“, über die „Fischerwelt“, wie er sie nennt, dem einzigen Ort, an dem er Ruhe findet:

Darum ist es immer tragisch, wenn ich nach einiger Zeit wieder herausmuss aus der Fischerwelt, weil die Welt draußen meine Anwesenheit verlangt. Besonders kurz nach der Rückkehr sind nur Leere und Trauer in meinem Gesicht. „Hallo, jemand zu Hause?“, solche Fragen stellen mir meine Freunde dann, während sie mit ihren Fäusten sanft gegen meinen Kopf hämmern.
Ich schiebe es meist auf die Zeitumstellung.

Wer Marc Fischers posthum erschiene Reportagen heute liest, tut dies immer auf dem Hintergrund seines plötzlichen, selbstgewählten Todes im April 2011. Die Welt hat mit ihm einen hochtalentierten Autor verloren, dessen zwischen Weltbeobachtung und Projektion tanzende Ich-Geschichten so wirken, als stünde man mit ihm gutgelaunt an einer Bar, und ließe sich von seinen Erzählungen fesseln, ganz gleich ob sie erfunden oder wahr sind.

„Sailing Conductors”

Sie bereisen seit drei Jahren auf ihrem alten Segelboot die Welt und machen Musik mit allen, die Lust dazu haben: von den Salomonischen Inseln über Australien, Süd-Ost Asien und Afrika bis nach Südamerika. Wo immer sie auf der Suche nach dem Klang der Welt an Land gehen suchen sie nach lokalen Musikern, die sie mit ihrem mobilen Tonstudio aufnehmen.

Deutschlandfunk, 10.1.2014

(Deutschlandfunk, Corso, 10.1.2014)

Wir versuchen, der Worthülse Weltmusik endlich mal den entsprechenden Inhalt zu verleihen. Bis jetzt ist Weltmusik das, was in den Regalen nicht einsortiert werden kann – das heißt dann eben Weltmusik, auch wenn es nur aus Osteuropa kommt. Wir haben uns gedacht: das ist ein schöner Begriff, wir segeln um die Welt, nehmen Musik auf, und das ist dann echte Weltmusik.

Hannes Koch sitzt in der „Ankerklause“ in Berlin-Kreuzberg, im Hintergrund schreien die Möven über der Spree. Hier gönnt sich der Mitzwanziger mit zerzaustem Haar, Bart und Seemannsjacke eine kurze Pause. Seit drei Jahren segeln Hannes und sein Kumpan Benn mit ihrem Segelboot über die Weltmeere. Mit an Bord: ein Laptop, eine mobile Soundkarte, ein paar Mikros. In jedem Hafen, in dem die Sailing Conductors einlaufen, machen sie sich auf die Suche nach örtlichen Musikern, die sie aufnehmen. In einem Land spielt jemand den Gitarrenpart, im nächsten Hafen finden sie einen Sänger und tausende Meilen weiter fällt einem Schlagzeuger vielleicht etwas dazu ein. So entsteht nach und nach ein kompletter Song. An „Kalighata“ zum Beispiel, einem der Stücke auf ihrer ersten CD, sind neun verschiedene Musiker beteiligt, angefangen bei der indischen Sängerin Ujainy.

Bei Kalighata war das so, dass wir Ujainy in Indien aufgenommen haben. Dann sind wir weitergereist, und erst ziemlich spät, in Südafrika, haben wir dann Andrew James getroffen, der diesen Song bekommen hat und dann Gitarre dazu gespielt hat, aber etwas ganz anders gemacht hat als die Originalgitarre und so dem Song eine komplette Wendung gegeben hat, dadurch, dass er die Harmonien und den Rhythmus komplett verändert hat. Dann hab ich noch dazu Bass eingespielt, Benni hat dazu Cello eingespielt. In Indien hatten wir einen elektronischen Beat aufgenommen von Marc. Den haben wir dann dazu geschustert. Und dann haben wir viele Instrumente aus unserer Bibliothek, die wir schon aufgenommen hatten, darein gequetscht.

Auf der Suche nach dem Klang der Welt sind die beiden Tontechniker 2011 auf den Salomonischen Inseln in See gestochen, dann ging es weiter über Papa-Neuguinea, Australien, Süd-Ost Asien, Madagascar und Afrika, bis nach Südamerika. Und genau so klingen auch die Songs, die die beiden von ihrer Weltreise mitgebracht haben.

Wir nehmen das auf, was kommt, und natürlich sollen sich Stile dann auch vermischen, aber wir haben immer gesagt: Musiker, ihr macht das schon, und was ihr macht, ist genau das Richtige für die Aufnahme.

Tablas aus einem indischen Dorf, der Bass auf dem Strand von Madagaskar, die Gitarre im Hafen von Südafrika, dazu ein wenig Gesang von einem Balkon in Thailand: die Toningenieure nehmen die Musiker gerade dort auf, wo sie sie finden: auf ihrem Album hört man im Hintergrund Vögel zwitschern, Wind rauschen oder den vorbeifahrenden Verkehr. Ursprünglich hatten die Tontechniker vor, einfach etwas Besonderes in der überlaufenen Medienbranche zu erfinden. Daraus ist nach kurzer Zeit aber eine Weltanschauung geworden.

Dann kann man auch sagen, dass da auf einmal unterschiedlichste Religionen, Hautfarben, Kulturansichten, Einkommensgrenzen komplett durchmischt werden. Aus der ganz egoistischen Perspektive ist dann geworden, dass wir mittlerweile sagen, dass unsere Musik die Welt verbindet und zeigt, dass Grenzen eigentlich nur in den Köpfen existieren. Musik ist ein universelle Sprache, Liebe und Musik, das ist unsere Religion. Die Welt ist gut! So Hippie-mäßig das auch klingt.

Derzeit liegt ihr Boot Marianne in Jamaika vor Anker, bald geht es weiter Richtung USA. Im August will Hannes mit Benn dann in seinem Rostocker Heimathafen einlaufen und alle Musiker, die sie getroffen haben, zu einem großen Konzert einladen. Bis dahin sammeln die Sailing Conductors die Klänge der Welt und basteln sie auf hoher See Unterdeck zu echter Weltmusik zusammen.