Gesellschaft

Cornelius Wüllenkemper – Texte und Hörfunk

 

Haitis ungewisse Zukunft

Im Oktober 2017 zogen nach 13 Jahren die UNO-Stabilisierungstruppen aus Haiti ab. Die Bilanz der Mission ist durchwachsen, außer einer gewissen Stabilisierung hat die UN vor allem Misserfolge vorzuweisen. Viele Haitianer sprechen deswegen vom “Ende der Besetzung”. Wie geht es weiter im schönsten Armenhaus der Welt, in der einstigen “Perle der Antillen”?

ORF, 11. Oktober 2017

ORF, Journal Panorma, 11. Oktober 2017

Haitis Ungewisse Zukunft

Mitte Oktober zogen die UNO-Truppen aus Haiti ab, die dort seit 13 Jahren zur Stabilisierung des Landes stationiert waren. Die UN-Mission ist im Land alles andere als beliebt, nicht zuletzt weil die Blauhelme die Cholera eingeschleppt haben und des Kindesmissbrauchs überführt wurden. Viele Haitianer sprechen deswegen vom “Ende der Besetzung”. Haiti selbst fehlen wirtschaftliche und politische Kraft zur Erholung.

Die einstmalige Traumdestination leidet immer noch unter den Folgen des Duvalier-Regimes und unter den Zerstörungen des katastrophalen Erdbebens von 2010 mit 300.000 Toten. Der Tourismus liegt darnieder, die Infrastruktur ebenso. Justiz- und Bildungswesen sind kaum entwickelt. Wie geht es weiter im schönsten Armenhaus der Welt, in der einstigen “Perle der Antillen”?
Wie kann Haiti sich wieder emporrappeln?


Wenn aus Flüchtlingsschlauchbooten Designertaschen werden

Zwei junge Berliner Flüchtlingshilferinnen machen mit einer ungewöhnlichen Idee von sich reden. Aus den Schlauchbooten, die Flüchtlinge an griechischen Stränden hinterlassen, stellen sie gemeinsam mit Asylsuchenden Taschen und Portemonnaies her.

Deutschlandfunk, 17. Mai 2017

Deutschlandfunk, Deutschland Heute, 17. Mai 2017

Hier schau, das sind drei Schichten. Manchmal bringen wir die Maschine damit zum Rauchen!

Abid Ali setzt vorsichtig eine Naht auf einen dicken, dreilagigen Gummistoff. Der 35jährige Pakistani ist seit 18 Monaten in Deutschland, in seiner Heimat hat er in einer Textilfabrik gearbeitet, bis er sich auf den Weg nach Europa gemacht hat, durch den Iran in die Türkei, und schließlich im Schlauchboot auf die griechische Insel Lesbos. An die Überfahrt erinnert sich Abid noch genau:

Unser Schlauchboot war blau-grau, mit einem Außenborder von Yamaha. Wir kamen in stürmisches Wetter, und ich habe schließlich das Steuer übernommen. Nach fast zwei Stunden fahrt hatten wir es dann geschafft, alle sind sicher übergekommen, vor allem auch die sieben Kinder.

Dass aus den Schlauchbooten, in denen er und viele andere Flüchtlinge die gefährliche Überfahrt nach Griechenland wagen, mal Designertaschen hergestellt würden, hätte Abid Ali wohl nicht gedacht. Mimycri, so heißt das Label von Vera Günther und Nora Azzaoui, mit dem die beiden Berlinerinnen aus den zurückgelassenen Schlauchbooten in ihrem Atelier Rucksäcke und Portemonnaies produzieren. Dreimal waren die beiden jungen Frauen in Griechenland, um zu helfen, die Strände von den Überresten der Flüchtlingsankunft zu säubern, vor allem ausgediente Schlauchboote, Schwimmwesten und Kleidungsstücke einzusammeln.

Die erste Zeit, die wir da verbracht haben, war sehr intensiv. Da kamen ganz viele Leute pro Nacht an, da hatte man gar keinen Raum zu überlegen, was man noch mit den Sachen machen könnte. Da war immer so viel Müll, was macht man damit? Dann sind wir nach Hause gefahren, haben ein Stück mitgenommen und haben das einem befreundeten Designer gezeigt und dann gemerkt: man kann was damit machen!

Gesagt getan: Die Schlauchboote wurden kurzerhand in Teile zerschnitten, in Kisten verpackt und per Spedition nach Berlin transportiert. Schnell fand sich ein Team aus Asylsuchenden und Freiwilligen, die die Idee des Up-Cycling mit Kreativität, dem Engagement für Integration und der Hoffnung auf eine Perspektive in Deutschland verbinden wollte. Neben dem pakistanischen Näher Abid Ali besteht das Mimycri Team mittlerweile aus rund 10 Mitarbeitern aus sieben Nationen. Auch Nora Azzaoui, die eigentlich als Unternehmensberaterin arbeitet, lernt noch täglich dazu.

Hassan ist aus Syrien, eigentlich Architekt, der hat gute Ideen zu Formen und wie Sachen aufeinander abgestimmt werden können. Und dann haben wir Abid, der die Sachen toll umsetzen kann. Ich hab auch gelernt, dass ein Designer nicht jemand ist, der das dann zwangsläufig gut nähen kann. Es ist gut, dass hier diese beiden Qualifikationen da sind.

Einmal in der Woche trifft sich das Mimycri Team im Atelier um neue Taschenmodelle zu entwerfen, über Produktionsmethoden und zukünftige Schritte zu diskutieren. Bevor es an die Herstellung der qualitativ hochwertigen Rucksäcke geht, werden im Netz Aufträge gesammelt und je nachdem Materialbedarf und Produktionszyklen angepasst. Noch ist Mimycri auf Fördergelder von Spender angewiesen. Einhundert Rucksäcke hat das Team in diesem Jahr bereits verkauft, zum Preis von immerhin rund 160 Euro. Die Wirtschaftlichkeit steht bei ihren Accessoires aus ausgedienten Flüchtlingsbooten nicht im Vordergrund, betont Nora Azzaoui.
Es ging uns mehr darum, ein Alltagsprodukt zu schaffen, das eine Geschichte mit sich trägt. Was macht das mit dir, wenn du das Material anfasst, was bedeutet das? Und ich glaube, die Taschen eignen sich sehr gut, weil sie sehr robust sind und wasserabweisend. Aber wir sind auch offen für neue Vorschläge, was man daraus alles machen könnte.

Bis heute arbeiten alle Mimycri-Mitarbeiter ehrenamtlich. Gerne würde Nora Azzaoui ihren Helfern baldmöglich zumindest eine Aufwandsentschädigung zahlen. Dafür bemüht sich Abid Ali, der Näher aus Pakistan, derzeit um die nötigen Dokumente vom Amt.

Wir haben es mit medialem Krieg zu tun

Dass Russland mit krummen Methoden auf die Meinungsbildung im Westen einwirkt, hört man allenthalben. Aber wie genau? Kommunikationsstrategen der Nato meinen, es zu wissen. Ein Ortsbesuch.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.1.2017

Wird die kommende Bundestagswahl bereits überschattet von russischen Propagandastrategien? Janis Sarts, Direktor des seit 2014 in Riga ansässigen StratCom-Forschungszentrums, ist davon überzeugt. Russlands wiederholte Versuche, Angela Merkels Flüchtlingspolitik zu diskreditieren, seien ein „Test, inwiefern man bestehende Probleme dazu nutzen kann, um einen politischen Wandel in Deutschland zu begünstigen“. Nach den Vorwürfen gegen die russische Regierung, sie habe in den amerikanischen Wahlkampf eingegriffen, dürfte die jüngste Warnung von Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg vor möglicher Einflussnahme in anderen Bündnisstaaten auch in der lettischen Hauptstadt auf offene Ohren gestoßen sein.

Das „Nato Strategic Communication Centre of Excellence“ analysiert feindliche Medienoffensiven und berät Regierungen bei der Entwicklung von Gegenstrategien. Bisher zählen sieben Staaten zum festen Kreis der unterstützenden Nato-Mitglieder, darunter Deutschland. Frankreich und die Niederlande stoßen demnächst hinzu. In allen drei Ländern wird 2017 gewählt. Herrscht, nachdem die Nato im vergangenen Jahr virtuelle Angriffe zum möglichen Auslöser des Bündnisfalls erklärte, schon Kalter Krieg zwischen den Kommunikationsstrategen? „In den Medien haben wir es längst mit einem heißen Krieg zu tun“, sagt der StratCom-Direktor Janis Sarts. „Die russische Propaganda nutzt Themen, die das Potential haben, gesellschaftliche Gräben zu vertiefen. Was Deutschland betrifft, ist eines dieser Themen die Flüchtlingspolitik. Die Migration hat in Deutschland eine scharfe Debatte entfacht, die leicht instrumentalisiert werden kann, um eine Spaltung voranzutreiben und so die gewünschten politischen Effekte zu erzielen.“

Agitiert Russland verdeckt gegen die Bundesregierung?

Mit erfundenen Nachrichten zum Beispiel werden Ängste geschürt. So verbreitet die deutschsprachige, von Russland aus operierende Plattform „anonymousnews.ru“ groteske Meldungen über Flüchtlinge in Deutschland, wie jene, Migranten nutzten W-Lan-Spots, um tierpornographische Inhalte abzurufen. Eine andere Falschmeldung handelte von einem Nato-Offizier, der sich angeblich in Aleppo dem IS angedient habe. Auch die deutschsprachige Version des vom Kreml finanzierten Senders „Russia Today“ verbreitete die haltlose Behauptung. Dass solche Geschichten ihr Publikum finden, zeichnete das Portal „Buzzfeed“ nach: So wurde 32.000 Mal ein Post der Website „yournewswire.com“ geteilt, der die Behauptung aufstellte, Angela Merkel habe ein Selfie mit einem der Attentäter von Brüssel aufgenommen.

Nicht immer ist die Zuordnung derartiger „Nachrichten“ zur russischen Propaganda-Maschinerie möglich, doch weisen in vielen Fällen Verbreitungsmuster und Machart der Falschmeldungen in dieselbe Richtung. Der StratCom liegen nach eigener Darstellung Beweise dafür vor, dass Russland in Deutschland verdeckt und konkret gegen die Bundesregierung agitiert, um etwa einen Kurswechsel bei der Sanktionspolitik der Europäer im Ukraine-Konflikt zu begünstigen. Konkrete Beispiele, in denen eine Beteiligung des Kremls nachgewiesen werden konnte, unterliegen aber leider der Geheimhaltung.

Ehemalige Sowjetrepubliken gelten als mediales Frontgebiet

StratCom-Direktor Janis Sarts kennt die Kommunikationsstrategien des Kremls. Er beriet das lettische Verteidigungsministerium, bevor er Ende 2014 die Leitung der StratCom-Zentrale in Riga übernahm. Die auf eine Initiative der baltischen Staaten und Polens zurückgehende Einrichtung erhielt nur wenige Monate nach dem Einmarsch der Russen auf der Krim und der parallel laufenden Medienkampagne über den „Schutz der russisch-ethnischen Minderheit“ auf der Halbinsel ihre Akkreditierung bei der Nato. Gerade die ehemaligen Sowjetrepubliken im Baltikum mit ihrer russischsprachigen Minderheit gelten spätestens seit der Krim-Invasion als mediales Frontgebiet. Eine Blaupause für einen Informationskrieg mit Russland?

Knapp fünfzig Prozent der Bewohner der lettischen Hauptstadt sind ethnische Russen, mehr als 25 Prozent sind es im ganzen Land. Das sei die Zielgruppe der russischen Auslandspropaganda, sagt Janis Sarts: „Vor allem das russische Fernsehen indoktriniert seine Zuschauer. Zudem gibt es verschiedene von Russland finanziell unterstützte Organisationen wie Russkij Mir oder World Without Nazism sowie zahlreiche Internetforen, die das russische Narrativ verbreiten: Lettland sei ein gescheiterter Staat, der von der EU als billiger Arbeitsmarkt missbraucht werde und in dem die EU minderwertige Produkte verramsche. Europa, so wird kommuniziert, sei das reine Chaos und stehe kurz vor dem Zerfall.“ Die beste Desinformation sei diejenige, die vom Feind nicht bemerkt werde, sagt Sarts. „Ich gehe davon aus, dass viele Länder nichts davon merken oder beschlossen haben, nichts merken zu wollen.“

Sogar der russische Außenminister steigt darauf ein

Neben dem Fernsehen betrachtet Sarts das Internet als zentralen Schauplatz des Informationskriegs. Dass Russland „Trollfabriken“ unterhält, ist inzwischen bekannt. Deren Mitarbeiter belagern Online-Foren und Websites mit massenhaft abgesetzten Kommentaren oder verbreiten gefälschte Nachrichten. „Wir versuchen zu beweisen, dass dahinter eine bezahlte und organisierte Anstrengung steht, deren Ziel es ist, Meinungen und Stimmungen zu beeinflussen“, sagt Sarts. Das „Robot Trolling“, also Nachrichten und Kommentare, die von Computern generiert werden, spiele eine immer größere Rolle. „Wir sind dabei, Techniken zu entwickeln, die Robot-Trolling mit einem Algorithmus aufdecken und ihnen entgegenwirken“, sagt Sarts. Erfundene Nachrichten und Meinungsmache gegen die offene, demokratische Gesellschaft kommen vor allem bei Anhängern links- oder rechtsextremistischer Bewegungen und sozialen Randgruppen an. Als paradigmatischen Fall ruft der StratCom-Direktor Sarts den „Fall Lisa“ in Erinnerung: Im Januar 2016 hatte eine dreizehnjährige Russlanddeutsche aus Berlin-Marzahn fälschlicherweise behauptet, von zwei arabischstämmigen Flüchtlingen in einer Wohnung festgehalten und vergewaltigt worden zu sein. Nicht nur Rechtsextreme nutzten die Falschmeldung für ihre Zwecke, zahlreiche Mitglieder der russlanddeutschen Gemeinde demonstrierten vor dem Berliner Kanzleramt für „ihre“ Lisa. Der russische Außenminister Sergej Lawrow warf den deutschen Behörden öffentlich vor, den Fall vertuschen zu wollen.

In diesem Fall sei der russischen Propaganda-Maschinerie allerdings ein schwerer Fehler unterlaufen, sagt Janis Sarts, denn die Geschichte habe sich eindeutig als Falschmeldung entpuppt. „Die Methode war klassisch: Gefühle werden geschürt, oft mit Hilfe von Kindern oder älteren Menschen, und dann benötigt man noch einen ,Mann von der Straße‘. Da bedient man sich in Russland trainierter Schauspieler, die in verschiedene Rollen schlüpfen, um so die Glaubwürdigkeit der Geschichte zu steigern. An solchen Desinformationskampagnen sind traditionelle Medien, aber auch soziale Netzwerke, Nichtregierungsorganisationen und natürlich Politiker beteiligt. Die Art und Weise, wie diese Elemente dann ineinandergreifen, macht sehr deutlich, dass dahinter die konzertierte Initiative eines einzigen Befehlsgebers steckt.“

„Wir übernehmen die Verantwortung für das, was wir sagen“

Die Schlacht um die Wahrheit ist längst eröffnet, das legt auch ein Blick auf die Website der StratCom-Zentrale nahe. Dort ist davon die Rede, dass man mit strategischer Kommunikation „Wahrnehmungen, Einstellungen und Verhalten“ der Öffentlichkeit im Sinne der politischen und militärischen Ziele der Nato beeinflussen wolle. Wo ist da der Unterschied zu den Methoden, die man angreift? Janis Sarts hat darauf eine smarte Antwort: „Der grundlegende Unterschied zwischen Propaganda und strategischer Kommunikation ist, dass unsere Arbeit auf Tatsachen beruht, dass wir ehrlich sind. Wir übernehmen die Verantwortung für das, was wir sagen. Wenn ich behaupten würde, dass wir die Öffentlichkeit nicht beeinflussen wollen, dann wäre das schlicht nicht glaubhaft.“

Wenn die Russen kommen: Lettlands Angst vor dem großen Nachbarn

Der Anschluss der Krim, der Krieg in der Ost-Ukraine, russische Militärmanöver an der Grenze: In Lettland beobachtet man misstrauisch, wie sich die große russische Minderheit im Land dazu verhält. Die Geschichte von Okkupation, Befreiung und Deportation wird plötzlich wieder sehr präsent. Eine Spurensuche in Riga.

Feature, ORF, 15.11. 2016

Feature, ORF Journal Panorama, 15.11.2016

Der Anschluss der Krim, der Krieg in der Ost-Ukraine, russische Militärmanöver an der Grenze, Atom-U-Boote an der Küste: In Lettland beobachtet man misstrauisch, wie sich die größte russische Minderheit des Baltikums angesichts der aktuellen Ereignisse verhält. Junge Letten melden sich zum Militär, russisches Fernsehen wird “wegen Kriegshetze” verboten. Der Kreml schickt aber nicht nur seine eigenen Wahrheiten ins Baltikum, sondern unterstützt großzügig russisch-nationale NGOs und soll sogar Politiker und Journalisten für ihr pro-russisches Engagement bezahlen. Nicht umsonst wurde in Riga ein NATO Forschungszentrum gegen den „Propaganda-Krieg“ gegründet. Immerhin, fast ein Drittel der lettischen Bevölkerung sind ethnische Russen, viele von ihnen sind seit der Unabhängigkeit 1991 so genannte Nicht-Bürger, weder Russen  noch Letten. Lettland wurde derweil bereits wiederholt vom Europa-Rat wegen seiner rigiden Minderheitenpolitik gerügt. Ist Nils Ušakovs, der Bürgermeister Rigas, wirklich ein „Spion aus Moskau“, wie seine Gegner gern behaupten? Das Referndum über die Wiedereinführung des Russischen als zweite Amtssprache ist gescheitert, der Initiator Vladimir Lindermann wittert eine Verschwörung der lettischen Geheimpolizei. Dainis Ivans, der Vater der Unabhängigkeit wiederum, spricht von der Unterwanderung des lettischen Staates durch das “KGB-Russland” unter Vladimir Putin. Das nationale Trauma der russischen Okkupation 1945 – 1990 ist längst wieder erwacht. Alles Hysterie?

 

Die beste aller möglichen Welten

300 Jahre Gottfried Wilhelm Leibniz: Leben wir in der besten aller möglichen Welten? Aber was heißt eigentlich „möglich“? Und kommen wir überhaupt ohne Utopien aus – politische, soziale, ökonomische oder ökologische? Gibt es Rezepte für ein besseres Leben, für ein besseres Ich?

Deutschlandfunk, 28.1.2016

Deutschlandfunk, Aus Kultur- und Sozialwissenschaften, 28.1.2016

Leben wir in der besten aller möglichen Welten? Wie es um die Gegenwart steht, kann nur ein Blick in die Vergangenheit und eine Vorschau in die Zukunft klären. Was haben wir erreicht, und was ist noch möglich? Welche Zukunftsvisionen bieten wenigsten ein Stück weit Orientierung? Der Berliner Politiktheoretiker Herfried Münkler sieht gegenwärtig keinen Platz für politische Utopien. Die Gewalterfahrungen des 20. Jahrhunderts haben visionäre Zukunftsentwürfe weitgehend diskreditiert.

Erstens haben wir keine, und zweitens ist die Spur, die sie hinter sich gezogen haben, eigentlich in der Regel eine ziemlich blutige Spur. Insofern würde ich die Frage, ob wir Utopien brauchen und was sie heute leisten können etwas modifizieren: Ja, wenn es dünne Utopien sind, die so ein bisschen was an die Wand malen, aber nicht ausformulieren. Das lässt Spielräume für die praktische Politik aber auch in Reaktion auf praktische Probleme, die auftreten.

Wer sich eine zu genaue Vorstellung von der „besten aller möglichen Welten“  macht, so Münkler, muss früher oder später an der Wirklichkeit scheitern, an ihrer realpolitischen Umsetzbarkeit. Denn ideologisierte Utopien gehen immer auf Kosten der Freiheit des Einzelnen, weil sie keinen Platz für Ambivalenz lassen. Aber wie soll man die Gegenwart gestalten, ohne ein Bild von der Zukunft zu haben? Wo ist der Weg, wenn es kein Ziel gibt? Der Soziologe Harald Welzer  betonte in der Berliner Akademie der Wissenschaften, dass Utopien wichtiger werden denn je.

…weil wir ja in einer Gegenwart leben, der ja doch die Zukunft radikal abhanden gekommen ist. Ich glaube, wenn man die gegenwärtigen Debatten liest tagtäglich, die Hysterisierung von Einzelereignissen, das Durchhecheln von einer Katastrophe und der nächsten Katastrophe, dann fehlt ja überhaupt der Bezugspunkt, auf was man diese hysterisierten Tagesereignisse eigentlich bezieht. Die beiden Bezugspunkte sind Vergangenheit auf der einen Seite und Zukunft auf der anderen Seite. Die reine Gegenwartsbetrachtung selber muss notwendig in sich kreisen.

Angesichts einer unübersichtlichen Gegenwart mit globalisierten politischen, ökonomischen und ökologischen Entwicklungsprozessen, fordert Welzer Raum für visionäre Zukunftsentwürfe. Und wie steht es um unsere Werte und deren Zukunftsfähigkeit? Steht die westliche Welt und ihr liberaler, humanistischer Wertekanon für das Richtige und Gute? Keineswegs, meint der Berliner Sozialphilosoph und Soziologe Hans Joas zur Frage, ob die Menschenrechte genuin westlich seien. Die Entstehung religiös-ethisch fundierter Vorstellungen von jedem einzelnen Menschen angeborenen Rechten sei nicht nur für das antike Griechenland, sondern auch für die Kulturgeschichte Chinas, Indiens und Persiens nachzuweisen. Die 1948 von den Vereinten Nationen verabschiedete allgemeine Erklärung der Menschrechte, sei nur die rechtliche Ausformulierung einer Jahrtausende alten, kulturübergreifenden Idee.

Wenn wir die Fälle Frankreich und Nord-Amerika in den Blick nehmen, sehen wir auch eine hässliche Seite dieser Entstehung. Der Autor des Satzes „All men are created equal“ in der Präambel zur amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, Thomas Jefferson, war bekanntlich selber ein Sklavenhalter. Und die andere hässliche Kehrseite dieser Geschichte des Westens ist die Geschichte des Kolonialismus. In Europa wurde im 18. Jahrhundert die Folter abgeschafft. In den europäischen Kolonien nie.

Wer die Idee der Menschenrechte als eine kulturelle Errungenschaft des Westens erkläre, der spreche ihnen zugleich ihre universelle Gültigkeit ab, so der Menschrechtstheoretiker und UN-Sonderberichterstatter Heiner Bielefeldt.

Menschenrechte haben historisch genau damit zu tun: Pluralisierungsprozesse, die dann immer voraussetzen, wir akzeptieren eine Pluralität, wenn sie von Menschen frei artikuliert wird. Das ist für mich der Angelpunkt, die freie Artikulation von Differenz. Und ansonsten sollen Gesellschaften ihre eigenen Experimente machen. Die Menschenrechte sind nicht der weltweite Blue-Print, wie Gesellschaften überall in der Welt organisiert werden.

Nur wer die Menschenrechte als kulturell flexibles Konzept versteht, könne eine globale Menschrechtspolitik voranbringen, so Heiner Bielefeldt. Können wir also aus Zukunftsvisionen etwas für die Gegenwart lernen? Ja, meint der Kölner Literaturprofessor Wilhelm Voßkamp, der auf dem Symposium in der Berlin- Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften die Bedeutung von literarischen Zukunftsvisionen für die Gestaltung der Gegenwart untersuchte. Die wichtigsten Problematiken unserer Zeit, von Datenmissbrauch und Überwachung bis hin zur Genmanipulation und der Mensch-Maschine seien bereits in den utopischen Romanen von Aldous Huxley, George Orwell oder Jewgeni Samiatin Anfang des 20. Jahrhunderts vorausgesagt worden. Die Literatur versuche sich mit Zukunftsbildern einen Reim auf die Gegenwart zu machen. Denn Sinnsysteme würden in der Moderne schneller zerstört, als die Menschen sie neu erschaffen könnten, meint Wilhelm Voßkamp.

Und dagegen wehren sich Menschen, und dagegen wehrt sich auch der Schriftsteller, der solche Entwürfe macht. Sie offenbaren Zustände, die als Probleme wahrgenommen werden. Es geht also immer um die Frage: lässt sich aus der gegenwärtigen Situation qua intellektuellem Entwurf, qua Literatur, eine Art Gegenentwurf machen und liefert dieser Gegenentwurf Sinnvorschläge. Ein Versuch der Bannung dessen, was man als Bedrohung erlebt.

Voßkamp sieht die Literatur als eine Art Warnsystem für die Zukunft, und die Literaturgeschichte scheint ihn tatsächlich zu bestätigen. Ob man in der besten aller möglichen Welten lebt oder wie man diese zukünftig erreichen kann, ist dabei immer auch eine Frage an jeden Einzelnen. Der Germanist und Informatiker Christian Stein vom Exzellenz-Cluster „Bildung Wissen Gestaltung“ der Freien Universität Berlin stellte auf dem Berliner Symposium seine Forschung zum „Besten aller möglichen Ichs“ vor. Wie kann der einzelne Ziele besser erreichen, wie können wir unser Lebensgefühl verbessern und dabei den Ansprüchen genügen, die in Beruf und in der Freizeit an uns gestellt werden? Stein hat mit seinen Kollegen ein Spielsystem entwickelt, mit dem der Einzelne selbst gesteckte Ziele unbeschwerter erreichen soll.

Ein guter Punkt auf einer To-Do Liste ist einer, der durchgestrichen ist. Er fällt weg, ich kann ihn vergessen. Und dabei habe ich ja eigentlich etwas erreicht, etwas Positives. Das hat mir nicht mehr gefallen, dass Planung im professionalisierten Arbeitsumfeld immer mehr auch in das Privatleben eingreift und auch das versucht, in den Griff oder ins Korsett zu bekommen. Es geht eigentlich darum, eine Balance zu erzeugen und auch eine Narration für das eigene Leben zu finden, die einem zeigt: hier geht es nicht um Effizienz, es geht darum, zufrieden zu sein ich glaube, da können Spiele helfen, eine Narration zu finden, wie ein gutes Leben aussehen kann.

Steins Kartenspiel „Singleton“, das bald auch als App erscheinen soll, gibt dem Spieler mehr Flexibilität in Erreichung seiner Ziele und belohnt mit Punkten jeden einzelnen Schritt in die richtige Richtung. Anstatt in starren Denkkonzepten zu verharren, sollte der Traum von der besten allermöglichen Welten ein flexibles System sein, eine Vision, die sich der Realität anpasst – so könnte der Tenor des Symposiums in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften lauten. Oder wie es Stephan Steinlein, Staatssekretär des Auswärtigen Amtes in der Diskussion über politische Utopien ausdrückte: wenn wir es schaffen, Hochmut und Zynismus zu vermeiden und dabei stets neugierig auf Neues bleiben, steht es gut um unsere Zukunft.

Unerhört! Von stummen Schreien und Klanggewittern im Kopf

Was passiert eigentlich, wenn wir hören? Nicht nur der Klang entsteht als individuelle Konstruktion im Kopf des Einzelnen, auch Stille wird ganz unterschiedlich wahrgenommen. Wann Schall zur Qual oder gar zur Folter werden kann und was es braucht, damit wir die bewegten Teilchen der Schalwelle bewusst wahrnehmen – mit diesen Fragen haben sich Wissenschaftler verschiedener Disziplinen beschäftigt.

Deutschlandfunk, 05.02.2015

 

 

Deutschlandfunk, Aus Kultur- und Sozialwissenschaften, 05.02.2015

 

Die Geräuschkulisse von Großstädten gilt als einer der Stressauslöser des modernen Lebens. Es wird nach Ruhe verlangt, nach akustischem Leerlauf.

Dabei ist höchst zweifelhaft, ob die Bewohner von Städten im 18. und 19. Jahrhundert zwischen Pferdewagen, Kopfsteinpflaster und knatternden Dampfmaschinen mehr Stille genießen konnten. „Nur wer dumm ist, verträgt Lärm“, sagte seinerzeit Arthur Schopenhauer und erklärte damit die Empfindlichkeit gegen Lärm zum Statussymbol einer neuen, intellektuell überlegenen Bürgerlichkeit. Seit dem hat sich viel getan. Denn Lärm, so viel weiß man heute, ist nicht nur Teil jeder menschlichen Kultur. Lärm, so betont die Wissenschaftspublizistin Sieglinde Geisel, ist kein sozial bedingtes Phänomen. Lärm entsteht im Kopf des Einzelnen.

Die Frage ist, wie man Lärm definiert. Ich dachte ja am Anfang, es hat mit dem Schall selbst zu tun, bis ich gemerkt habe, dass jedes beliebige Geräusch von jedem beliebigen Menschen als Lärm empfunden werden kann. Das heißt also, ein Geräusch wird erst durch unsere Interpretation zu Lärm. Auch wenn ein Geräusch sehr laut ist: Schall allein macht keinen Lärm.

Kein Fußballfan würde das Jubeln, Schreien und Tröten nach dem geschossenen Tor als Lärm empfinden. Ob wir etwas als Lärm wahrnehmen, hänge auch damit zusammen, ob man den Lärmverursacher sympathisch findet oder nicht, und ob das störende Geräusch vermeidbar ist oder nicht, meint Sieglinde Geisel. So gilt lautes Donnergrollen im Allgemeinen nicht als Lärm, sondern ist eher ein unvermeidbares, Achtung gebietendes Schallereignis der Natur.

Die spielenden Kinder des ungeliebten Nachbarn dagegen empfindet manch einer als individuelle Störung seiner Ruhe, also als Lärm, andere aber nicht. Lräm entsteht eben im Kopf. Das Wort Lärm stammt ab von „Alarm“, was auf Italienisch so viel heißt wie „zu den Waffen“. Lärm dringt an das Ohr, wird bewusst oder unbewusst vom Hirn verarbeitet, warnt, lässt aufschrecken und unruhig werden.

Das Hirn filtert dabei den allergrößten Teil des wahrnehmbaren Schalls automatisch aus. Nur eines von etwa 100 000 Schallereignissen gelangt überhaupt bis in unser Bewusstsein, so Thomas Görne, Klangforscher an der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Aber auch den Schall, den wir nicht bewusst verarbeiten, nehmen wir unbewusst durchaus wahr.

Ich bin der Überzeugung, dass der erheblich größere Teil der Information tatsächlich Wirkung entfaltet. Und das sehr Spannende daran ist, dass sie genau das unmerklich tut. Ein schlichtes Beispiel dafür wäre der Dialog, mit sehr viel Information, die transportiert wird über Parameter wie Sprachmelodie, Details der Diktion, Atmung … was jenseits vom semantischen Gehalt der Sprache ist und was normalerweise aber dann der relevante Teil der Kommunikation ist. Und das, was in der Semantik der Sprache drinliegt, das was gesagt wird, ist unter Umständen völlig unerheblich.

Den konkreten Informationsgehalt eines Schallereignisses nehmen wir laut Görne zum guten Teil unterbewusst wahr. Nur so funktioniert Sprache. Schall dringt an unser Ohr, dieser wird im Gehirn zu Klang zusammengesetzt und ruft schließlich automatisch und unbewusst eine sprachliche Bedeutung ab. Auch Stille ist eigentlich ein künstliches Konstrukt unseres Gehirns.

Stille beginnt mit der Hörbarkeit von kleinen Schallereignissen. Damit, dass das Wassertropfen zwei Räume weiter hörbar wird, dass das Ticken der Uhr hörbar wird. Und das setzt sich dann fort in extrem stiller Umgebung, die wir in natürlicher Umgebung normalerweise nicht mehr finden, aber dann in technisch hergestellten, besonders isolierten Räumen. Ich mache solche Experimente mit meinen Studenten. Wir gehen dann in einen reflexionsarmen Raum und versuchen, kein Geräusch zu machen. Ungefähr die Hälfte der Leute kann es schwer aushalten, und die andere Hälfte findet es sehr, sehr angenehm.

Im streng physikalischen Sinne existiert Stille nicht. Auch wenn man nichts zu hören meint, erklingt das so genannte „Hintergrundrauschen der Welt“, die Brownschen Molekularbewegungen, das Zucken kleinster Materieteilchen. Und dennoch: der Mensch kann „Totenstille“ empfinden, die er allerdings immer aus dem Kontext konstruiert. Während die Stille im Schlafzimmer allgemein als angenehm empfunden wird, gilt die Stille im Wald vielen als bedrohlich.

Nicht nur Stille kann dabei Angst und Schrecken verbreiten, sondern auch ungewollte, unkontrollierbare Beschallung. Morag Grant, Wissenschaftlerin am Käthe Hamburger Kolleg in Bonn, beschäftigt sich mit der Wirkung von Beschallung als akustische Folter, wie sie bereits seit Jahrtausenden eingesetzt wird. Laut dem erst kürzlich erschienen Feinstein-Bericht über die Folterpraxis des CIA ist die andauernde, extrem laute Beschallung der Gefangenen mit Geräuschen oder mit bestimmten Musikstücken ein gängiges Instrument zum Schlafentzug oder zur akustischen Isolation.

Dass man Musik einsetzt, hat natürlich auch Gründe. Weil Musik ist eben etwas, das anders als Rauschen symbolisch sehr [auf-] geladen ist. Und was auffällt, wenn man die unterschiedlichsten Beispiel dann aussucht, ist, dass Musik in den allermeisten Fällen von politischer oder kultureller Bedeutung ist, entweder für die Leute, die Foltern, oder für die gefolterten Leute, oder eben für beide. Und das spiegelt sich auch wieder in anderen Einsätzen von Musik, etwa beim erzwungenen Singen, das sehr breit verbreitet ist, oder auch, wo Musik quasi als Klangauftakt oder als Begleitung zu anderen Mitteln der Folter eingesetzt wird.

So wie Licht und Dunkelheit das Auge reagieren lässt, ist der Hörsinn ebenso empfindlich gegenüber Schall und dessen Abwesenheit. Nur: Augen kann man schließen, der Hörsinn dagegen ist immer auf Empfang. Das Besondere beim Hörvorgang ist, dass wir im Alltag den größten Teil des Hörbaren aus dem Bewusstseinsstrom ausfiltern. Unser Unterbewusstsein bestimmt in der so genannten „Urentscheidung“, was als Information weiterverarbeitet wird. Erst dann fällt die Entscheidung, ob es sich um Stille, Geräusch, Klang, Sprache, Musik oder um Lärm handelt.

Menschen, die auf Smartphones starren

Deutsche Regelungswut oder konsequenter Verkehrsschutz? Der Fachverband Fußverkehr Deutschland will die Smartphone Benutzung beim Spazierengehen verbieten. Eine irrwitzige Debatte.

Deutschlandfunk, 19.03.2015

Deutschlandfunk, Deutschland Heute, 19.03.2015

 

Eine vielbefahrene Verkehrsachse im Zentrum Berlins. Zur Mittagszeit kreuzen hier Autos, Roller, Fahrräder und Fußgänger gleichzeitig. Die Zahl der Verkehrsunfälle steigt seit langem. 16 500 Verletzte im Jahr 2013 gegen 17 500 2014, die Statistik der Berliner Polizei ist eindeutig.

Das berichten auch die Kollegen, dass das Handy Ablenkungsfaktor Nummer eins ist, das ist nicht wegzudiskutieren bei Fußgängern. Dass das Handy immer öfter im Spiel ist, sieht man schon daran, dass wenn der Funkwagen zum Unfallort eilt, und dort liegt die verletzte Person auf der Straße und das Handy liegt daneben. Da sieht man schon in der Praxis, wie oft das Handy die Menschen im Verkehr ablenkt und das sie nicht mehr auf den Straßenverkehr achten.

Sagt Steve Feldmann von der Berliner Polizeigewerkschaft. Schnell noch eine SMS schreiben, Mail beantworten oder einen Anruf annehmen, während man die Straße oder die Straßenbahngleise überquert? Die Handy-Spur, die man kurzzeitig ich China einführte, hat sich ebenso als Flopp erwiesen wie die Smartphone-App aus Japan, die das Handy verriegelt, sobald sich der Nutzer vom Fleck bewegt. Jetzt wartet der Fachverband Fußverkehr Deutschland mit einer neuen Idee auf. In der aktuellen Zeitschrift stellt der FUSS e.V. seinen 600 Mitgliedern die Frage, ob und wie man das Problem in den Griff bekommen kann. Ein Handy- und Smartphone Verbot für Fußgänger? Wie bei Fahrradfahrern und Autofahrern die Benutzung von mobilen Endgeräten ahnden? Das wäre laut FUSS-Mitgliederzeitschrift „nur gerecht“. Dem Fußgänger in Deutschland einfach mal das Telefonieren verbieten – auch Stefan Lieb, Leiter der Bundesgeschäftsstelle des FUSS e.V. in Berlin-Wedding, ahnt, dass das schwierig werden könnte:

Wie ist die Überwachung dazu? Ein Autofahrer, der beim Fahren ein Handy am Ohr hat – ist klar. Aber ein Fußgänger, der am Straßenrad steht zum Beispiel und rumtippt, müsste da das Ordnungsamt kommen und sagen: Sie wollen doch jetzt über die Straße und achten nicht auf den Verkehr? Oder ist der Fußgänger gerade dabei sicher zu stehen, seine SMS zu Ende zu schreiben und dann rüberzugehen?

Eben. Schwierig wird es auch bei der Frage, wie es verkehrsrechtlich zu beurteilen wären, wenn man sich beim Überqueren der Straße angeregt mit seiner Begleitung unterhält, oder beim Gehen Zeitung liest. Ein Berliner Kurierfahrer, der in seinem Auto im Monat zwischen 5 000 und 10 000 Kilometer innerhalb des Stadtgebiets zurücklegt, hat die Antwort:

….und wenn ich dann links abbiege, rennt mir regelmäßig jemand vors Auto oder ins Auto rein. Habe ich jetzt schon zig Mal gehabt. Ich habe noch nie erlebt, dass ein Fußgänger kontrolliert wird. Immer nur die Autofahrer. Das Problem ist die Haftung. Fußgänger haften eben nicht, und das wissen die auch.

Auch gegen diesen schlimmen Missstand hat der Fachverband Fußgängerverkehr einen Vorschlag parat: er schlägt bei Verkehrsunfällen die Einführung einer Mitschuld für Fußgänger mit Handy vor. Davon hält der renommierte Unfallforscher Siegfried Brockmann allerdings nicht viel:

Zunächst mal zeugt der Vorschlag nicht von allzu viel juristischer Kompetenz. Denn natürlich muss sich ein Fußgänger, unabhängig von der Frage, warum er nicht auf den Verkehr geachtet hat, immer eine Mitschuld anrechnen lassen, wenn er ohne auf den Verkehr zu achten die Fahrbahn betritt, und dazu braucht es jetzt keinen neuen Tatbestand, das ist immer so gewesen.

Statt einer weiteren Verreglementierung und Kontrolle des Alltagslebens ist im Kampf für mehr Aufmerksamkeit im Verkehr vor allem die Präventionsarbeit an Schulen wichtig zu sein, heißt es von Seiten der Berliner Polizei. Aber immerhin: Steve Feldmann von der Polizeigewerkschaft meint, dass Verkehrsrichter die Ablenkung durchs Handy in Zukunft als straferhöhend einstufen könnten.

Netzwerk, Metadaten und Realitätskonstruktion: wie funktioniert das „globale Gehirn“?

Im digitalen Zeitalter sind Denken und Erkennen zunehmend kollektive Phänomene. Globale Unternehmen und Geheimdienste nutzen Metadaten, um das Verhalten von Menschengruppen vorauszusagen. Auch der Klimawandel wurde von vernetzten Computern aus Datenmassen errechnet. Welche Rolle spielt dabei die Denkleistung des Einzelnen? Ein fächerübergreifende Symposium über Geist, Freiheit und die Zukunft menschlichen Denkens.

Deutschlandfunk, 30.10.2014

Deutschlandfunk, Studiozeit – Aus Kultur- und Gesellschaftswissenschaften, 30.10.2014
Sind Denken und Erkenntnis heute ein Ergebnis der globalen Vernetzung maschineller Rechenleistungen? Spielt dabei die geistige Leistung des einzelnen Menschen womöglich nur eine Nebenrolle? Im digitalen Zeitalter muss das Verständnis von Geist und Erkennen neu bestimmt werden. Dabei sind die Auffassungen vom menschlichen Gehirn und Geist als Quelle von Sinn und Erkenntnis kulturell äußerst unterschiedlich geprägt – so der Tenor des Symposiums der Neuen Gesellschaft für Bildende Künste über das “soziale Gehirn”. Der italienische Philosoph Matteo Pasquinelli bezeichnet das Internet als “neues Nervensystem der Welt”. Nicht nur wirtschaftliche Trends, auch politische Bewegungen oder staatliche Sicherheitsstrategien unterlägen einer “anthropologischen Wende”, so Pasquinelli:

“Nehmen sie Google oder Facebook als die Hauptakteure in der digitalen Ökonomie heute. Die interessieren sich nicht für das Verhalten eines Individuums, sondern für die statistischen Ergebnisse des kollektiven Verhaltens. Wenn sie einen kollektiven Trend identifiziert haben, können sie Werbekampagnen planen, aber auch zukünftiges Verhalten der Massen und politische Entwicklungen voraussagen. Regierungen und vor allem Geheimdienste interessieren sich immer weniger für Individuen, sondern eher für Voraussagen über das so genannte ’soziale Gehirn’. Wir sind am Übergang von der Gesellschaft der Netzwerke zur Gesellschaft der Metadaten.”

Die maschinelle Vernetzung menschlicher Denkprozesse schaffe zudem neue Realitäten und Konflikte, meint Pasquinelli. Das habe sich nicht nur bei der Organisation des Arabischen Frühlings über soziale Netzwerke gezeigt. Auch die Entdeckung der Klimaerwärmung basiere nicht auf der Denkleistung eines Einzelnen.

“Erst mit Computern, mit denen sie Daten anhäufen und über mathematische Rechenmodelle aufbereiten können, kommt man zu dem Punkt, wo man sagen kann: Tatsächlich global gesehen verändert sich die Temperatur. Das funktioniert aber nur, wenn sie ein globales technologisches und institutionelles Netzwerk zur Verfügung haben, globale Erklärungsmodelle. Darum geht es, wenn wir über die Konstruktion von Realitäten sprechen, die sich globaler Technologien und mathematischer Rechenmodelle bedient.”

Die kollektive menschliche Intelligenz verwandelt und verästelt sich. Gedanken werden zu Wörtern, Wörter zu Zeichen, Zeichen zu Daten, Daten zu Mustern, Muster zu Trends und Trends schließlich zu Maschinenintelligenz – so Pasquinellis Theorie. Die Beschaffenheit des kollektiven Geistes ist dabei nicht erst seit der digitalen Revolution Untersuchungsgegenstand von Wissenschaftlern verschiedener Fachrichtungen. Für den indischen Soziologen Benjamin Zacharias ist der Begriff des Geistes, des Gehirns als sinnstiftendes menschliches Organ, ein künstliches Produkt der Zivilisation. Er ist überzeugt davon:

“Dass es keine bestimmten Strukturen gibt, die als Gehirn oder Geist funktionieren, es ist ein Konstrukt. Es ist auch eine gefährliche Idee, dass wir kollektiv denken. Ich glaube, dass es eher ideologisch gedacht ist, dass wir “etwas zusammen glauben”. Individuen glauben das nicht, obwohl sie manchmal sagen müssen, dass sie es glauben. Ein kollektives Gedächtnis ist das Gedächtnis von keinem. Es ist, wie soziale Kollektive funktionieren müssen. Als Legitimation ist es wichtig, zu sagen, dass wir alle kollektiv an irgendetwas glauben.”

Die Vorstellung vom kollektiven Gehirn ist für den Soziologen Zacharias vor allem ein Mittel der Einigung und Lenkung von menschlichen Gemeinschaften. Dahinter steht der Ur-Instinkt, einer Gruppe angehören zu wollen, oder, wie Zacharias sagt, “eine Angst vor der Freiheit. Dass man ganz allein denken könnte, das scheint gefährlich zu sein. Dann ist man allein und ohne Unterstützung. Das ist ein Anfang vom Faschismus, wenn jemand bereit ist, seine oder ihre eigene Freiheit nicht selber zu benutzen, sondern jemandem anderes zu geben.”
In einer fremden Gesellschaft

Wie eine Gesellschaft funktioniert, die nur aus eigenbrötlerischen Freigeistern besteht, die ihr Denken nicht mit anderen vernetzen, steht auf einem anderen Blatt. Die Vorstellungen von dem, was “Geist” eigentlich bedeutet, vom Gehirn als einzigem “Denkorgan”, aber auch der Begriff davon, welches Denken als “gesund” und “normal” gilt, unterliegen kulturell und individuell verschieden geprägten Weltvorstellungen. Der Frankfurter Psychiater Eben Louw beschäftigt sich mit der psychisch-mentalen Sondersituation von Migranten in einer fremden Gesellschaft. Er spricht vom “institutionalisierten Rassismus” in den psychiatrischen Pathologien der westlichen Wissenschaft.

“Die Instrumente, die wir für bestimmte psychologische und psychiatrische Phänomene haben, wie ein Intelligenztest zum Beispiel, die sind natürlich nicht angepasst an die migrantische Bevölkerung. Im besten Fall wird noch übersetzt, aber es wird nicht angepasst. Es kann sein, dass Menschen dann als krank klassifiziert werden, die nicht krank sind, weil kulturelle Unterschiede, Demarkationserlebnisse, nicht mitberechnet wurden. Und das an sich wirkt dann diskriminierend auf diese Menschen.”

Louw verwies auf eine aktuelle Studie aus Großbritannien. Sie besagt, dass unter den Einwanderern aus dem Karibikraum eine deutlich erhöhte Anzahl an Fällen von Schizophrenie diagnostiziert wurde. Die auffällige Häufung ähnlicher Krankheitsbilder in einer soziokulturellen Gruppe lege nahe, die Untersuchungsmethoden infrage zu stellen, denn das kulturelle Umfeld bestimmt, wann Denken und kognitive Erkenntnis als realitätsbezogen oder als bloße Fantasie des Gehirns gelten. Dass unterschiedliche Kulturkreise verschiedene Vorstellungen vom denkenden Gesamtkonzept Mensch haben, legte auf der Berliner Tagung der südafrikanische Philosoph Edwin Etieyibo dar. Unlängst habe das höchste Zivilgericht in Johannesburg alternative, in der westlichen Wissenschaft verpönte Behandlungsmethoden bei psychiatrischen Erkrankungen als solche anerkannt.

“Wenn jemand davon überzeugt ist, dass Vorfahren ihn mit einem Fluch belegt haben, sollte man diese Ansicht ernst nehmen. Medizinisch-wissenschaftliche Untersuchungen in Südafrika haben den Zusammenhang zwischen ärztlichen Behandlungserfolgen und dem persönlichen Glauben des Patienten bewiesen. Der Patient ist davon überzeugt, dass er – egal bei welcher Behandlung – nicht geheilt ist, solange er nicht bei einem traditionellen Heiler war. Dieser Placebo-Effekt hat direkte Auswirkungen auf die chemischen Abläufe im Körper und Gehirn des Patienten.”

Das thematisch breit angelegte Berliner Symposium über das soziale Gehirn gab unterschiedliche Denkanstöße. Am konkretesten wurde das Nachdenken über Geist und Gehirn im Blick auf die digitale Revolution: Die Bedeutung individueller Erkenntnisse als Denkleistung eines einzelnen Gehirns wird in der vernetzten, globalen Informationsgesellschaft zusehends relativiert.

Von Bestien und Menschenmassen

Fußballstadion, Demo, oder Ostermesse im Petersdom: Was passiert mit uns in einer Menschenmasse? Werden wir in der Masse wirklich zu „Bestien” (Gustave Le Bon, 1865), oder stärken wir in der Gruppe unsere eigene Identität? Gibt es sie überhaupt, die homogene Masse? Oder bilden mehr als zwei Menschen schon einen eigenen Verein? Die Wissenschaft hat – wie immer – viele Antworten.

Deutschlandfunk, 2.2.2014

Deutschlandfunk, Kultur Heute, 2.2.2014
Wo fängt die kollektive Begeisterung an, und wo schlägt sie um in eine gefährliche Massenhysterie, und vor allem wieso? Und was passiert mit dem Individuum in der Masse, mit seinem zivilisatorischen Anstand und seinem persönlichem Gefühlshaushalt? Der französische Psychologe Gustave Le Bon vertrat 1895 in seinem Standardwerk zur „Psychologie der Massen“ die Auffassung, dass der Einzelne, egal wie kultiviert er sei, in der Menge in einen primitiv-barbarischen Zustand zurückfalle. Steven David Reicher, Professor für Psychologie im schottischen St. Andrews, trat auf der Potsdamer Tagung  gegen dieses pessimistische Menschbild Le Bons an.

Der traditionellen Massenpsychologie zufolge verlieren Menschen in emotionalisierten Massen die Fähigkeit, vernünftig zu handeln und für ihr eigenes Schicksal einzustehen. Ich denke, das Gegenteil ist richtig. Denn oft werden wir nur in Massen zu sozialen Akteuren, die ihre eigene Geschichte in die Hand nehmen. Und deswegen erinnern sich Menschen so stark an Massenaufläufe, deswegen ist eine Masse für sie etwas so Leidenschaftliches.

Auch die Dynamik innerhalb von Massen spielte auf der Potsdamer Tagung eine wichtige Rolle: so ist zu unterscheiden zwischen einer bloßen Ansammlung vieler Menschen auf begrenztem Raum und einer psychologischen Menge. Die Dynamik zwischen Reisenden, die zufällig im gleichen Zug sitzen etwa, ändert sich schlagartig, wenn dieser Zug wegen einer Störung liegenbleibt. Der Wiener Psychoanalytiker Felix de Mendelssohn untersucht die innere Dynamik von Gruppen mit bis zu 500 Probanden. Das Gefühl des Einzelnen in der Gruppe sei bestimmt durch zwei Ur-Empfindungen: das Begehren und die Furcht. Das Begehren, in der Masse geborgen zu sein und über sich selbst hinauszuwachsen. Und die Furcht, entweder ausgeschlossen zu werden oder aber den gefährlichen Eigenmechanismen der Masse zu erliegen. Gruppen, so de Mendelssohn, sind dabei nie als homogene Einheiten zu verstehen:

Man sieht auch die Geburt des Politischen in gewissem Sinn. Denn in einer unstrukturierten Masse fangen Strukturen an, mit Bewegungen, Gegenbewegungen, Subgruppen, die Leute ziehen sich zurück. Aber es gibt kein Gruppenhirn. Ich glaube nicht, dass man die Masse als Subjekt betrachten kann, wenn man das tut, ist das sehr gefährlich und verwischt die Unterschiede, die ganz wichtig sind. Wenn man in eine Masse von mehreren Hundert gehen würde, und jeden einzeln befragen würden werden sie ganz unterschiedliche Antworten erhalten, warum sie hier sind und wie sie sich fühlen.

Wer die vielfältigen Motivationen und Gefühle innerhalb von Massen nicht beachtet, so lautet eine der wichtigsten Erkenntnisse moderner Massenpsychologie, riskiert die Eskalation. Was passiert, wenn Ordnungskräfte undifferenziert auf einzelne Gewalttaten innerhalb einer Versammlung reagieren, sei derzeit anschaulich in der Ukraine zu beobachten, betonte Mischa Gabowitsch, Wissenschaftler am Einsteinforum. Der radikale Polizeieinsatz gegen größtenteils friedliche Bürger-Demonstranten habe die ukrainische Protest-Bewegung zusätzlich emotional geeint und damit ihren politischen Einfluss noch verstärkt.

In der Ukraine kann man sehr leicht Menschen mit der Angst vor Russland mobilisieren. Und dadurch kann sich der ukrainische Nationalismus eben sehr leicht mit einer pro-westlichen Ausrichtung verbinden. Und gerade wenn man sich die Symbolik ansieht, ist dieser Nationalismus in ganz unterschiedlicher Ausprägung zu so einer Art emotionaler Gemeinsamkeit geworden. Aber das ist nicht das Einzige. Eine andere Gemeinsamkeit ist die absolute Ablehnung dessen, was als Korruption und Polizeibrutalität des Systems Janukowitsch angesehen wird.

Das Individuum in der Masse verliert weder seine Identität noch seine Vernunft, wie es Gustave Le Bon im 19. Jahrhundert behauptete. Vielmehr gestaltet die Masse einen neuen, zusätzlichen Identitätsaspekt des Einzelnen. Ob diese Identifikation mit der Masse dann Euphorie oder Aggression erzeugt, liegt nicht zuletzt in der Außenwahrnehmung: wer Menschenmassen undifferenziert und radikal entgegentritt, provoziert eine ebenso radikale und emotionalisierte Gegenreaktion. Der Mensch, so könnte ein Fazit der Potsdamer Tagung lauten, will Teil einer Identifikationsgruppe sein und dennoch als Individuum respektiert werden.

 

Was ist Eigennutz?

Wenn jeder an sich denkt, ist dann an alle gedacht? Biologen behaupten, Gerechtigkeitsempfinden und Empathie sind keineswegs eine Erfindung der Zivilisation. Psychologen fragen: Was ist überhaupt dieses Ich, das sein Interesse verfolgt? Soziologen sagen: Menschen denken die Umwelt immer mit, weil sie sie brauchen.

Deutschlandfunk, 15.6.2013

Deutschlandfunk, Kultur Heute, 15.6.2013

 

Der Begriff „Eigeninteresse“ hat etwas von Eigenlob. Er geht nämlich davon aus, dass wir ein kohärentes Ich sind, mit einem kohärenten Ziel, dem wir entgegenstreben. Dabei sind wir oft wie ein Fähnchen im Wind, wenn sich uns eine bestimmte Gelegenheit anbietet, wenn wir Verhalten, das wir bei anderen beobachtet haben, übernehmen. Menschen haben ein Verlangen nach etwas Bestimmten, nur weil die Menschen in ihrer Umgebung dieses Verlangen haben. Verlangen ist Nachahmung, es kommt nicht aus einem selbst. Wie gesagt: das Konzept Eigeninteresse ist eigentlich Lobhudelei.

Der New Yorker Professor für Politikwissenschaften Stephen Holmes markierte bereits zu Beginn der zweitägigen Konferenz die Fallhöhe: Eigeninteresse, ein Selbstbetrug mit dem der Mensch sich schmeichelt? Es war nicht die einzige Überraschung im Potsdamer Einstein Forum, wo Philosophen, Biologen, Soziologen, Politikwissenschaftler und Betriebswirte über das Konzept des „self-interest“ debattierten. Was genau ist eigentlich Eigeninteresse? Und woher kommt es, dass in unseren Gesellschaften der Eigennutz noch immer als Hauptfaktor für menschliches Verhalten gilt, obwohl Biologen und Soziologen seit Jahrzehnten das Gegenteil bewiesen haben? Nun wird auch der pessimistischste Zeitgenosse eingestehen müssen, dass Menschen auch altruistisch handeln. Freilich nur, weil sie dies in einem mühsamen zivilisatorischen Prozess gelernt haben, wirft dann der Skeptiker ein. Weit gefehlt, meint dazu allerdings der niederländische Biologe und Verhaltensforscher Frans de Waal. Intensive Studien mit Bonobo-Affen zeigen, dass Altruismus durchaus angeboren ist:

Die Spezifizität der moralischen Regeln ist nicht angeboren, aber die Tendenzen, die wir haben, zum Beispiel Empathie, Versorgungstendenzen, und ein Gefühl für Gerechtigkeit. Diese Dinge kann man auch bei anderen Primaten finden, und wir machen Experimente dazu, die zeigen, dass die Gerechtigkeit keine menschliche Erfindung ist. Vielleicht ist sie durch die Religion und die Philosophie verstärkt worden,  aber nicht notwendigerweise vom Menschen herausgefunden.

Eine neue Begriffsdefinition regte die amerikanische Historikerin Lorraine Daston an: Im Kalten Krieg, so Dastons einfaches Beispiel, hätten die Opponenten nicht zuletzt aus Eigeninteresse auf einen Angriff verzichtet, der die gegenseitige Auslöschung bedeutet hätte. Eigeninteresse zielt nicht immer nur auf den ur-eigensten, unmittelbaren Nutzen, sondern bezieht auch die strategische Erkenntnis mit ein, dass der Mensch auf seine Umwelt angewiesen ist, ihr jetziges und zukünftiges Wohlergehen also gleichzeitig seinem Interesse entspricht. Für Unruhe in den Reihen der Soziologen sorgte in Potsdam der Unternehmensberater und Professor für Betriebswirtschaft Christian Scholz mit seinem Modell des sogenannten „Darwiportunismus“, der das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer regle.

Die eine Entwicklung ist der Darwinismus, im betriebswirtschaftlichen Sinne verstanden als eine Zunahme an Selektionsmechanismen im weitesten Sinne. Opportunismus, das ist die zweite Idee, das ist ein eher individuelles Konstrukt, das bedeutet, dass Leute in ihrem Wertesystem sehr stark opportunistisch denken, was bedeutet, ich suche meine Chancen, gehe dadurch aber auch das Risiko ein, das andere einen Schaden haben.

Was zunächst für empörte Reaktionen seitens der Geisteswissenschaftler auf der Potsdamer Tagung sorgte, stellte sich im weiteren Verlauf als ein durchaus interessantes Modell der Unternehmenskultur heraus. In einem psychologischen Vertrag, so Scholz, solle man sich auf ein bestimmtes Maß an Bewertung und Belohnung durch den Arbeitgeber, und andererseits an Möglichkeiten der Selbststeigerung seitens des Arbeitnehmers einigen. Nur dann erreiche man ein befriedigendes und stabiles Betriebsklima, bei dem die Interessen aller gerecht berücksichtigt würden, so Scholz.

Eigennutz ist durchaus etwas Produktives in dem Fall, weil es ihr Verhalten steuert , und ich halte es für völlig unrealistisch argumentieren zu wollen, das Mitarbeiter in Unternehmen primär altruistisch sein sollen.

Eigeninteresse, so zeigt auch dieses Beispiel, ist zum Funktionieren der menschlichen Gesellschaft durchaus von positiver Bedeutung. Die vielleicht wichtigste Frage aber, was man denn als eigenes Interesse verstehen soll, inwiefern es dem Individuum nur dann gut ergeht, wenn es seinem Umfeld gut ergeht, wurde auf der Tagung nicht beantwortet.

 

Letzte Chance für Rechtsextreme

Als Vorstufe zur Gefängnisstrafe kann jugendlichen Straftätern Arrest verordnet werden, als letzte Chance, sich zu bewähren. In der Jugendarrestanstalt Weimar werden Gewalttäter aus der rechten Szene in einem speziellen Programm mit ihrer Gesinnung und den Folgen ihrer Gewaltexzesse konfrontiert.

 Deutschlandradio Kultur, 31.1.2012

Deutschlandradio Kultur, Reportage, 31.1.2012

 

Ein kalter Januarmorgen, es ist 8:30 Uhr. Laura Menger und Daniel Speer überqueren den Hof der Jugendarrestanstalt in Weimar. Ein Beamter hinter Panzerglas lässt sie die Sicherheitsschleuse passieren. Ein großes Stahltor, eine Betonmauer, fünf Meter hoher Maschendrahtzaun mit Stacheldraht gesichert. Die beiden Mittzwanziger, sie Psychologin, er Sozialpädagoge, arbeiten hier zwei Wochen lang täglich mit sechs rechtsradikalen Gewalttätern.

Die Jugendlichen zwischen 16 und 22 Jahren absolvieren das Aggressionsschwellentraining hinter verschlossenen Stahltüren in der alten Gefängniskapelle. Sie sind einfach gekleidet, wirken zurückhaltend, fast schüchtern. Und sehen müde aus. Seit zehn Tagen sind sie untergebracht in Einzelzellen. Nur ein Radio und ihre Trainingsaufzeichnungen bieten Abwechslung. Die meisten von ihnen sind bereits früher aufgefallen.

Man muss schon sagen, dass die rechtsextreme Einstellung Gewalt rechtfertigt. Und jeder der Jugendlichen hat sich an einem bestimmten Punkt dafür entschieden, ein Straftaten zu begehen.

Was genau sie getan haben, verrät der Sozialpädagoge nicht. Weil sie dadurch schnell wiedererkannt werden – oder die rechte Szene sie für ihre Taten nachträglich noch feiern könnte. In den allermeisten Fällen geht es um schwere Körperverletzung, oft in der Gruppe unter starkem Alkoholeinfluss. Solche  „Ausreden“ für die Taten der Jugendlichen haben im Training aber keine Chance.

Von daher geht es in dem Kurs auch darum, die Verantwortung für das, was man getan hat, zu übernehmen, sich damit auseinanderzusetzen, und die Strategien, um dass Ganze von sich wegzuschieben, von sich abzuwehren, erst mal aufzulösen, und die Auseinandersetzung mit dem, was gewesen ist, zu ermöglichen.

Das Programm will rechtsextremistische Gesinnung durchbrechen, den Ausstieg aus der Szene erleichtern. Auch Bildungsdefizite sollen ausgeglichen werden: Wie funktioniert eine freiheitliche Demokratie? Was haben wir aus der Geschichte gelernt? Heute geht es um die körperlichen und seelischen Folgen von Gewalt. Was passiert, wenn man einem Gewaltopfer, das bereits am Boden liegt, in den Bauch tritt?

Laura Menger: Welche Organe liegen denn unter der Bauchdecke?
Hier?
Hm, ja!
Naja, Gedärme. Zum Beispiel Blinddarm, Dickdarm, ich glaub die Leber, Magen. Die Lunge ist im Brustbereich, das weiß ich.

Was ich schon umgesetzt habe bei mir: ich trink keinen Alkohol mehr, ich rauche nicht mehr. Und was ich mir noch als Ziel aufgeschrieben hab, ist Schulabschluss, Lehre, Arbeit. Ich wohne mit meiner Freundin seit eineinhalb Jahren zusammen. Wir ziehen jetzt zu ihren Eltern, das ich aus dem Viertel, wo ich jetzt bin, rauskomme, wo viel Gewalt vorkommt. Ich will halt jetzt die Vergangenheit komplett hinter mir lassen.

Der rothaarige Zwanzigjährige im Trainingsanzug  bezeichnet sich selbst nicht als rechtsextrem, selbst wenn sich sein Freundeskreis offensiv zur Neo-Nazi Szene bekennt und er schon früher wegen Gewalt in diesem Umfeld aufgefallen ist.
Das Programm soll nun dabei helfen, dass er sich seiner Tat bewusst wird, Vorurteile abbaut und so den Tatkreislauf durchbricht. Und das in nur zwei Wochen. Am Ende des Programms legen die jungen Männer dann eine Prüfung ab und sprechen erneut mit ihrem Richter.

Jetzt soll es in einer Übung nochmal stärker um die Ursachen von Gewalt gehen, und zwar vor allem um genetische Ursachen von Gewalt.
Dafür haben wir Ihnen eine wissenschaftliche Studie mitgebracht, in der zwei Professoren Untersuchungen angestellt haben zum Körperbau und Charakter……..

Die Trainingsleiter präsentieren den Jugendlichen eine Studie, die zwischen drei genetischen Menschentypen unterscheidet: Dem phlegmatischen Pykniker, dem ehrgeizigen Leptosomen und dem zupackenden Athleten. Allein aufgrund der äußeren Erscheinung wird auf Intelligenz, Lernfähigkeit oder Führungsqualitäten geschlossen. Nun sollen die Jugendlichen sich selbst einer Gruppe zuordnen.

Weil man sich selber so gut kennt, kann man das auch gut einschätzen, und wir wollen jetzt mal eine Runde machen, welchem Typ Sie sich zuordnen. Fangen Sie mal an.

Ich würde sagen, eher der pyknische Typ……

Zögerlich teilen sich die jungen Männer den verschiedenen Menschentypen zu. Was sie nicht wissen: das Raster, das sie dabei auf sich anlegen und die Studie dahinter – sind erfunden.

Das Ergebnis – brutal. Menger, Speer und die Jugendlichen diskutieren kurz, dann gibt es eine geheime Wahl: zwei der Jugendlichen werden dabei vom Programm ausgeschlossen. Die Diagnose: keine Aussicht auf Besserung.

Ja, dann bring ich sie jetzt rüber. Sie können ihre Unterlagen gleich mitnehmen.
Na dann….
Macht’s gut…

Betretens Schweigen unter den vier übrig gebliebenen Jugendlichen. Diese Art der Selektion, die Einteilung von Menschen in Schubladen, ist ihnen dann doch unheimlich.

Das ist ja fast schon wieder rassistisch! Das muss ich ganz ehrlich sagen. Nur weil er ein P…. …Pykniker!….
 ….ist, müssen wir mit dem nichts anfangen, den können wir weg machen.
 Früher war’s nicht anders. Da hieß es: Juden haben große Nasen, schwarze Haare…
… Ja, so nach dem Motto geht’s doch hier auch!….
…Ja, und so werden wir hier auch in Gruppen gespaltet. Aber ich bin der Meinung, dass auch Pykniker gut sein können, Athleten schlecht sein können….
Ich würd noch nicht mal Menschen darunter einteilen!

Erst später erfahren die Jugendlichen, was sie bereits geahnt haben: nicht nur die Studie ist eine Erfindung.
Sondern auch die Ideologie dahinter. Ihre Ideologie, die außerhalb ihres rechtsextremen Freundeskreises nicht standhält.
Am folgenden Tag besuchen die Jugendlichen die Gedenkstätte im ehemaligen KZ Buchenwald.


Was ist Liebe, und kann man das lernen?

Sozialpsychologen, Neurologen und Philosophen haben unterschiedliche Antworten, die wahrscheinlich alle richtig sind.

Deutschlandfunk 24.2.2013

Deutschlandfunk, Aus Kultur- und  Sozialwissenschaften, 24.2.2013

 

Man kann aus ethnologischer Sicht auf keinen Fall davon ausgehen, dass es eine universale, quasi kulturfreie Liebe gibt. Die Art und Weise wie wir lieben, also, was wir als Liebe ansehen, was für Attribute wir damit verbinden, woran wir Liebe erkennen, an uns selber und an anderen, hängt von den jeweiligen kulturspezifischen, kulturellen Konzepten, Modellen, Schemata ab.

Birgitt Röttger-Rössler, Ethnologin an der Freien Universität Berlin, brachte den Tenor der Tagung über „Die Wissenschaft und die Liebe“ erst spät am Abend auf den Punkt. Es gibt wohl keinen Begriff, der mit so unterschiedlichen Bedeutungen aufgeladen wird und so abhängig ist von kulturellen, historischen und natürlich ganz individuellen Umständen wie die Liebe. Liebe, soweit hilft uns das Lexikon, ist etwas „Gutes, Angenehmes, das im engeren Sinne die Bezeichnung für die stärkste Zuneigung ist, die ein Mensch für einen anderen Menschen zu empfinden in der Lage ist. Der Erwiderung bedarf sie nicht.“ Wie die Liebe eines Liebespaares aus sozialpsychologischer Sicht entstehen kann, erklärt der Verhaltensforscher Bernhard Fink von der Universität Göttingen an einem alltäglichen Beispiel.

Sie beurteilen zunächst einmal das Tanzen, etwa in der Disko, Körperbewegungen. Wenn sie dabei eine erste Entscheidung gefällt haben, dann etwa mit der Person am Tresen sitzen und ein Gläschen Wein trinken, dann haben sie die Gelegenheit, nochmal etwas über das Gesicht zu erfahren. Dann hören sie auch noch den Klang der Stimme, und sie erfahren ein paar Schlüsselkriterien, die in dem, was Menschen aneinander anziehend finden, eine Rolle spielen. Sie erfahren etwas über den Status des Gegenübers, über Einstellungen der anderen Person. Und dabei weiß die Wissenschaft, dass ein Prinzip gilt, was wir die Homogamie nennen, das heißt einfach: gleich und gleich gesellt sich gern.

Aus biologischer Sicht scheint das Phänomen der Liebe also relativ einfach zu erklären zu sein. Oder doch nicht? Am Anfang der Liebe steht das gegenseitige Interesse, das wiederum innerhalb von wenigen Augenblicken über äußerliche Reize und kognitive Empfindungen geweckt wird. Wann und wieso aber wird aus diesem Reflex eine enge, vertraute Partnerschaft, vielleicht sogar die Liebe unseres Lebens? Und wie finden wir den Partner, der dieses Glück verspricht? Diese Frage versucht der moderne Mensch immer öfter schematisch zu lösen, meint Julia Dombrowski vom Hamburger Museum für Ethnologie.

Natürlich nimmt die Wissenschaft Einzug in die Liebe, und vor allem die Psychologie schon seit geraumer Zeit. Das sieht man an Ratgebern und populärwissenschaftlicher Literatur. Liebe und Partnerschaft ist einfach ein Bereich, der stark psychologisiert ist. Paarberatung und Paarcoaching gehören ja mittlerweile zu Alltagsangeboten. Und da denke ich, setzen auch die kulturspezifischen Vorstellungen an, dass es Ideen über Wissenschaftlichkeit gibt, nämlich: Wissenschaftlichkeit bietet Lösungen.

Die Hamburger Ethnologin erforscht den Begriff der Liebe bei der Partnersuche im Internet. Immerhin sieben Millionen Menschen greifen in Deutschland pro Monat auf ein Dating-Portal im Internet zu, bis zu drei Millionen Profile zählen die großen Anbieter der Branche. Im Mittelpunkt steht beim Online-Dating die Individualität der Selbstpräsentation: unter den unzähligen Profilen, die potentiell zur Auswahl stehen, spiele der erste, einmalige  Eindruck, eine noch größere Rolle als beim reellen Aufeinandertreffen, meint Dombrowski. Dies sei ein kulturspezifisches Merkmal der Liebe im Verständnis der westlichen Moderne: nur ich selbst kann erkennen, mit wem ich zusammen sein möchte, ich selbst entscheide, wen ich lieben kann. Dass die Idee der Romantik schwer mit der Technik Internet zu verbinden ist, spiele für die Online-Liebessucher zunächst keine Rolle.

Sie verzichten zum Teil auch bewusst am Anfang darauf und werden von diesem Geschäftsmodell angezogen, weil sie natürlich enttäuscht sind von vorherigen Erfahrungen. Und da ist es natürlich toll, auf einmal ein Geschäftsmodell vor der Nase zu haben, wo halt Effektivität, und: „treffen Sie Ihren Partner!“, und alles ganz ruckizucki versprochen wird. Dann aber – und das finde ich spannend – wenn sich Online-Dater kennengelernt haben und eine Beziehung eingehen, dann wird oft dieses erste Kennenlernen zurückromantisiert. Das heißt, man hat sich zufällig in der Börse getroffen, zufällig waren halt beide Leute online, und zufällig hat man den Computer nicht ausgeschaltet, und die Email fühlte sich schon ganz besonders an.

Die Bewertung von Bewegung, aber auch Auswahlkriterien wie die Stimme oder der Geruch eines Menschen, die der Verhaltensforscher Bernhard Fink für ausschlaggebend hält, fallen für die Online-Dater aus. Dennoch gehorcht die Partnersuche im Internet den selben Gesetzen, wie sie die Biologie kennt: für die Partnerauswahl steht die Homogamie im Mittelpunkt, das erkennen von Parallelen zwischen sich selbst und dem Gegenüber. Dass sich die Suche nach der Liebe bereits seit Jahren zunehmend ins Internet verlagert, sei eine natürliche Reaktion im Zeitalter der Technologie auf das Chaos der Liebe, meint Julia Dombrowski.

Ordnung und Kontrolle spielen eine ganz große Rolle. Liebe und Partnersuche sind Bereiche, die von ganz starken Unsicherheiten geprägt sind. Man weiß oft selber gar nicht, wie man sich fühlt, man weiß natürlich nicht, wie der andere oder die andere denkt und man weiß überhaupt nichts mehr. Man ist einfach verunsichert. Dating-Börsen bringen natürlich ein Ordnungssystem hinein. Die Wissenschaftlichkeit der Ordnungsbörsen bringt  ein Ordnungssystem hinein, und das ist natürlich ein starkes Bedürfnis von den Leuten. Und man merkt das auch: am Anfang hält man sich auch an diese Ordnungssysteme der Dating-Börsen. Man guckt sich die Partnervorschläge an, man antwortet oft auch denen mit den meisten Matching-Points.

Dating Börsen werben ganz bewusst mit vermeintlich wissenschaftlichen Formeln und verzichten zugleich auf den Verweis auf die Romantik. Erst in den Erfahrungsberichten zufriedener Kunden ist dann die Rede vom tiefen Blick in die Augen beim ersten Treffen, von einem romantischen Abend und den sprichwörtlichen Schmetterlingen im Bauch. Partnersuche per Mausklick also als möglicher Anfangspunkt einer glücklichen, romantischen Liebe. Worin aber besteht das Glück des Verliebtseins? Was genau passiert mit uns, wenn wir glauben, oder vielmehr fühlen, endlich den Partner für’s Leben gefunden zu haben?

Gehen wir davon aus, zwei lernen sich kennen, die finden sich attraktiv, und die initiieren beide eine Beziehung. Dann sind unterschiedliche Hirnmechanismen beteiligt. Es ist hochbelohnend für diese beiden, miteinander zu interagieren. Manche Autoren vergleichen das auch mit einer suchtähnlichen Form von Interaktionen, sie denken die ganze Zeit an ihren Partner. Diese Zeit der ersten Interaktion der ersten Verliebtheit, ist sicher hoch belohnend und hoch positiv.

Erklärte auf der Berliner Tagung die Züricher Biopsychologin Beate Ditzen. Bei einer Versuchsreihe mit „Schwerverliebten“, so die Wissenschaftlerin, habe die vermehrte Ausschüttung des Belohnungshormons Dopamin eine aktive schmerzlindernde Wirkung gezeigt. Bereits der Anblick eines Fotos des Geliebten, lasse den Partner beispielsweise einen Schmerz durch Elektroreizungen als weniger stark empfinden. Wie heftig die Wirkung des Dopamins ist, hänge dabei vermutlich mit genetischer Veranlagung und der Anzahl der Hormon-Rezeptoren zusammen. Verliebtheit, davon ist die Neurowissenschaftlerin überzeugt, lasse sich sogar künstlich herstellen.

Faktisch ist es aber ein biologischer Cocktail, der in uns mit einer bestimmten Dynamik das Gefühl von Verliebtheit auslöst. Dann glaube ich, könnten wir den auch durch bestimmte Substanzen stimulieren. Ich denke, es wird irgendwann möglich sein, diesen hoch belohnenden Aspekt, wenn eine Person da ist, rein pharmakologisch zu stimulieren und uns vorzumachen: dieser Mann, diese Frau, ist die tollste Person, der ich jemals begegnet bin. Das Problem ist aber nicht dieser Moment, sondern das Problem beginnt danach, wenn wir eine Beziehung mit der Person anfangen möchten. Wollen wir dann immer weiter die Droge nehmen?

Aber will die Liebe schon mithilfe eines Cocktails finden? So wie jede Droge verliert auch die der Verliebtheit irgendwann ihre Wirkung. Abhängige, um im Bild zu bleiben, bräuchten immer wieder neue Verliebtheitskicks, die sie, wenn erst einmal der Liebesalltag eingekehrt ist, bei immer wieder wechselnden Partnern suchen. Die Wissenschaft nennt dieses Phänomen das dysfunktionale Kreislaufsystem. Für ein Menschenleben, zu dessen Erlebniswelten bekanntermaßen mehr als nur die Verliebtheit gehört, ist die Liebesgewöhnung ein natürlicher und zudem durchaus wünschenswerter Prozess, meint der Sozialpsychologe Manfred Hassebrauck.

In dieser Phase, in der wir so extrem physiologisch erregt sind, die Endorphinausschüttung ist erhöht, und vieles andere, in dieser Phase verarbeiten wir Informationen generell weniger systematisch, weniger gründlich, als wir es normalerweise tun. Was dazu führt, dass wir für viele Aufgaben, die das Alltagsleben an uns stellt, alles andere als gut gerüstet sind. Und deswegen ist das durchaus funktional nach so einer ersten Phase der Paarbildung, dann sollten wir auch mal wieder sorgfältig und vernünftig auf unsere Umwelt gucken, und auch die anderen Aufgaben bewältigen.  

Und was macht die Liebe auf Dauer zu einer glücklichen? Auch dieser Menschheitsfrage, so scheint es, ist durchaus mit wissenschaftlichen Mitteln beizukommen. Manfred Hassebrauck von der Bergischen Universität Wuppertal definiert vier Säulen der Zufriedenheit in der Partnerschaft: es sind Intimität, also Vertrauen und Nähe, Übereinstimmung, wie ähnliche Einschätzungen und Geschmäcker, Leidenschaft und Sexualität, und nicht zuletzt: Unabhängigkeit, also dem Partner Freiraum lassen. Welche Bedeutung diese vier Grundpfeiler in einer Langzeitbeziehung haben, sei dabei in jeder Partnerschaft unterschiedlich. Niemand erreiche freilich das perfekte Gleichgewicht.

Zu diesen individuellen Unterschieden gehören so genannte dysfunktionale Beziehungsüberzeugungen. Dass Leute meinen, in einer Beziehung muss es immer spannend und erregend sein. Wir müssen perfekt übereinstimmen, wir dürfen niemals unterschiedlicher Meinung sein. Seelenverwandtschaft: entweder es passt von Anfang an, oder es passt nie.  All das sind eigentlich Grundüberzeugungen, die für langfristig zufriedenstellende und glückliche Beziehungen alles andere als funktional sind.

Langzeitbeziehungen, darüber sind sich die Forscher weitgehend einig, wirken sich  nicht nur steigernd auf Gesundheit und Lebenserwartung aus. Langfristig sorgen stabile Liebesbeziehungen auch für eine größere soziale Integration und ein stärkeres Gefühl der allgemeinen Zufriedenheit. Beate Ditzer hat in neurowissenschaftlichen Versuchen zudem nachgewiesen, dass gerade die körperliche Nähe eines Langzeitpartners Stressgefühle neurologisch messbar vermindert. Auch der Verhaltensforscher Bernhard Fink ist sich sicher, dass feste Partnerschaften wie die Ehe aus rein biologischer Sicht durchaus sinnvoll sind. Dabei gehe es allerdings weniger um das Liebespaar, als um die Versorgung des Nachwuchses. Dieser evolutionär geprägte Mechanismus bestimmt das Zusammensein eines Liebespaares auch im Alltag, so Fink.

Man hat etwa Tagebuchstudien durchgeführt, wo man Frauen gebeten hat, das Verhalten ihrer Partner zu notieren, zu Zeiten, wenn die Frauen fruchtbar sind und zu Zeiten,wo sie nicht fruchtbar waren. Und verblüffender Weise ist es so, dass an fruchtbaren Tagen, also rund um den Eisprung, die Männer sich plötzlich sehr viel mehr für ihre weiblichen Partner interessieren und sich sogar für Dinge interessieren, für die sie sonst kein Interesse haben. Sie gehen mit den Frauen einkaufen etwa, oder sie führen längere Telefonate. Für den Biologen steckt da der Mechanismus dahinter, dass man sicher gehen möchte, in den Nachwuchs, in den ich reininvestiere, da muss ich sicher sein, dass der auch wirklich von mir ist.

Der Faktor der Versorgungsicherheit gilt übrigens nicht nur für die Spezies Mensch. Auch im Tierreich gebe es zahlreiche Arten, die dem Menschen sehr ähnliche, monogame Beziehungsstrukturen pflegen, meint der Historiker Pascal Eitler, der sich als einer der ersten Wissenschaftler mit dem Phänomen der Tierliebe auseinandersetzt.
Tierliebe gilt heute als eine besonders unverfälschte und intuitive Art der Zuneigung.

Tierliebe hatte immer auch eine erzieherische Funktion: über diese Zuneigung zu Tieren sollten Menschen lernen, Zuneigung auch gegenüber Menschen zu entwickeln, Verantwortungsgefühl – auch das ist heute immer noch ein Klassiker in Erziehungsfragen. Man hat das Haustier, damit man Verantwortung lernt. Und insofern muss man dann sagen: das, was hier heute als Tierliebe kennen, auch einfach ein Produkt der Aufklärung ist und dieser neuen Form von Menschlichkeit, von Moralität.

Und was bedeutet es, wenn wir behaupten, unser Haustier zu lieben? Wieso vererben Menschen ihr Vermögen ihrem Hund oder ihrer Katze? Wie ist es zu erklären, dass mancher Mensch zu seinem Tier ein engeres Verhältnis zu pflegen scheint, als zu seinen Mitmenschen? Und welche Rolle spielt die Projektion der eigenen Gefühle auf das Tier? Aus Sicht des Historikers Eitler muss man davon ausgehen, dass auch bestimmte Tiere gegenüber dem Menschen ein Gefühl erleben, das der Liebe gleichkommt, oder sie zumindest lernen, dass sie den Menschen brauchen.

Es gibt immer wieder sehr prominente Beispiel, vor allem von Hunden, die ihren verstorbenen Herrchen oder Frauchen oft wochen- oder monatelange gewissermaßen nachtrauern, auf den Friedhöfen sich rumtreiben, den Grabstein nicht verlassen wollen,  aufhören zu essen, sich nicht mehr bewegen wollen und wirklich lethargisch werden. Und die einfache Frage ist: warum lässt man die Möglichkeit nicht offen, das eventuell auch Tiere diese Gefühle erwerben können, wenn man 14, 15 Jahre zusammenlebt. Die Tiere erlernen das eben auch, so wie wir das mühsam erlernen müssen.

Liebe, so könnte eine Quintessenz der Berliner Tagung lauten, ist ein Strauß aus hormonell-neuronaler Reaktion, biologisch-evolutionärer aber auch kulturhistorischer Prägung und sozialem Bindungsbedürfnis. Auch die Wissenschaft wird das Phänomen der Liebe wohl nie erschöpfend erklären. Und das ist vermutlich gut so, denn dann wäre die Liebe im eigentlichen Sinne wohl nicht mehr als solche zu bezeichnen.

Give something back to Berlin

Aus aller Welt zieht es junge (Lebens-) Künstler, DJs, Autoren, Webdesigner und andere Kreative nach Berlin, weil sie ein Stück abhaben wollen vom Hype. Was treibt zwei Schweden in Berlin-Kreuzberg an, der angesagten Stadt in chronischer Finanznot etwas zurückzugeben – umsonst, kreativ und draußen?

Deutschlandfunk, 23.7.2013

Deutschlandfunk, Corso, 23.7.2013

 

Ich bin Maria aus Portugal. Ich bin Designerin, Illustratorin und arbeite auch mit Textilien. Ich bin Anfang Juni mit meinem Freund nach Berlin gezogen, weil er hier einen Job als Web-Developer gefunden hat. Ich bin auch mitgegangen, weil die Kunst- und Kreativszene in  Berlin einfach hipp ist. Das ist gut für mich zum Arbeiten.

Die dunkelhaarige 31 jährige Portugiesin Maria sitzt in einem Kreuzberger Hinterhof, lächelt und blinzelt in die Sonne. Neben ihr versucht sich ein junges Mädchen am Farbdruck auf Stoffbeuteln. Den Stempel hierzu hat Maria aus Indien mitgebracht, wo sie einige Zeit verbracht und gearbeitet hat. Jetzt, beim Projekt „Designe Deinen Sommer“ der Berliner Stadtmission, bringt die Designerin Jugendlichen ihr Kunsthandwerk bei. Maria will so der Stadt, die gerade bei jungen Kreativen aus aller Welt äußerst beliebt ist, einfach etwas zurückgeben.

Das muss ich nicht, aber ich möchte gern. Das ist der Sinn vom Ehrenamt. Etwas geben, ohne dafür etwas zurückzuverlangen. Und außerdem lerne ich so Deutsch und treffe andere Menschen.

Die Idee, die internationale Neuberliner Kreativklasse und die Berliner Urbevölkerung zusammenzubringen, stammt von zwei Schweden. Die Journalistin Annamaria Olsson und ihr Freund, Übersetzer und Labelbetreiber Anders Ivarsson, wohnen seit vier Jahren im neuen Szene-Viertel im nördlichen Neukölln. Sie sind Teil der ständig wachsenden Gemeinde junger Musiker, Künstler, Designer oder Autoren, die die Straßen Berlins bevölkern und langfristig, so wird jedenfalls behauptet, mitverantwortlich sind für Gentrifizierung und steigende Mieten.

Ab und zu ist da eine komische Stimmung zwischen Altberlinern und Neuberlinern – und diese Spaltung fand ich ganz furchtbar. Die Debatte war ziemlich aufgeheizt, aber ohne konkrete Lösungen. Das waren nur Schlagwörter. Und wir wollten etwas Praktisches, eine kleine Lösung erfinden.

Gesagt getan: die beiden Schweden posteten auf Facebook einen Aufruf an den kreativen Freundeskreis, Berlin und seinen Bewohnern etwas zurückzugeben. Sie wollen mehr sein als ein Faktor, mit dem die Immobilienwirtschaft die Aufwertung bestimmter Viertel und Mietsteigerung betreibt. Die Marktkräfte schlagen nämlich längst Kapital aus dem Slogan „arm aber sexy“.

Vor allem habe ich das Gefühl gehabt, dass ich gerne aus dieser Blase herauswollte. Man liest ja diese Aufkleber überall, „Berlin doesn’t love you“ oder „Yuppies raus!“. Das sind einfache Schlagwörterlösungen, für die es eigentlich keinen Sinn gibt, außer sich mit den Leuten zu streiten.

Mit ihrer Idee hatten Annamaria und Anders einen derart großen Erfolg, dass sie nur wenige Wochen später eine eigene Website einrichteten, die kreative Neuberliner mit Urberlinern vernetzt. Auf givesomethingbacktoberlin.com suchen soziale Projekte Hilfskräfte und bieten junge Kreative und hippe Neuberliner ihre Fähigkeiten an. Die beiden Schweden vermitteln Yogalehrerinnen in ein Heim für obdachlose Frauen, Theatermacher in ein Theaterprojekt für sozial Benachteiligte, kreative Bastler in eines der Reparaturcafés, in denen sich die Nachbarschaft beim Reparieren kaputter Gegenstände hilft. Einziges Kriterium bei der Vermittlung: ein echter Austausch zwischen Alteingesessenen und kreativen Expats.

Wir sind nicht nur freie Arbeitskräfte. Es war uns auch sehr wichtig, die andere Seite der Stadt und auch unsere Nachbarn wirklich kennenzulernen. So baut man auch eine gute Nachbarschaft und eine gute Gesellschaft auf.

So wie die portugiesische Designerin Maria jetzt im „Designe deinen Sommer“ – Camp der Berliner Stadtmission Jugendlichen Textildruck beibringt, haben Anders und Annamaria innerhalb von nur einem Monat über 30 Hilfskräfte vermittelt. Gerade haben die beiden Schweden sogar einen Preis beim Wettbewerb „Neue Nachbarschaft“ der Montag Stiftung gewonnen.

Wir hatten ein bisschen Panik gekriegt, als wir gesehen haben, wie viele Leute sich engagieren wollen – „Huch, was haben wir jetzt gemacht? Was Megagroßes. Haben wir die Zeit dafür?“

Drei Tage pro Woche wenden Anders und Annamaria mittlerweile für ihr Projekt auf, und müssen nebenher als Freiberufler natürlich auch noch Geld verdienen. Immerhin nimmt das schwedische Paar so der sauertöpfischen Kritik an zu vielen Touristen und kreativen Neuzuzüglern den Wind aus den Segeln, sorgt für gelebte soziale Vernetzung und gibt außerdem auch dem arg abgenutzten „arm aber sexy“ – Slogan einen neuen Sinn.